APA/TOBIAS STEINMAURER

Julia Riedler: "Schauspielerin des Jahres" gibt Regiedebüt

08. Jan. 2026 · Lesedauer 9 min

Die 35-jährige Salzburgerin Julia Riedler ist derzeit die heißeste Aktie auf dem Theatermarkt. Für ihre tolle Performance in "Fräulein Else" wurde sie im Fachblatt "Theater heute" zur Schauspielerin des Jahres gekürt, es folgte der Nestroy-Preis. Am Wochenende steht sie mit dem Solo wieder auf der Bühne und im Zuschauerraum des Volkstheaters. Im Interview mit der APA verriet sie ihr nächstes Vorhaben: Im Februar gibt sie ihr Regiedebüt. Ausgesucht hat sie sich dafür "Hamlet".

APA: Frau Riedler, wegen Ihnen habe ich eine Wette verloren.

Julia Riedler: Wieso?

APA: Als kürzlich zur Vorstellung der neuen Buhlschaft der Salzburger Festspiele geladen wurde, war ich überzeugt, dass dort Ihr Name fallen werde. Schauspielerin des Jahres, frisch gekürte Nestroy-Preisträgerin, geborene Salzburgerin mit Festspiel-Erfahrung - da schien mir alles zusammenzupassen.

Riedler: Die Festspiele haben meinen Theatergeschmack geprägt. Ich war bei den "Jungen Freunden der Salzburger Festspiele", dort haben wir den "Jedermann" nachgespielt. Während meines Studiums habe ich ein Praktikum für das damals von Thomas Oberender geleitete Schauspiel gemacht, Schauspielende betreut und mit den crazy Leuten von SIGNA gewohnt. Die Festspiele sind mir total wichtig - aber ich mach mir darüber gar keine Gedanken. Ich weiß auch gar nicht, ob ich eine gute Buhlschaft wäre. Ich glaube, ich wäre für andere Rollen besser. Ich würde mich eher als Tod besetzen als für die Buhlschaft.

APA: Sie haben nicht in Salzburg am Mozarteum studiert und auch nicht am Reinhardt Seminar in Wien, sondern in Hamburg. Warum?

Riedler: Ich hab eigentlich Jus studiert und parallel als Regieassistentin am Salzburger Landestheater gearbeitet. Meine Liebe zum Theater hat sich in der Zeit von einem Hobby zu einer möglichen Berufsperspektive entwickelt. Da hab ich mir gedacht, ich probiere es mit fünf Aufnahmeprüfungen, und wenn das nicht klappt, mache ich mit dem Jusstudium weiter. Und dann hats gleich in Hamburg geklappt, und ich bin dort hängen geblieben. Es war eine sehr gute, zugleich anstrengende und schreckliche Zeit mit vielen Krisen. Aber sie war ganz wichtig für mich. Sonst hätte ich vermutlich nie Hochdeutsch gelernt (lacht). Für mich ist ja Deutsch die Sprache der Denker - und (lange Pause) Österreichisch halt ned. Oder besser: halt a bisserl anders. Österreichisch hat Humor und einen ganz anderen Charme - da ist Zynismus oft Motor für innere Handlung.

"Theater ist Ort der Begegnung in jeder Richtung"

APA: Sie zeigen auch in "Fräulein Else" eindrucksvoll, dass Sie verschiedene Idiome in Ihrer Tool-Box haben ...

Riedler: Die Aufführung lebt ja ganz stark von der improvisierenden Begegnung mit dem Publikum. Was die Leute da im Volkstheater antworten, ist so lustig, so schlagfertig. Das ist jeden Abend total inspirierend. Als wir es in Zürich gezeigt haben, war es auch toll - aber ganz anders.

APA: Die Interaktion mit dem Publikum ist für viele Schauspielende das höchste Ziel. Auch für Sie?

Riedler: Absolut. Mir gehts beim Theaterspielen genau darum! Theater ist ja ein Ort der Begegnung in jeder Richtung. "Fräulein Else" ist der Versuch, das erfahrbar zu machen - innerhalb der Fiktion. Wir machen ja nicht einfach einen lustigen Mitmacheffekt, sondern fiktionalisieren das Publikum. Die Leute kriegen Rollen. Das Voyeuristische fällt in diesem inneren Monolog weg zugunsten einer Transparenz, die ich für das Thema extrem interessant finde. Wenn ich meinen Text einfach nur auswendig lerne, dann ist das kein Bewusstseinsstrom. Dafür brauchen wir diese Anarchie, die Fräulein Else erlebt, wenn ihr die Gedanken durch den Kopf gehen.

APA: Sie hatten dieses Projekt mit Regisseurin Leonie Böhm seit langer Zeit geplant. Was hat sie daran so interessiert?

Riedler: "Fräulein Else" ist einfach mein Lieblingstext, aber als wir angefangen haben, das fürs Volkstheater vorzubereiten, war das Thema sexualisierter Machtmissbrauch schon der Hauptgrund. Es geht ja nicht um einen individuellen Schicksalsschlag, sondern um ein gesellschaftliches Problem, das man am Theater in 3D unter die Lupe nehmen kann. Deshalb passt das so gut nach Wien, wo ja gerne weggeschaut wird. Schnitzler schaut da sehr komplex und ambivalent hin. Das ist ein Geschenk für jedes Regieteam. Ich finde es immer so schade, wenn es passiert, dass wichtige Themen am Theater unterkomplex dargestellt werden. Das schadet allen - dem Publikum, aber auch den Themen und den Theatermachern.

"Menschen den Glauben an Handlungsfähigkeit wiedergeben"

APA: Gegenwärtig erleben wir in vielen Bereichen gesellschaftliche Rückschritte, auch in Genderfragen. Wie geht man als junge Frau damit um?

Riedler: Ja, das ist hart. Es ist scheiße, so muss man das sagen. Ich bin immer für Klarheit. Und aus dieser Klarheit heraus geht es darum, wieder in eine Handlungsfähigkeit zu kommen. Das ist genau das, worum es auch Fräulein Else geht: Sie wälzt in ihrem Kopf alle möglichen Reaktionen und deren Konsequenzen. Darin ist Else auch Vorbild für mich. Als Künstlerin kann ich in dieser von Ohnmacht geprägten Situation versuchen, den Menschen den Glauben an unsere Handlungsfähigkeit wiederzugeben. Wir sind als Menschen sehr komplexe Wesen, die sehr komplexe Auseinandersetzungen führen können. Wir müssen es nur tun.

APA: Vom allgemeinen Sparen ist auch die Kultur nicht ausgenommen. Der subventionierte künstlerische Bereich ist unter erhöhten Rechtfertigungsdruck geraten. Wie denken Sie über diese Situation?

Riedler: Die ist knackig, auf jeden Fall. Gerne wird überproportional bei Kunst und Kultur gespart, dabei ist ihre Rolle in Kriegs- und Krisensituationen enorm groß. Theater ist ein Medium der Empathie - und wenn wir dort sparen, können wir gleich Elon Musk Recht geben und sagen: Empathie ist ein Problem, also lassen wir sie einfach! Wenn man das aber nicht will, sollte man es ernst nehmen mit Kunst und Kultur.

"Eine Institution wird dir nie dankbar sein"

APA: Kommen wir zu Ihnen zurück. Sie waren lange Ensemblemitglied an prominenten deutschen Häusern, sind aber seit ein paar Jahren freischaffend. Wie kam es dazu?

Riedler: Als Intendant Matthias Lilienthal an den Münchner Kammerspielen rausgeworfen wurde, wollte ich nicht so tun, als wäre mir das egal und hab auch gekündigt. Und ehrlich gesagt wollte ich mich ohnehin von den institutionellen Zwängen befreien, die ich nach fast zehn Jahren im Festengagement auch gespürt habe. Ich habe mich lange überidentifiziert mit meinem Arbeitgeber Stadttheater, dann aber gemerkt: Eine Institution wird dir nie dankbar sein, Menschen schon. Also hab ich mich dazu entschlossen, mehr mit Regisseurinnen und Regisseuren zusammenzuarbeiten als mit Institutionen. Das habe ich in den letzten fünf Jahren gemacht. Ich bin sehr dankbar für die Erfahrungen seither. Sie haben mich sehr bereichert.

APA: Besonders häufig haben Sie mit Leonie Böhm, Nicolas Stemann und Philippe Quesne gearbeitet. Was haben die Drei, dass es mit ihnen so gut klappt?

Riedler: Das sind alles Künstler, die richtig etwas wollen. Die haben einen Erzählwillen. Die wollen was vom Theater - auf sehr unterschiedliche Weisen. Ich habe großen Spaß dabei mitzuhelfen, Visionen umzusetzen.

APA: Sie stehen auch vor der Kamera. Geht Ihnen da nicht das Liveerlebnis ab?

Riedler: Beim Film ist es eine ganz andere Art von Begegnung - die findet erst dann statt, wenn sich die Leute das anschauen. Das ist dann sehr intim, absurderweise, weil ich selbst ja dann gar nicht da bin. Anders als im Theater, wo du bis in die letzte Reihe senden musst, darfst Du im Film gar nichts senden, sondern musst die Kamera dich entdecken lassen. Es ist auch eine ganz andere Art von Energie. Beim Dreh geht es um die größtmögliche Entspannung, damit du lesbar bist. Man braucht Dinge nicht einmal sagen - und die Leute im Kino können trotzdem teilhaben an deinen Gedanken. Das finde ich wahnsinnig schön.

Regiedebüt mit "Hamlet"

APA: Unsere Interviewserie heißt "Ausblicke". Wie blicken Sie persönlich auf 2026?

Riedler: Ich hab gehört, dass 2026 astrologisch das Jahr der Neuanfänge sein soll. Ich hab mir das sehr zu Herzen genommen. Ich gebe mein Regiedebüt. Am Theater in Freiburg mach ich "Hamlet", am 20. Februar ist Premiere. Wir haben schon angefangen zu proben, es macht mir extrem Spaß. Wir erzählen Hamlets Geschichte aus Horatios Perspektive. Für mich ist ja "Hamlet" DER klassische Text, der sich mit Handlungsfähigkeit auseinandersetzt. Außerdem möchten Samouil Stoyanov und ich unser Kabarett fertigmachen, an dem wir schon seit langem arbeiten. Die Texte schreiben wir alle selber, und Josef Hader hat uns versprochen, als Mentor vorbeizuschauen. Und dann führe ich tatsächlich wieder Gespräche über ein Festengagement. Aber das ist noch nicht in trockenen Tüchern.

APA: "Fräulein Else" ist im Jänner und Februar nur noch viermal zu sehen?

Riedler: Ja, wir reden aber gerade darüber, ob es in der kommenden Saison wieder im Volkstheater gezeigt werden kann. Wir werden den Abend ab März auch in Köln bei Kay Voges und ab April bei Barbara Mundel an den Münchner Kammerspielen zeigen. Und es gibt sehr viele Gastspielanfragen. Er wird also nicht so schnell in die Mülltonne geworfen.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

ZUR PERSON: Julia Riedler wurde 1990 in Salzburg geboren. Nach dem Schauspielstudium in Hamburg hatte sie Engagements am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, am Schauspiel Köln und den Münchner Kammerspielen. Als freischaffende Schauspielerin spielte sie u.a. am Burgtheater, am Berliner Maxim Gorki Theater, am Schauspielhaus Zürich und am Thalia Theater Hamburg sowie in Film- und Fernsehproduktionen. www.julia-riedler.com

(S E R V I C E - "Fräulein Else" von Leonie Böhm und Julia Riedler frei nach Arthur Schnitzlers "Fräulein Else" im Wiener Volkstheater. Regie: Leonie Böhm. Mit: Julia Riedler. Bühne und Kostüm: Belle Santos. Nächste Vorstellungen am 10. und 11. Jänner sowie am 24. und 26. Februar. www.volkstheater.at)

Zusammenfassung
  • Julia Riedler, 35, wurde für ihre Rolle in "Fräulein Else" zur Schauspielerin des Jahres gekürt und mit dem Nestroy-Preis ausgezeichnet.
  • Im Februar 2026 gibt Riedler ihr Regiedebüt mit "Hamlet" am Theater Freiburg, Premiere ist am 20. Februar.
  • Das Stück "Fräulein Else" wird im Jänner und Februar noch viermal im Wiener Volkstheater aufgeführt und geht anschließend auf Gastspielreise.
  • Riedler betont die Bedeutung von Theater als Ort der Begegnung und sieht ihre Arbeit als Beitrag zur Stärkung von Handlungsfähigkeit in Krisenzeiten.
  • Sie spricht die aktuellen Sparmaßnahmen im Kulturbereich kritisch an und hebt die Rolle von Kunst und Theater in gesellschaftlichen Krisen hervor.