FOMO: Volkstheater widmet sich der Angst, etwas zu verpassen
Der israelische Regisseur, der auch für den Text verantwortlich zeichnet, hat bisher etwa am Münchner Volkstheater und am Schauspiel Hannover inszeniert. Mit "FOMO" wurde er von Volkstheaterdirektor Jan Philipp Gloger erstmals an eine österreichische Bühne engagiert. Die Anfangsidee ist durchaus charmant: Andrej Agranovski steht als hipper junger Schauspieler mit Vokuhila-Frisur und in pinkem Funktionsleiberl am Bühnenrand und lauscht andächtig der Mithöranlage, die das Getuschel des scheinbar parallel im darunterliegenden Haupthaus einströmenden Publikums überträgt. Heute steht dort die "Traumnovelle" auf dem Programm, an anderen Tagen wird der Text für "Ukrainomania" oder "Ödipus" angepasst werden (wobei die Beginnzeiten der Stücke vor jener in der Dunkelkammer liegen).
Während er den feuerpolizeilich vorgeschriebenen Flucht- und Rettungsplan des Theaters durch die Reihen gehen lässt, schwärmt er vom 800 Plätze starken Fassungsvermögen des Saals und begrüßt seine im Publikum (tatsächlich) anwesenden Kolleg:innen wie Sissi Reich oder Sebastian Rudolph (überhaupt sind an diesem Premierenabend erstaunlich viele Plätze mit Ensemblemitgliedern besetzt). "Traumnovelle"-Programme, die sonst 3 Euro kosten, werden auch ausgeteilt und langsam beschleicht einen das Gefühl: Verpasst man "unten" vielleicht gerade eine wirklich gute Vorstellung?
Doch dann biegt der Text in eine schweißgetriebene Welt aus wahllosen Grindr-Dates ab, Agranovski steht bald wahlweise in Ritterrüstung (mit Riesenholzschwert!) oder oben ohne da und bittet das Publikum immer wieder, mit seinem Smartphone Fotos von ihm zu machen. Auf den sechs auf der Bühne drapierten Bildschirmen ist ein Zusammenschnitt von Auftritten aus Kindertagen sowie ein Online-Marketing-Crashkurs zu sehen, dann sind ein paar Zaubertricks an der Reihe (Agranovski spuckt in einer Tour rote Clownnasen aus) und schließlich versäumt er in seinem Rennen gegen verpasste Möglichkeiten den Tod seiner jüdischen Großmutter und lässt sich ein Foto von ihrem Leichnam schicken.
Dickpicks, Screenshots und das Foto einer Leiche
Doch trotz des Todesfalls geht sein wildes Leben zwischen Theaterbühne und Sex mit fremden Männern munter weiter und so kommt es zu dieser skurrilen Textzeile: "Je mehr Zeit verging, desto weiter musste ich scrollen, um das Foto meiner Großmutter zwischen Dickpics und Screenshots von Google Maps zu finden." Und so ist man gedanklich bereits aus diesem ziellosen wie sinnbefreiten Abend ausgestiegen, als plötzlich ein fremder Mann vor der Türe steht, der den Familienangehörigen einen auf Jiddisch geschriebenen Brief der geflohenen Schwester aus dem Zweiten Weltkrieg übergibt, der die Großmutter nie erreicht hat. Doch dann ist der Abend nach 90 Minuten relativ abrupt aus und wegen des auf den Bildschirmen aufflackernden Applauszeitzählers wird das Publikum noch einmal ordentlich zum Klatschen motiviert. Kann man machen, kann man sich anschauen, muss man aber nicht.
(Von Sonja Harter/APA)
(S E R V I C E - "FOMO. Liebeserklärung an die Angst unserer Zeit" von Ran Chai Bar-zvi (auch Regie) in der Dunkelkammer im Volkstheater. Mit Andrej Agranovski. Weitere Termine: 9., 16. und 25. März sowie am 10. und 17. April, jeweils um 20 Uhr. www.volkstheater.at )
Zusammenfassung
- Das Volkstheater präsentiert mit „FOMO“ von Ran Chai Bar-zvi eine 90-minütige Inszenierung über die Angst, etwas zu verpassen, wobei der Begriff FOMO 2004 geprägt wurde und der israelische Regisseur erstmals am Wiener Volkstheater arbeitet.
- Nach einer überraschenden Wendung mit einem Brief aus dem Zweiten Weltkrieg endet die Vorstellung abrupt, und das Publikum wird durch einen Applauszähler auf den Bildschirmen explizit zum Klatschen aufgefordert.
