APA - Austria Presse Agentur

Ein grenzenloser Abend: "Gardenia" bei ImPulsTanz

08. Aug 2021 · Lesedauer 3 min

Ein grenzenloser Abend, an dem Geschlecht oder Alter keine Rolle spielen. Das war "Gardenia" bei der Weltpremiere vor zehn Jahren, als Choregraf Alain Platel und Regisseur Frank Van Laecke sieben gealterte TranskünstlerInnen für ein Theaterstück voll zerbrechlicher, zartbitterer und zeitloser Schönheit versammelten. Und er ist es jetzt, zehn Jahre später, umso mehr. Das stellte die Originalbesetzung am Samstag in der ImPulsTanz-Schiene "Classics" im Volkstheater unter Beweis.

In der Reihe der mittlerweile allesamt um die 70 Jahre alten AkteurInnen aus 2010 fehlt einzig die verstorbene Andrea De Laet, die damalige Tina Turner. Marlene Dietrich und Liza Minnelli sind hingegen noch immer mit von der Partie - und auch die großartige Norma Desmond von Vanessa van Durme. Die transsexuelle Schauspielerin war bereits vor zehn Jahren die "Madame" des Abends, für den einst die Schließung eines einschlägigen Kabaretts die Inspirationsquelle darstellte.

Und so erklimmt zunächst eine Truppe älterer Herren in schlecht sitzenden Anzügen die Bühne für eine letzte Show, bevor der Vorhang fällt. Zu Beginn scheint es, als müssten sie sich erst etwas unbeholfen einfinden in den Rhythmus der Bühne, in die lange eingeübten Gesten der Hommage, des Glamours, die anfangs in ihrer abgeschminkten Nüchternheit gezeigt werden. Nur behutsam wandeln sich die korrekten Herren in die schillernden Showgirls, blitzt die Extravaganz durch die scheuen Blicke.

Die Ambivalenz ist Programm. Das Altern, die Körper, die gängig mit dem wertenden "nicht perfekt" bedacht würden, Transsexualität oder Transvestismus - all dies muss hier nicht definiert werden. Dreckige Witze, Glitzerfummel und Pelzmäntel hätten in anderem Kontext das Potenzial zur Peinlichkeit, doch nicht bei "Gardenia". Alles, was auf der Bühne geschieht, ist nostalgisch, kitschig, rührselig - und doch immer echt und würdevoll. Die Melancholie wird stets durch Selbstironie gemildert.

Der einzige Schwachpunkt der Dramaturgie ist die Idee Platels und Van Laekes, ihren sechs ProtagonistInnen einen jungen Tänzer und eine Cis-Frau zur Seite zu stellen. Der bewusst gesuchte Kontrast bricht den aufgebauten Zauber streckenweise, wirkt ungeachtet des Charmes der beiden letztlich deplatziert - ganz anders als der von Steven Prengels gestaltete Soundtrack zwischen "La Traviata" und "Forever Young", Ravels "Bolero" und dem unvermeidlichen "Somewhere over the Rainbow". Publikumsgeräusche und Gesprächsfetzen werden hier zu einem akustischen Laufsteg verwoben. Der reale Laufsteg kommt dann erst beim glamourösen Finale zum Einsatz, wenn der rote Teppich ausgelegt wird, der ansonsten den Abend über zusammengeklappt am Bühnenrand lag. Schließlich gehört dieser bezaubernden Truppe auch der Teppich ausgerollt.

(S E R V I C E - "Gardenia - 10 Years Later" von Alain Platel und Frank Van Laecke im Rahmen des ImPulsTanz im Volkstheater, Neustiftgasse 1, 1070 Wien. Weitere Aufführung am 9. August um 21 Uhr. www.impulstanz.com/performances/2021/id1375/)

Quelle: Agenturen