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Diagonale 26 eröffnete mit "Rose" und Auszeichnung für Dalik

Heute, 20:57 · Lesedauer 6 min

Das Festival des österreichischen Films, die Diagonale, ist Mittwochabend in der Grazer Helmut-List-Halle mit der Verleihung des Großen Diagonale Schauspielpreises an Hilde Dalik eröffnet worden. Dazu kam die Österreich-Premiere von Markus Schleinzers "Rose". Das Intendanzduo Claudia Slanar und Dominik Kamalzadeh - in ihrer Rede klarsichtig und hellwach wie stets - plädierte u. a. für Räume ohne Sofortzwang zu Reaktionen wie Likes und gegen Disruptionen durch banales Lärmen.

"Eine der großen Herausforderungen unserer Zeit besteht bekanntlich darin, Aufmerksamkeit zu bekommen, ohne dabei gleich zum Megafon greifen zu müssen", eröffneten die beiden Intendanten das diesjährige Filmfestival. Das passierte wie gewohnt mit einem politisch wachen Statement. Sie bezogen sich dabei auf den US-Schriftsteller George Saunders, der in seiner Geschichte "The Braindead Megaphone" aus dem Jahr 2007 - "unschön, aber nicht unzutreffend ins Deutsche übersetzt: das Megafon der Vollidioten" - die Lautstärke und die Unverfrorenheit als Durchsetzungsmechanismus in einer Diskussion beschreibt: Ein nicht besonders intelligenter Partygast mit Megafon bringt eine bis dahin ausgewogene Gesellschaft in Bedrängnis. Mit der Zeit drehen sich auch die Gespräche der Vernünftigen nur noch um ihn. Die anderen Gäste versuchen zunächst noch, sich an die Regeln des sozialen Anstands zu halten - sie widersprechen, korrigieren, reagieren, erklären, ärgern sich. Das Problem sei nicht nur das Megafon, sondern auch unser Umgang damit. Denn wer das Megafon besitze, habe auch einen strukturellen Vorteil - selbst dann, wenn er nichts als Unsinn zu sagen habe, so die Intendanten.

"Wir sind uns sicher: Ihnen sind bereits einige Parallelen zu unserer Gegenwart aufgefallen - Details wie Politikernamen bitte nach Belieben ergänzen", sagten die beiden Festivalleiter und wiesen auf die multiplen globalen Krisen hin. Etwa dem Krieg im Iran, in dem das Entscheidende, die Befreiung eines Landes von einer zu allem entschlossenen Diktatur, zunehmend in den Hintergrund rückt. "Auch die Diagonale ist indirekt betroffen: Unser Jurymitglied Faraz Fesharaki kann derzeit nicht aus dem Iran ausreisen, ebenso wie Massoud Bakhshi ("All my Sisters"), der als Regisseur im Wettbewerb vertreten ist. Unsere Gedanken sind bei ihnen, wir hoffen sehr, dass es beiden gut geht."

Was könne also ein Festival entgegenhalten? Einen Raum, in dem Aufmerksamkeit nicht durch Lautstärke organisiert werde, in dem Bedächtigkeit nicht zu einer sofortigen Reaktion zwinge. Nicht das Megafon entscheide, sondern die Bilder. Ein Festival sei keine Arena für Likes, sondern ein offener Ort der Begegnung, der Auseinandersetzung, der Kritik - ja, vielleicht sogar der Ratlosigkeit. Aber einer produktiven Ratlosigkeit, die neugierig machen sollte, Fragen aufwirft und Lust auf Reibung erzeugt, plädierten die beiden Intendanten. "Ein Festival ist ein Raum, der - das kann man in Zeiten sinkender Kulturbudgets und der Empörungsdynamiken wie zuletzt rund um die Berlinale ruhig sagen - nicht mehr so selbstverständlich ist. Eine Filmkultur, die von Vielfalt lebt. Wer an der Finanzierung spart, spart am Ende an der Vielfalt."

"ORF-Abgaben nicht einfach so abschaffen"

Es gelte, alternative Modelle der Finanzierung zu entwickeln und Streamingplattformen stärker an die Finanzierung nationaler Filmkulturen zu binden. Es geht nicht nur ums Entstehen, es geht auch um die Orte, an denen sie überhaupt gesehen werden können - Kinos, Filmfestivals. "Als elementarer Zusatz für die zukünftige Kulturvielfalt der Steiermark dürfen wir noch ergänzen: ORF-Abgaben, die in Kulturbudgets fließen, dürfen nicht einfach so abgeschafft werden", stellte das Duo eine klare Forderung an die zahlreich im Publikum befindliche Bundes- und Landespolitik. Denn: "Für die Dauer eines Films dürfen wir etwas tun, das im Alltag erstaunlich selten geworden ist: Wir dürfen unsere Meinungen kurz beiseitelegen und uns der Vorstellungskraft anderer Menschen überlassen", sagten die beiden Festivalleiter.

Die Diagonale zeigt bis Montag (23. März) 149 Produktionen in mehreren Schienen und einige Specials. Ein Festival sei ja nicht nur ein Programm, sondern auch eine Versammlung von Körpern. Da sei man schon bei wesentlichen Dingen - Körper würden auch kontrolliert und ausgebeutet, nicht nur durch patriarchale Strukturen, sondern auch durch kapitalistische Logiken - wobei, laut der Theoretikerin Silvia Federici, sei ein Körper nicht nur ein Objekt von Kontrolle, sondern auch ein Ort des Widerstands. Das leite zum Eröffnungsfilm über: Der Körper der Hauptfigur (Sandra Hüller) in "Rose" von Markus Schleinzer sei einer voller Ambiguitäten. "Rose" ist ein Film über eine Frau, die sich die Freiheit erlaubt, jemand anderer zu werden. Wahrheit und Rolle, Schutz und Selbstbehauptung, Täuschung und Emanzipation stünden hier nebeneinander, ohne sich sofort aufzulösen.

"Irritieren und berühren lassen können"

"So zu agieren, als wäre man schon frei" - so beschreibe der Anthropologe David Graeber eine revolutionäre Geste. Nicht als Opfer der Verhältnisse, sondern als Versuch, diese Verhältnisse im Kleinen zu unterlaufen, gab das Duo zu bedenken. Jedenfalls, man wünsche "eine Diagonale 26 mit vielen Entdeckungen - auf der Leinwand und darüber hinaus, beim genauen Hinsehen, beim aufmerksamen Zuhören, in Bildern und Tönen, die Sie irritieren und von denen Sie sich berühren lassen können", so Slanar und Kamalzadeh.

Bevor der Große Diagonale Schauspielpreis, gestaltet von Anita Leisz, überreicht wurde, setzte das Filmfestival ein Zeichen für die Aufrechterhaltung der ORF-Landeskulturabgabe, mittels eines Spots auf der Leinwand: "Kulturland Steiermark. Zerbrecht uns nicht das grüne Herz". Regisseurin Alexandra Makarová hielt dann ihre "Lobeshymne auf die unverwechselbare Hilde Dalik", die sich nie in den Vordergrund dränge, die nicht auf der Bühne stehe, um gesehen zu werden, sondern um sehen zu lassen. "Hilde hat Feuer, Energie, Liebe, Wut, Mut. Sie tanzt wie Ginger Rogers und leiht stets der richtigen Seite ihre Stimme", so Makarová.

"Was war mei Leistung?"

Die so Ausgezeichnete, Hilde Dalik, räumte ein, die Diagonale sei ja ihr Lieblingsfestival, "nicht erst seit heute". "Als Dominik Kamalzadeh mich angerufen hat, ist mir als Erstes ein österreichischer Philosoph eingefallen, der gefragt habe, 'was war mei Leistung?'" Dalik schilderte dann gewohnt engagiert, was Schauspielerinnen gewärtigen mussten: Ihre erste TV-Rolle sei die einer Möbeldesignerin gewesen, die in Spitzenunterwäsche bei Kunden auftrete - "das war die Bedingung für die Rolle. Österreichs Film jedenfalls stehe nun in Hochblüte, habe jede Menge Filme bei der Berlinale, "doch leider geht uns nun das Geld aus." Dabei sei die Lösung nichts Kompliziertes, etwa einen fairen Beitrag in Form einer Streamingabgabe. Sollten die ORF-Landesabgabe 2027 tatsächlich abgeschafft werden, "können wir tatsächlich Adieu sagen zu einem großen Teil unserer Kunst, die weit über das Land hinaus strahlt. Wenn wir das nicht mehr haben, wo war dann unsere Leistung?", fragte Dalik.

Im Publikum war heuer zum zweiten Mal Andreas Babler in seiner Funktion als SPÖ-Vizekanzler mit den Kulturagenden, ferner ÖVP-Kulturlandesrat Karlheinz Kornhäusl, KPÖ-Bürgermeisterin Elke Kahr sowie der frühere Vizekanzler und Kulturzuständige in der Bundesregierung, Grünen-Abgeordneter Werner Kogler, wie auch die früheren steirischen ÖVP-Landeshauptleute Waltraud Klasnic, Hermann Schützenhöfer und Christopher Drexler.

(S E R V I C E - Filmfestival Diagonale vom 18. bis 23. März, Info und Tickets unter www.diagonale.at)

Zusammenfassung
  • Die Diagonale 26 wurde am Mittwochabend in Graz mit der Verleihung des Großen Diagonale Schauspielpreises an Hilde Dalik und der Österreich-Premiere von Markus Schleinzers "Rose" eröffnet.
  • Das Intendantenduo Slanar und Kamalzadeh kritisierte in seiner Eröffnungsrede den gesellschaftlichen Druck zu schnellen Reaktionen und die Dominanz von Lautstärke, mit Verweis auf George Saunders' "The Braindead Megaphone".
  • Das Festival setzt sich für den Erhalt der ORF-Landeskulturabgabe und alternative Finanzierungsmodelle für die Filmkultur ein, um Vielfalt zu sichern.
  • Wegen der politischen Lage im Iran konnten Jurymitglied Faraz Fesharaki und Regisseur Massoud Bakhshi nicht anreisen, was die internationale Dimension der aktuellen Krisen unterstreicht.
  • Bis zum 23. März werden bei der Diagonale 149 Produktionen gezeigt, begleitet von Forderungen nach mehr Unterstützung für die heimische Filmkultur.