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"Daddy": Emma Cline brilliert mit intimen Kurzgeschichten

10. Aug 2021 · Lesedauer 2 min

Mit ihrem Romandebüt "The Girls" über pubertierende Mädchen, die sich einer Sekte anschließen, die an Charles Manson und seine Family erinnert, hat Emma Cline vor fünf Jahren für internationales Aufsehen gesorgt und Lobeshymnen geerntet. Im Carl Hanser Verlag erschien nun die deutsche Version von "Daddy" (in den USA 2020 herausgekommen), einem Band mit großteils zuvor in angesehenen Zeitschriften veröffentlichten Kurzgeschichten der US-Autorin.

Cline brilliert in diesem Format, weil sie es versteht, einen Lebensabschnitt der Protagonisten und ihrer unmittelbaren Mitmenschen über wenige, intensive Seiten zu verfolgen und zu beleuchten, dabei viel zu vermitteln, ohne alles preiszugeben, ohne zu moralisieren. Man ist sofort in der jeweiligen Geschichte gefangen, ja man wähnt sich sogar im Kopf der jeweiligen Hauptcharaktere und wird am Ende (fast brutal) losgelassen, die Story gedanklich weiterzuspinnen, sich sein eigenes Urteil zu bilden oder verwirrt zurückzubleiben, weil man nicht weiß, welche Position man nun einnehmen soll.

Cline lässt teilhaben an zwischenmenschlichen Beziehungen und deren Scheitern, an Selbstzweifeln und Selbstbetrug, an Unverständnis und Unvermögen, Probleme in den Griff zu bekommen. Sie "erzählt von Männern, die gefangen sind in mühsam errichteten Selbstbildern, von Frauen auf der Suche nach dem Reiz der Grenzüberschreitung (...)", fasst der Klappentext knapp zusammen. Es sind u.a. Geschichten über ehemalige Erfolgstypen und desillusionierte Väter, die vor veränderten Tatsachen stehen und damit schwer bis gar nicht zurecht kommen, die sich selbst belügen. "Die wenigen Frauen kommen aber kaum besser weg – ein ziemlich pessimistisches, sehr gutes Gegenwartstableau", urteilte die FAZ.

Emma Cline, die sich zuletzt einem vom Gericht abgeschmetterten Copyright-Streit über "The Girls" ausgesetzt sah, der von den Anwälten ihres Ex-Freundes schmutzig geführt wurde, bietet mit ihren zehn Geschichten nicht nur eindrucksvolle Psychogramme, sie schreibt auch wunderbar. Jede Story hat ihren eigenen Erzählstil und spezielle Atmosphäre. "Daddy" ist intelligent und scharf beobachtet, manchmal durchaus böse, bisweilen ernüchternd, zugleich purer Lesegenuss. Oder wie es Autorenkollegin Rachel Kushner ("Flammenwerfer") auf den Punkt brachte: "Die Intimität ihres Schreibens ist einzigartig."

(S E R V I C E - Emma Cline: "Daddy", aus dem Englischen von Nikolaus Stingl, Hanser, 256 Seiten, 22,95 Euro)

Quelle: Agenturen