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Navid Kermani gegen Boykott russischer Kultur

16. März 2022 · Lesedauer 2 min

Der Schriftsteller Navid Kermani hat sich gegen einen Boykott russischer Kultur ausgesprochen. "Das kann nicht die Antwort sein", sagte der Friedenspreisträger der dpa in Köln. "Wir brauchen weiterhin einen Austausch mit der russischen Zivilgesellschaft. Jetzt auch noch die russische Kultur zu boykottieren, Tschaikowski nicht aufzuführen, ist das Idiotischste, was man machen kann."

Kermani hat viele Städte, die jetzt bombardiert werden, in seinen Büchern beschrieben. "Das ist natürlich gespenstisch und einfach katastrophal, auch emotional erschütternd, wenn man selbst durch diese Städte gelaufen ist." Er sei 2016 in der Ukraine gewesen, und viele Menschen hätten ihm damals schon den jetzigen Angriff "beängstigend genau" vorhergesagt.

Kermani äußerte sich am Dienstagabend bei der Eröffnungsveranstaltung des Literaturfestivals Lit.Cologne nachdenklich und selbstkritisch. "Natürlich ist da auch so eine Art von Bitterkeit oder Traurigkeit dabei, weil es diese große Solidarität, wie es sie jetzt zum Glück gibt, nicht gab, auch unter uns Intellektuellen und Schriftstellerinnen und Schriftstellern nicht, als zum Beispiel Grosny Ende der 90er Jahre laut UN-Angaben die am meisten zerstörte Stadt der Welt war." Ebenso wenig Solidarität habe es gegeben, als Aleppo zerstört worden sei. "Und als der Donbass überfallen worden ist und die Krim besetzt worden ist, das waren die Jahre, als Deutschland sein Gasgeschäft mit Russland erst richtig ausgebaut hat. Jetzt ist es 2022, und jetzt ist der Krieg halt hier."

Kermani sprach sich für weitgehende Solidarität mit der Ukraine, jedoch gegen die Einrichtung einer Flugverbotszone aus. "Ich bin nicht der Meinung, dass man auf Teufel komm raus jetzt die maximale Eskalation suchen sollte." Denn das würde bedeuten, dass die NATO russische Flugzeuge abschießen und russische Luftwaffenstützpunkte bombardieren müsste. Die Folge: "Wir würden in einen anderen Konflikt geraten." Stattdessen sei er für einen Komplettboykott von russischem Gas und Öl. "Das wäre ein ganz klarer Hebel, der sofort Auswirkungen hätte." Er könne sich in dem Zusammenhang auch wieder autofreie Sonntage wie in den 1970er Jahren vorstellen. "Das effektivere Mittel ist, nicht die Eskalationsspirale mitzumachen, sondern an der Quelle anzusetzen, wo dieser Krieg finanziert wird."

Quelle: Agenturen