Die nächste Queen ist tot: Vivienne Westwood verstorben

29. Dez. 2022 · Lesedauer 5 min

Die Modedesignerin Vivienne Westwood ist im Alter von 81 Jahren verstorben.

Vivienne Westwood ist tot. Die für ihre androgynen Schnitte und provozierenden Slogans bekannte Modedesignerin sei im Alter von 81 Jahren gestorben, bestätigten ihre Agenten am Donnerstagabend der britischen Nachrichtenagentur PA. Die Britin machte sich seit den 1970er-Jahren auch mit ihrer respektlosen Haltung gegenüber dem Establishment einen Namen in der Modeszene. Dame Vivienne sei "friedlich und umgeben von ihrer Familie in Clapham, Südlondon" gestorben, hieß es weiter.

"Queen of Punk" und Aktivistin

Die "Queen of Punk" war mehr als nur eine Mode-Ikone. Sie war auch Aktivistin. So sorgte sie etwa 2020 mit dem Protest für die Freilassung von Wikileaks-Gründer Julian Assange für Aufsehen. Im knallgelben Outfit saß sie vor einem Gerichtsgebäude in London in einem überdimensionalen Vogelkäfig. "Ich bin Julian Assange!" rief sie vor Journalisten und Demonstranten in ihr Megafon und: "Die Welt ist korrupt!". Sie schien sich in der Rolle zu gefallen.

WestwoodAFP

Westwoods ikonischer Protest

Zeit ihres Lebens engagiert sich die Britin mit der blassen Haut für Menschenrechte, Frieden, Tierschutz und gegen den Klimawandel. Die große Show gehörte stets dazu, wenn sich Westwood inszenierte, denn sie garantierte ihr Aufmerksamkeit. 2015 ließ sie sich in einem weißen Panzer zum Privathaus des damaligen britischen Premiers David Cameron fahren, um gegen Gasgewinnung durch Fracking zu protestieren.

Verheiratet mit einem Österreicher

Das politische Statement war fester Bestandteil ihrer Mode - gelegentlich zum Leidwesen ihres Ehemannes und Co-Designers Andreas Kronthaler, der aus Tirol stammt. Das wurde etwa in dem sehenswerten Dokumentarfilm "Westwood: Punk, Icon, Activist" aus 2018 sichtbar. "Sie mag es, wenn die Kleidung eine Botschaft hat", so Kronthaler darin, "was ich gut finde, oder nicht gut. Ich bin mir nicht sicher." Rund 30 Jahre war Westwood mit dem 25 Jahre jüngeren Österreicher, ihrem ehemaligen Modestudenten, verheiratet.

Lieber intellektuell als Mode

Mode allein war Westwood nie genug. Eine Karriere in der Branche hatte sie gar nicht im Sinn. "Ich wollte keine Modedesignerin sein", stellte sie 2009 im "Time"-Magazin klar. "Ich wollte lieber lesen und intellektuelle Dinge machen." Dabei hatte die Tochter eines Schuhmachers und einer Baumwollspinnerin schon als Kind ein Händchen für Mode gezeigt. Westwood, die 1941 als Vivienne Isabel Swire in der Gemeinde Tintwistle nahe Manchester geboren wurde, soll sogar an ihrer Schuluniform modische Änderungen vorgenommen haben.

Im Teenageralter zog sie mit ihren Eltern und Geschwistern in die Nähe von London. Ein Kunststudium brach sie nach nur einem Semester ab, um eine Ausbildung zur Lehrerin zu machen - mit Kunst als Hauptfach. Ihr Plan: "Ich werde versuchen, Künstlerin zu werden. Und wenn ich keine Künstlerin sein kann, werde ich Lehrerin."

Punk, Sex und Mode

Zunächst lernte sie Derek Westwood kennen, mit dem sie Sohn Ben bekam. Die Ehe hielt nur zwei Jahre. Aus der anschließenden Beziehung mit dem jungen Kunststudenten Malcolm McLaren, dem späteren Manager der Sex Pistols, ging ihr zweiter Sohn Joseph hervor. McLaren brachte außerdem eher zufällig Westwoods Fashion-Karriere auf den Weg.

Mit ihm eröffnete sie 1970 auf der Londoner King's Road den Laden "Let it Rock" für Schallplatten und von ihr entworfene Mode. Die Boutique wechselte Namen und Stil mehrfach, bot zeitweilig als "SEX" gewagte S&M-Mode an, und hieß seit 1979 "World's End". In den 70er Jahren war sie ein Treffpunkt der Punk-Szene und gilt auch als Gründungsort der Sex Pistols. Westwood kreierte die ersten Outfits für Johnny Rotten und Co. mit Sicherheitsnadeln, Netzhemden und Nietenarmbändern - und erschuf damit den ikonischen Punk-Look.

"Ich hab mich überhaupt nicht als Modedesignerin betrachtet, aber ich habe festgestellt, dass ich sehr talentiert war", erzählte Westwood in Lorna Tuckers Dokumentation. "Ich wollte, dass die Leute wissen, dass das Zeug, was sie auf dem Laufsteg in Paris sehen, von mir kommt. Und ich hab mir gedacht, ich muss in diese Geschäftswelt einsteigen und die Kleidung wirklich verkaufen, sie den Journalisten präsentieren und eine Modedesignerin sein. Mir war klar, dass ich das kann."

Erst belächelt, dann gefeiert

Nachdem Westwood in der Heimat anfangs belächelt und im Fernsehen noch in den späten 80ern sogar ausgelacht worden war, wurde sie 1990 und 1991 als Britische Designerin des Jahres ausgezeichnet. 2006 wurde sie von Queen Elizabeth II. geadelt. Während Vivienne im Herzen wohl immer Punk blieb, gehörte ihre Mode längst zum Establishment. Prinzessin Eugenie heiratete 2011 in einem Westwood-Kleid. Selbst die frühere Premierministerin Theresa May trug einen Hosenanzug von ihr.

Klimaschutz

Eigensinnig und unbequem war Vivienne Westwood auch, wenn es um den Klimaschutz geht. "Climate Revolution" hieß ihre Website, eine Mischung aus Politblog und Tagebuch im Punkdesign. "Ich bin die einzige Person mit einem Plan, um die Welt vor dem Klimawandel zu retten", verkündete sie 2021 in einer Videobotschaft. Solche Videos lud sie öfter hoch. Auf nähere Details ging sie war nie ein, aber klar war immer: Westwood meinte es ernst mit der Klimakrise.

Mit "Westwood: Punk, Icon, Activist" war sie am Ende übrigens nicht zufrieden und distanzierte sich ausdrücklich davon. Regisseurin Tucker, die sie drei Jahre lang begleitet hatte, habe zu viel Archivmaterial gezeigt und zu wenig über ihr politisches Engagement berichtet, moserte Westwood und beendete die Freundschaft. Tucker verteidigte ihren Film, blieb aber diplomatisch. "Sie hat mich inspiriert wie niemand anders, mit dem ich je gearbeitet habe", sagte sie dem "Sydney Morning Herald". "Also werde ich sie immer lieben."

"Danke Liebling"

Westwoods Mann Andreas Kronthaler bedankte sich in einer Mitteilung bei seiner verstorbenen Frau. "Wir haben bis zum Ende gearbeitet, und sie hat mir viele Dinge mitgegeben, mit denen ich weitermachen kann. Danke Liebling", schreibt er.

Quelle: Agenturen / Redaktion / mbe