Krisen haben Anteil der Armutsgefährdeten kaum verändert
Einen starken Einfluss auf die Armutsgefährdung hat die Zusammensetzung des Haushalts, wie die aktuelle Ausgabe von "Familie in Zahlen" einmal mehr zeigt. Während die Zahlen bei kinderlosen Paaren oder Paaren mit maximal zwei Kindern deutlich unter dem Österreich-Schnitt liegen, laufen Alleinerziehende mit Kindern unter 18 Jahren und Familien mit mindestens drei Kindern mit jeweils über 32 Prozent mehr als doppelt so oft Gefahr, in die Armut abzurutschen.
Als armutsgefährdet gelten dabei Personen, denen pro Jahr weniger als 60 Prozent des Median-Jahreseinkommens zur Verfügung steht. Vergleichsweise hoch ist der Anteil dabei auch unter den 1,6 Mio. Menschen in Einpersonenhaushalten. Laut den ÖIF-Zahlen hat über ein Viertel von ihnen weniger als 1.661 Euro pro Monat zur Verfügung, die auf Basis der EU-SILC-Erhebung für 2024 als Grenzwert für Armutsgefährdung festgelegt wurden.
Die Krisen der vergangenen Jahre hatten auf die Armutsgefährdungsquote kaum Einfluss, wie ein Vergleich mit den Daten aus älteren "Familie in Zahlen"-Ausgaben zeigt. Vor Beginn der Coronapandemie lagen die Werte nur leicht unter dem von 2024, ab 2021 waren sie geringfügig höher als zuletzt. In absoluten Zahlen ergibt das wegen des Bevölkerungswachstums zwischen 2018 und 2024 trotzdem ein Plus um 50.000 Personen auf rund 1,29 Mio. Armutsgefährdete. Etwas stärkere Schwankungen gab es bei Alleinerziehenden und Familien mit vielen Kindern: 2018 war der Anteil der Armutsgefährdeten bei kinderreichen Familien noch um fast vier Prozentpunkte geringer, bei den 257.000 Personen in Alleinerziehendenhaushalten wiederum um knapp sechs Punkte höher.
Für Martin Schenk von der Armutskonferenz ist die Stabilität bei den Einkommen ein Indiz dafür, dass der Sozialstaat in Österreich grundsätzlich immer noch recht gut funktioniert. Es gebe zwar Abstiegsbiografien, wo Menschen aus der Mitte der Gesellschaft in die Armut rutschen. "Aber das sind nicht die Massen", betonte er gegenüber der APA.
Die Armutsgefährdungsquote ermöglicht aus Schenks Sicht allerdings keinen Gesamtblick, wie viele Menschen von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen sind, weil sie sich an den mittleren Einkommen orientiert und die Ausgaben nicht berücksichtigt. Ein besserer Indikator ist für ihn die "erhebliche materielle und soziale Benachteiligung", wo neben dem Haushaltseinkommen auch die tatsächliche Lebenssituation im Alltag berücksichtigt wird. Und hier habe es seit der Teuerung sehr wohl einen signifikanten Anstieg gegeben.
Im EU-Schnitt mehr materielle und soziale Benachteiligung
2024 waren laut den Eurostat-Daten in "Familie in Zahlen" in Österreich 3,7 Prozent aller Personen in Haushalten von materieller und sozialer Benachteiligung betroffen. Sie können es sich etwa nicht leisten, einmal im Jahr auf Urlaub zu fahren, Miete, Betriebskosten oder Kredite pünktlich zu bezahlen, die Wohnung angemessen zu heizen, abgenutzte Kleidung oder Möbel zu ersetzen oder bekommen ein Problem, wenn unerwartet höhere Ausgaben (2024: 1.390 Euro) anstehen. 2018 fielen laut Statistik Austria noch 2,8 Prozent in diese Gruppe, in absoluten Zahlen gab es einen Anstieg von 240.000 auf zuletzt 336.000 Betroffene.
Personen in Haushalten mit Kindern sind laut den Eurostat-Daten auch nach dieser Definition stärker gefährdet (3,8 Prozent gegenüber 3,6 bei Kinderlosen). Im EU-Schnitt sind insgesamt 6,4 Prozent erheblich materiell und sozial benachteiligt, besonders hoch ist der Anteil etwa in Rumänien (17,2), Bulgarien (16,6), Griechenland (14,0), Ungarn (9,3) oder Spanien (8,3). Am wenigsten sind es laut den Eurostat-Daten in Slowenien (1,8 Prozent), Kroatien (2,0), Polen (2,3), Zypern (2,5) und Tschechien (2,6).
Zusammenfassung
- In Österreich sind aktuell 14,3 Prozent der Bevölkerung armuts- und ausgrenzungsgefährdet, wobei Alleinerziehende und Familien mit mindestens drei Kindern mit über 32 Prozent besonders betroffen sind.
- Trotz Krisen wie Corona und Teuerung blieb die Armutsgefährdungsquote relativ stabil, die absolute Zahl der Betroffenen stieg jedoch zwischen 2018 und 2024 um 50.000 auf rund 1,29 Millionen.
- Der Anteil der erheblich materiell und sozial Benachteiligten wuchs von 2,8 Prozent (2018) auf 3,7 Prozent (2024), was laut Experten auf eine Verschärfung der Lebenssituation trotz funktionierendem Sozialstaat hindeutet.
