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Historiker: Imperialismus ist epochenübergreifend

22. Jan. 2026 · Lesedauer 4 min

Der Ukraine-Konflikt, Donald Trumps Außenpolitik oder Fragen nach den Grenzen und dem Charakter Europas: Gerade in der aktuellen Umbruchzeit könne die Geschichte Orientierung liefern, so der Althistoriker Julian Degen von der Universität Innsbruck zur APA. So sei etwa unsere Sichtweise auf Konzepte wie Imperialismus und Despotismus, aber auch auf Demokratie und Freiheit von der Antike vorgeformt. Das Gefährliche daran: Diese Ideen könne man auch manipulieren.

Als Imperialismus bezeichne man den Anspruch eines Imperiums nach Expansion und Weltherrschaft, erklärte Degen, der sich in seiner Forschung mit antiken Imperien beschäftigt. Durch die Ausdehnung legitimiert sich das Imperium wiederum selbst. "Es geht darum, die unbekannten Ränder der Welt zu erreichen und zu kontrollieren - das ist eine große Gemeinsamkeit, die je nach Kultur anders gerahmt wird", sagte er. Vom alten Orient im dritten Jahrtausend vor Christus, wo das Meer oder Wüstenregionen als Rand der Welt bezeichnet wurden, über die antiken Perser, Griechen oder Römer bis zur Mondlandung durch die USA im 20. Jahrhundert bleibe dieses Merkmal stabil.

Die Außenpolitik des US-Präsidenten Donald Trump oder von Russlands Präsidenten Vladimir Putin als Imperialismus zu bezeichnen, ist laut dem Forscher anhand von historischen Maßstäben durchaus korrekt. Ein wesentlicher Unterschied sei allerdings, dass antike Imperien nicht vom Nationalismus geprägt waren. Im Gegensatz dazu schafften sie es, unterschiedliche Ethnien, Kulturen und Religionen unter einem Banner zu vereinen. So wurde nicht allen Untertanen eine Kultur aufgezwungen, sondern eine gemeinsame kosmopolitische Identität unter der Universalherrschaft des Imperiums geschaffen. "Das ist auch der entscheidende Unterschied zu den großen Kolonialimperien der Neuzeit, die auch wesentlich von nationalstaatlichen Ideen geprägt waren", so Degen, der auch Teil des Teams vom FWF-Exzellenzcluster "Eurasian Transformations" ist.

Gerade die Werke des antiken Schriftstellers Herodot waren in diesem Themenbereich besonders einflussreich. In einer im Fachblatt "The Classical Quarterly" erschienenen Studie untersuchte Degen deswegen Herodots Beschreibung des ersten Perserkriegs im Hinblick auf Imperialismus. Das entscheidende Problem mit der klassischen Lesart dieser Episode sei, dass Herodot immer als Historiker bezeichnet werde. "Er schreibt die Geschichte eigentlich für ein Publikum neu, das sie schon kennt. Dabei lässt er seine Gegenwart miteinfließen", erklärte Degen. So könne man den am Ende des 5. Jahrhunderts vor Christus verfassten Bericht über die Abwehr des persischen Angriffs durch die Athener im Jahr 490 vor Christus eher mit Hollywood-Filmen wie "300" oder Oliver Stones "Alexander" vergleichen als mit geschichtswissenschaftlichen Studien.

Denn zu Herodots Zeit agierten die Athener gegenüber ihren Bündnispartnern und Feinden im Peloponnesischen Krieg äußerst brutal. Das Seevolk der Melier haben sie unter anderem komplett ausgelöscht. Herodot beschreibe seine Vergangenheit aus der Perspektive dieser Gegenwart. So kommen beispielsweise nur diejenigen Schauplätze des ersten Perserkrieges vor, an denen die Athener später auch agierten. "Da wird somit nicht vergangener persischer Imperialismus widergespiegelt und impliziert kritisiert, sondern zeitgenössischer athenischer Imperialismus", erklärte Degen. "Das heißt aber auch, dass wir von diesem Ereignis, das in fast jedem Geschichtsbuch als die Geburtsstunde Europas beschrieben wird, so gut wie gar nichts wissen."

Vorsicht bei der Interpretation von Geschichte

Die Narrative in Herodots Werk - wie etwa der Kampf zwischen Westen und Osten oder Despotismus und Demokratie - beeinflussen trotzdem bis heute unsere Weltanschauung. Auch unser Freiheitsbegriff sei als politischer Begriff zum ersten Mal in den Perserkriegen verwendet worden. "In dieser Hinsicht ist uns die Antike extrem nah", so Degen. "Das Gefährliche daran ist, dass man das auch manipulieren kann."

Gerade in Europa und in Österreich wisse man im Hinblick auf die Zeit des NS-Regimes, was für schreckliche Taten durch Ideologien mit starkem Vergangenheitsbezug gerechtfertigt werden können. So könne Geschichte dazu dienen, neue Identitäten oder Feindbilder zu konstruieren. "Geschichte und Vergangenheit sind immer Gegenstand von Interpretationen - mit diesen muss man sehr wachsam und vorsichtig sein", warnte Degen.

(S E R V I C E - Link zur Studie: https://go.apa.at/INEKQ6xR)

Zusammenfassung
  • Imperialismus ist laut dem Althistoriker Julian Degen von der Universität Innsbruck ein epochenübergreifendes Phänomen, das von antiken Imperien des 3. Jahrtausends v. Chr. bis zur US-Mondlandung im 20. Jahrhundert reicht.
  • Degen betont, dass Begriffe wie Demokratie, Freiheit und Imperialismus bis heute von antiken Vorstellungen geprägt sind und warnt davor, dass diese Narrative leicht politisch instrumentalisiert und manipuliert werden können.
  • Die Forschung zeigt, dass antike Imperien im Gegensatz zu modernen Kolonialmächten keine nationalstaatlichen Ideen verfolgten, sondern eine kosmopolitische Identität unter einer Universalherrschaft schufen.