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Literarische Anthologie gereicht Dylan kaum zur Ehre

11. Apr 2021 · Lesedauer 3 min

Bob Dylan wird am 24. Mai 80 Jahre alt. "Look Out Kid" nennt sich eine "literarische Anthologie zu Ehren des großen amerikanischen Songwriters" mit Geschichten, inspiriert von Songs des Künstlers. Herausgeber Maik Brüggemeyer lieferte selbst einen wunderbaren Text ab und sammelte einige durchschnittliche bis belanglose und ein paar originelle Beiträge ein. Sängerin Judith Holofernes übertrat mit ihrer Story Grenzen des guten Geschmacks. Das gereicht dem Meister kaum zur Ehre.

In seinem Vorwort würdigt der "Rolling Stone"-Autor Brüggemeyer zunächst Dylan und schafft es, das Phänomen über wenige Seiten zu erfassen. Dann schreibt er über "Look Out Kid": "Es hat großen Spaß gemacht, die so unterschiedlichen Texte wie die Lieder eines Albums, eines Mixtapes oder einer Playlist für das Buch in eine Abfolge zu bringen, sodass sie sich gegenseitig kommentieren, ein Flow entsteht und sich eine übergeordnete Erzählung ergibt, die sich als eine alternative Dylan-Biografie lesen lässt (...)". Aber davon ist "Look Out Kid" weit entfernt, dazu sind einige Beiträge zu schwach, Dylan bloß das Leitmotiv für ein unausgegorenes Sammelsurium.

Mit "It's Alright, Ma (I'm Only Bleeding) - oder: Polaroid" des deutschen Kabarettisten Frank Goosen beginnt die Sammlung vielversprechend. Er rollt eine Jugenderinnerung auf, eine Art Coming-Of-Age infolge einer flüchtigen Begegnung, bei der Dylan ganz ungezwungen seinen Weg in die Handlung findet. Stefan Kutzenbergers "Let It Be Me - oder: Notting Hill" ist herrlich überdreht (wobei man lieber dessen 2020 erschienenes Buch "Jokerman" lesen sollte), auch Michael Köhlmeier trug halbwegs Originelles bei, indem er Dylan gegen Bobby Fischer Schach spielen lässt. Der dritte rot-weiß-rote Take, Teresa Präauers "Man in the Long Black Coat", geht über ein "was mir Dylan bedeutet und wie das Leben einer Jugendlichen in den Bergen Österreichs war" nicht hinaus. Musikerin Stella Sommer schlägt in die gleiche Kerbe, nur dass sie in Norddeutschland, "in einem kleinen Ort am Meer", aufgewachsen ist.

"Simple Twist of Fate" der Berliner Autorin Marion Brasch ist ein netter Versuch, die Zutaten und Mystik des gleichnamigen Dylan-Songs in eine Story zu verpacken, aber hier treffen wie bei vielen anderen Beiträgen die Worte von Benedict Wells zu: "(...) die vielleicht aller-dylanesqueste Weise, über Bob Dylan zu schreiben, ist, nicht über ihn zu schreiben." Man könnte es auch so sagen: Es reicht "Simple Twist of Fate" zu hören. Das gilt für die meisten im Buch angeführten Lieder - nicht dass die dazu erdachten Beiträge alle grottenschlecht wären, aber viele wirken zu krampfhaft bemüht oder sind schlicht langweilig (etwa ein Gespräch zwischen Vater und Tochter zum Thema Dylan).

Völlig daneben griff Judith Holofernes. Die Sängerin von Wir sind Helden übersetzte "I Want You" und dazu gibt es "Anmerkungen des Herausgebers". In diesen wird unsinnig der Bogen von einer Textzeile zum Terroristen Franz Fuchs gespannt, der auch noch falsch als "Erwin Fuchs" benannt wird, und darüber hinaus gewitzelt, dass Helmut Zilk "zwei Finger seiner linken (!) Hand" bei einem Anschlag verloren hat. Zu lesen ist, dass keine der Briefbomben Fuchs' tödlich war - die vier durch eine Rohrbombe des Steirers getöteten Roma bleiben unerwähnt. Pietätlos.

(S E R V I C E - "Look Out Kid", Hrsg. Maik Brüggemeyer, Ullstein Verlag, 272 Seiten, 18,90 Euro)

Quelle: Agenturen