APA/APA / Burgtheater/Susanne Hassler-Smith

Erstmals Thomas Bernhard: Dörte Lyssewski ist "Am Ziel"

11. Okt. 2022 · Lesedauer 4 min

Seit 2009 ist Dörte Lyssewski Ensemblemitglied des Burgtheaters. Drei Intendanten hat sie hier bisher erlebt, und die Rahmenbedingungen für Theater waren schon mal lustiger. "Es ist immer noch schwierig", fasst sie die Lage angesichts multipler Krisen von Covid bis Krieg, Klima und Kostenexplosionen mit einem Filmtitel zusammen: "Die fetten Jahre sind vorbei." Sie selbst ist jedoch "Am Ziel". So heißt zumindest Thomas Bernhards Stück, mit dem sie am Freitag Premiere feiert.

In ihrer über 30-jährigen Bühnenkarriere hat die Schauspielerin, die seinerzeit Mitglied des legendären Schaubühnen-Ensembles rund um Peter Stein war, noch nie in einem Stück von Thomas Bernhard gespielt. "Doch wie es der Zufall will, habe ich im vergangenen Jahr bei den Festwochen Gmunden an einer von Hermann Beil eingerichteten szenischen Lesung just dieses Stückes mitgewirkt - ohne damals zu ahnen, dass ich das je wirklich spielen werde", sagt Lyssewski im APA-Interview.

In "Am Ziel" bekommt sie es als monologisierendes "Mutter-Monster" mit vielen Dingen zu tun, die als charakteristisch für die Theaterarbeiten des großen Misanthropen gelten: endlose Suaden über Gott, die Welt und das Theater, nur scheinbar gerichtet an ein Gegenüber (in diesem Fall die von Maresi Riegner gespielte Tochter). Das Textlernen sei "erstaunlich leicht, weil es wohl komponiert ist, weil die Wortkaskaden einen immer weitertreiben. Es macht großen Spaß, weil es irrsinnig klug geschrieben ist", schwärmt sie von einem Redefluss, in dem immer gleich auch die Gegenrede einbezogen wird: "Das ist großartig geschrieben, weil er damit alles beleuchtet."

Zudem habe Regisseur Matthias Rippert das 1981 in Salzburg uraufgeführte Werk, das Lyssewski für "das psychologischste von Bernhards Stücken" hält, in seiner Inszenierung dialogischer gebaut als üblich und kümmere sich nicht um die klassische, von Claus Peymann geprägte Bernhard-Rezeption. "Wir lassen den ganzen Staub hinter uns und zelebrieren den Text nicht. Ich spiele eine Frau von heute - so konkret, so scharf, so psychologisch wie möglich." Was nichts daran ändert, dass die reiche Gusswerksbesitzerswitwe, die mit ihrer Tochter ans Meer fährt und dort den Dramatiker (Rainer Galke), dessen jüngste Uraufführung man sich am Vorabend angesehen hat, als Gast empfängt, keine sympathische Figur ist. "Natürlich ist das monströs. So eine Mutter wünscht man niemandem. Aber ich bin sicher, auch junge Leute werden ihren Spaß daran haben."

Im Stück geht es immer wieder auch um den beklagenswerten Zustand des Theaters, um "diese Stücke, die alles kaputtmachen", und um die Frage, ob man denn nicht endlich sein Abo zurückgeben sollte. Wie klingt das wohl heute, im Angesicht des allseits konstatierten Publikumsschwunds? "Wir werden damit keine Brandstiftung betreiben", lacht die Schauspielerin. "Diese Diskussionen wurden damals nicht anders als heute geführt. Aber auch hier spielt Thomas Bernhard mit dem Janusköpfigen, mit einerseits und andererseits. Einerseits beklagt man sich ständig über das Theater, andererseits kommt man von ihm nicht los."

Ihr selber gehe es da nicht viel anders, bekennt sie. Auch sie frage sich mitunter nach der Sinnhaftigkeit dessen, was sie im Theater sehe, "aber es gibt auch genügend Aufführungen, bei denen ich sage: Ach, wie toll ist das! Was ich nicht mag am Theater, ist eine Präpotenz, die sich über Stoffe, Autoren oder Themen erhebt. Sich über etwas lustig zu machen, geht genau zwei Minuten gut. Mehr nicht." Die Bühne sei ein "heiliger Ort", ein Ort der Geheimnisse und der Auseinandersetzung. "Und den gilt es zu schützen!"

Dörte Lyssewski präsentiert derzeit auch in Sartres "Geschlossene Gesellschaft" und in Frank Castorfs furioser Jelinek-Inszenierung "Lärm" Beweise ihrer Vielseitigkeit. Gibt es noch Facetten, von denen sie sich wünscht, dass Regisseure sie endlich erkennen würden, Dinge, die sie noch nie gespielt habe und nur darauf warte, sich auch darin beweisen zu können? "Nein", wehrt sie lächelnd ab. "Ich bin sehr verwöhnt worden. Mit jeder Produktion. Und auch diese Rolle empfinde ich als Geschenk. Es ist eine Herausforderung, die ich sehr gerne annehme."

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - "Am Ziel" von Thomas Bernhard, Regie: Matthias Rippert, Bühne: Fabian Liszt, Kostüme: Johanna Lakner, Mit Dörte Lyssewski, Maresi Riegner und Rainer Galke, Kasino am Schwarzenbergplatz, Premiere: 14.10., 19.30 Uhr, Nächste Vorstellungen: 16., 19., 26.10., www.burgtheater.at)

Quelle: Agenturen