AFP

Skinny ist kein Trend: Lasst die 2000er ruhen

15. Dez. 2022 · Lesedauer 7 min

Von Bella Hadid bis Kim Kardashian. Weibliche Stars werden dünner. Ist die Zeit der Body-Positivity-Bewegung vorbei?

Bella Hadid steht fast nackt in einem knappen weißen Slip auf einem Laufsteg der Pariser Fashion Week, um sie herum ein Live-Publikum – und mehrere Männer, die weiße Farbe auf ihren Körper sprühen. Farbe, die sich in ein Kleid verwandelt. Die gesamte Performance dauert neun Minuten. Knapp zwei Monate später wird sie zum "Model des Jahres" gekürt.

Die Inszenierung des Auftritts ist perfekt, das Model vielleicht auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Sie habe damit "Mode-Geschichte geschrieben", schreibt etwa die Userin ginevramailla auf Tik Tok. Teenager:innen auf der App erklären sie endgültig zum "neuen Beauty-Standard".

Dabei ist das weiße Kleid, das auf ihr entsteht, absichtlich langweilig und schlicht. Im Mittelpunkt steht Hadids extrem dünner und androgyner Körper. Kritiker:innen stellen darum berechtigt eine Frage, die Tik-Tok-Teenager schon lange als Gradmesser für Mode verwenden: Is it fashion or is she just skinny? Frei übersetzt: Okay, aber ist das wirklich trendy oder sieht es einfach nur gut aus, weil sie dünn ist? Denn Hadid als schönste Frau der Welt ist vor allem eins: schlanker als noch vor wenigen Jahren.

Skinny war nie out

Der Auftritt befeuerte auch medial Debatten um weibliche Schönheitsideale. Die Boulevard-Zeitung "New York Post" titelte etwa: "Bye-bye booty! Heroin chic is back" ("Tschüss Hintern! Heroin-chic ist zurück") und rief damit den Beginn einer neuen Skinny-Ära aus.  

Dabei ist schon die Prämisse des Artikels falsch. "Skinny war nie weg", erklärt die Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Lechner. Sie hat mit "Riot, don’t diet! – Aufstand der widerspenstigen Körper" das erste Buch im deutschsprachigen Raum zu Schönheit und der Body-Positivity-Bewegung geschrieben. "Das eigentliche Ideal einer haarlosen, dünnen, weißen, cis-geschlechtlichen Frau ohne Behinderung sind wir nie losgeworden." Darum kann auch keine "Rückkehr" zu beobachten sein. Was sich verändert hat, ist, wie viel Raum auch anderen Körperformen neben diesem Ideal gelassen wird.

Vielseitige Körper, solange man Produkte verkaufen kann

In den 2010er Jahren hat es für einen kurzen Moment so ausgesehen, als sei die Body-Positivity-Bewegung im Mainstream angekommen. In aktivistischen und feministischen Räumen gibt es sie schon viel länger. Lechner erzählt, dass "Fat Activists" schon 1967 mit einem Sitzstreik – dem "Fat In" – im New Yorker Central Park für ihre Rechte einstanden. 

Für die Kulturwissenschaftlerin war es insbesondere Lena Dunhams Serie "Girls" (2012-2017), die zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit Body Positivity in der breiten Öffentlichkeit geführt hat. "Eine bestimmte gefällige und vermarktbare Form von Vielfalt ist in den Folgejahren sichtbar geworden", so Lechner. Das bedeutet, dass etwa in der Werbung unterschiedliche Körper gezeigt wurden – sofern sich damit Produkte verkaufen ließen.

Kalkulierter Shitstorm

Durch das Schaffen einer breiten Gegenöffentlichkeit bleibt die Propagierung gefährlicher Schönheitsideale zumindest nicht mehr unwidersprochen. Wohl auch deshalb hat die "New York Post" für ihren Text einen massiven Shitstorm erhalten. Lechner hält das für einkalkuliert. "Der Skandal ist Teil der Vermarktungslogik", erklärt sie. Dass die Einleitung einer sogenannten dünnen Ära auf so viel Kritik stieß, zeige, wie weit die Body-Positivity-Bewegung in den letzten Jahren gekommen sei und dass nun – im Gegensatz zu den 2000ern – über soziale Medien selbstständig Kritik, Gegenerzählungen und andere Körperbilder verbreitet werden können.

Kim Kardashian in ihrer Post-BBL-Ära

Kim Kardashian wird oft als Beispiel für die proklamierte "Rückkehr" zu einem extrem dünnen Schönheitsideal genannt. Jahrelang war sie für ihren kurvigen Körper und großen Hintern bekannt. Nach ihrem Vorbild unterzogen sich Frauen weltweit der "Brazilian Butt Lift" (BBL) Operation, bei der Eigenfett etwa aus dem Bauch in den Hintern gespritzt wird. Nicht ohne Konsequenzen. Keine andere Schönheitsoperation hat eine so hohe Mortalität wie ein BBL. 

2022 kam die Wende. Kardashian nahm binnen weniger Wochen fast acht Kilogramm ab, um in ein Kleid von Marilyn Monroe zu passen – und sprach öffentlich über ihre Super-Diät. Auch Bella Hadid hat in kurzer Zeit sichtbar Gewicht verloren und ihre Vorher-Nachher-Bilder sind häufig Gegenstand von Debatten auf sozialen und Boulevard-Medien. Es wird über ihre Workout-Pläne und Diäten spekuliert. Auf YouTube gibt es zahlreiche Influencer:innen, die angebliche Diätpläne des Models im Selbstversuch ausprobieren.

Weder Kardashian noch Hadid sind schuld daran, wenn junge Frauen aufhören zu essen oder viel zu intensive Sport-Routinen durchführen. "Auf den Körpern von Celebrities spiegelt sich jedoch der kulturelle Zeitgeist wider, anhand ihrer Präsentation werden Schönheitsnormen verhandelt und festgesetzt", so Lechner.

Warum gibt es Schönheitsideale?

Dass insbesondere Frauen nach Schönheit streben ist kein Zufall. Sie sind einem intensiven Druck unterworfen, mit dem eine ganze Industrie massiv Geld verdient. Die britische Autor:in Laurie Penny schrieb in ihrem Buch "Fleischmarkt – Weibliche Körper im Kapitalismus" dazu einmal: "Wenn alle Frauen dieser Erde morgen früh aufwachten und sich in ihren Körpern wirklich wohl und kraftvoll fühlten, würde die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen." Solange es profitabel ist, gibt es ein wirtschaftliches Interesse daran, dass Frauen ihre Körper nicht mögen.

Die weichgespülte Darstellung von Body Positivity im Mainstream erleichtert das Abkanzeln der Bewegung als ein Trend unter vielen – von dem eben auch abgekehrt werden kann. "Die Bewegung wurde verwässert und weichgespült", so auch Lechner. "Wenn die radikale Ausrichtung verloren geht, gehen auch die radikalen Forderungen verloren." In ihrer Essenz forderte die Bewegung immer den Fall aller Schönheitsnormen – und nicht die simple Repräsentation von unterschiedlichen Körpern zu Verkaufszwecken.

Immer neue Unsicherheiten

"Schönheit ist ein System, das nur dann funktioniert, wenn es viele ausschließt", betont Lechner. Schönheitsideale basieren darauf, dass sie erreichbar scheinen, es aber gleichzeitig nicht sind. Um das System am Laufen zu halten, müssen immer neue Trends und Unsicherheiten entstehen – und damit Kaufanreize.

Das aktuellste Beispiel dafür ist das Buccal-Fat-Removal ("Buccalfettentfernung"), dem sich gerade viele Stars unterziehen. Dabei wird Wangenfett entfernt, damit die Wangenknochen besser zur Geltung kommen, was das Gesicht viel schmaler erscheinen lässt. Bis vor wenigen Monaten war diese Operation den wenigsten Menschen außerhalb Hollywoods bekannt. Ohne bestimmte Körperteile zu optimierbaren Trend-Zonen zu erklären, würden viele von uns wahrscheinlich nicht einmal wissen, dass es sie gibt.

Millennial-Frauen wehren sich

Besonders Frauen, die die Skinny-Obsession der 1990er und 2000er miterlebt haben, widerstrebt es, diese Körpernorm als "in" zu akzeptieren. Zu tief sitzen die Erinnerungen an Kate Moss eingefallenes Gesicht oder Keira Knightleys super tief geschnittene Hüfthosen. Weil "dünn wieder in" sei, würde ihre posttraumatische Belastungsstörung aus den frühen 2000er wieder zurückkommen, schreibt etwa die Twitter-Userin Samantha Bush.

Frauen, die diese Zeit miterlebt haben, wissen häufig, dass "heroin chic" für mehr als nur eine Ästhetik stand. Das Konzept "glorifiziert einen selbstzerstörerischen Lebensstil", betont Elisabeth Lechner. Nicht umsonst wurde der Begriff nach dem Tod des Fotografen Davide Sorrenti geprägt – er starb an einer Überdosis der Droge. Cia Carangi wurde als erstes Supermodel damit assoziiert, auch sie war Heroin-abhängig und starb 1986 an AIDS. Grund genug zumindest die Wortkombination abzulehnen.

Counter Culture

Ob Bella Hadids Spray-Kleid genauso als futuristischer Moment in die Mode-Welt eingegangen wäre, wenn ihr Körper weniger dünn und definiert erscheinen würde, bleibt offen. Sicher ist, dass es eine laute Bewegung gibt, die sich dagegen wehrt, dass die Skinny-Ideale der 90er und 00er Jahre unwidersprochen bleiben.

Magdalena BergerQuelle: Redaktion / mbe