APA/APA/THEATER IN DER JOSEFSTADT/MORITZ SCHELL

"Ritter, Dene, Voss": Ahnenbefragung in der Josefstadt

18. Nov. 2022 · Lesedauer 3 min

An den Wänden überlebensgroß die Ahnen: Ilse Ritter, Kirsten Dene, Gert Voss. Mit diesem optischen Schachzug machen Regisseur Peter Wittenberg und Bühnenbildner Florian Parbs in der Neuinszenierung von Thomas Bernhards "Ritter, Dene, Voss" am Theater in der Josefstadt gleich zu Beginn deutlich: Hier stehen die Akteure nicht im Schatten der Vorfahren, sondern im Schatten der Originale. Nach drei Stunden war bei der Premiere am Donnerstag klar: Wiederbelebung erfolgreich.

36 Jahre nach der Uraufführung bei den Salzburger Festspielen und 18 Jahre nach der Neuauflage in Originalbesetzung im Akademietheater braucht es eine ironische Metaebene, um diesen Klassiker, der so stark an den titelgebenden Schauspielern haftet, würdig auf die Bühne zu bringen. Mit Sandra Cervik, Maria Köstlinger und Johannes Krisch setzt Wittenberg auf drei bekannte Namen, um das bissige Drama rund um das Geschwistertrio, das als Nachfahren der wohlhabenden Industriellenfamilie Worringer seit Jahrzehnten gemeinsam im elterlichen Haus wohnt, in Wien auf die Bühne zu bringen.

Am Abend der Handlung kehrt der Bruder Ludwig wieder einmal aus der Psychiatrie nach Hause zurück zu seinen beiden Schwestern, die nur dank einer 51-prozentigen Beteiligung am Theater in der Josefstadt ab und zu als Schauspielerinnen auf der Bühne stehen können. Dieser Umstand sorgt im Publikum erwartungsgemäß immer wieder für Gelächter. Natürlich endet der Abend auch hier in einer familiären Zertrümmerung.

Das Bühnenbild erinnert dabei frappant ans Original von 1986: Esstisch, Kommode, Wanduhr. Allein die Gemälde der Eltern wurden durch Porträts von Ritter, Dene und Voss ersetzt. Auch hier werden sie abgenommen, umgedreht, neu gruppiert. Das ästhetische Zitat ist hier Programm, die Frage der Wiederaufführbarkeit eines derart auf die Schauspieler zugeschnittenen Stücks stets mitreflektiert. Zentral ist dabei ein Satz, den Bernhard seinem Stück vorangestellt hat: "Darunter haben wir immer gelitten / unter diesen häßlichen Bildern." Und so wird der Bann gebrochen. Schließlich wurde das Stück bisher an größeren Häusern nur 2008 in Berlin von Oliver Reese (mit Ulrich Matthes als Ludwig) und 2019 - fünf Jahre nach dem Tod von Gert Voss - von Stephan Suschke in Linz inszeniert.

Während Johannes Krisch als psychisch kranker Philosoph alle Register zieht und wohl nicht zufällig in seinen Manierismen an Gert Voss erinnert, bleiben Köstlinger und Cervik in der Inszenierung überraschend blass. Cervik zieht sich als ältere Schwester in die Rolle der untergebenen Dienerin zurück, Köstlinger hat - stets mit dem Sektglas verwachsen - nur wenige Momente, in denen sie der jüngeren Schwester Profil verleihen kann. So entstehen im Laufe des dreistündigen Abends immer wieder Längen, die es erlauben, die Porträts der großen Vorbilder wehmütig zu betrachten. Dennoch ist die Befragung des Textes am Ende gelungen. Die Antwort ist klar: Ja, man kann - und soll - dieses Stück wieder spielen!

(S E R V I C E - "Ritter, Dene, Voss" im Theater in der Josefstadt. Regie: Peter Wittenberg, Bühne: Florian Parbs, Kostüme: Alexandra Pitz. Mit Johannes Krisch, Sandra Cervik und Maria Köstlinger. Weitere Termine: 18. November, 12. bis 14. Dezember, 2., 7., 8. und 25. bis 27. Jänner. Tickets und Infos unter www.josefstadt.org)

Quelle: Agenturen