APA/HELMUT FOHRINGER

Andrea Grills Roman "Sonnenspiel": Madonna im Hosenanzug

Heute, 07:24 · Lesedauer 5 min

"Sonnenspiel". Ein schöner Buchtitel, gewählt nach der baumwollähnlichen Pflanze mit dem wissenschaftlichen Namen Gossypium caspariensis, die in einem versteckten Winkel eines apulischen Gartens wächst und aus deren Samen ein ganz besonderer Stoff gewebt werden kann, der sich nicht nur herrlich anfühlt, sondern auch viel ausgibt. Googeln braucht man diese Wunderpflanze nicht. Sie ist eine Erfindung von Andrea Grill, wie die Autorin im Gespräch mit der APA lachend zugibt.

Der Roman "Sonnenspiel" hat drei Grundmotive. Eines ist der Schauplatz Apulien, in dem die Natur in der glühenden Sommerhitze aus den Nähten zu platzen scheint. All die Gerüche, die hier in der Luft liegen, und die Geschmäcker, die beim Verzehr von Obst und Gemüse die Sinne zum Vibrieren bringen, packt die in Wien lebende gebürtige Ischlerin in ihr Buch. Dass sie sechs Jahre in Sardinien gelebt hat, hat sie mindestens ebenso stark geprägt wie ihre Jahre in Amsterdam, wo sie ihr Biologiestudium mit einer Arbeit über die Schmetterlingswelt Sardiniens abgeschlossen hat.

Das zweite Motiv ist die Textilindustrie, die italienische Näherinnen ausbeutet, die in Heimarbeit teure Designerstücke für Luxus-Labels veredeln und dafür einen Hungerlohn erhalten. Dies sei keineswegs erfunden, sondern sei eine Geschichte, auf die sie einmal durch eine Notiz in der "New York Times" gestoßen sei und die von italienischen Freundinnen bestätigt wurde, erzählt die Autorin.

Nicht für bare Münze darf man jedoch die Neueinkleidung einer alten Holzmadonna nehmen, die als verehrte Reliquie in einer Prozession durch den Ort getragen wird und von der Näherin und Designerin Loredana einen schicken Hosenanzug verpasst bekommt. Die Enthüllung dieses subversiven feministischen Statements, die Reaktion von Klerus, Politik und Volk darauf, und der anschließende Umzug ist einer der szenischen Höhepunkte dieses über weite Strecken bildhaft wie ein Filmdrehbuch geschriebenen Romans.

Textilien und die dazugehörige Industrie hätten sie vor acht, neun Jahren zu der ursprünglichen Romanidee inspiriert, schildert Grill. "Uns sind ausbeuterische und umweltschädliche Praktiken der Textilindustrie heute durchaus bewusst, wir denken dabei aber meist an Indien, Bangladesch oder China." Dass sich aus der Bekanntschaft der als alleinerziehende Mutter von drei Kindern am alten Hof ihrer Eltern lebenden Loredana durch die in den USA arbeitende Modejournalistin Stella eine enge Freundschaft, ja Liebe entwickelt, "hat sich erst beim Schreiben so entwickelt".

Die Annäherung der beiden Frauen geschieht nicht nur in Etappen voller ebenfalls filmreifer Wendungen, sondern auch sprachlich. Grill verwendet beide Protagonistinnen als Erzählerinnen, lässt die Perspektivenwechsel mit Fortdauer des Buches aber immer häufiger und unmerklicher passieren. Der Artikel, für den Stella die Näherin interviewen möchte und der die prekären Arbeitsbedingungen von Loredana und ihren Kolleginnen verbessern soll, wird jedoch bis zum Schluss nicht geschrieben. Das offene Ende enthält jedoch alle Möglichkeiten für eine gute Zukunft.

Leykams Literatur-Ausstieg "hat mich aus heiterem Himmel getroffen"

Die Beziehung Grills zu ihrem Verlag muss dagegen ohne Happy End vorkommen. Von dem vor wenigen Wochen verlautbarten Beschluss des Grazer Traditionsverlags, künftig auf die Sparte Literatur und populäres Sachbuch zu verzichten, wurde sie kalt erwischt. "Ich habe mich dort wohl gefühlt und war kurz vorher beim Aperitif zur Feier des Frühjahrsprogramm. Es hat mich aus heiterem Himmel getroffen." Mittlerweile seien alle Verlagsmitarbeiter, mit denen sie zu tun gehabt habe, gekündigt, und sie frage sich, wer ihr vereinbartes letztes Leykam-Buch, ein Kinderbuch über eine Monster-AG, dort noch auf die Welt bringen werde, sagt Andrea Grill.

2023 war bei Leykam ihr Kinder-Sachbuch "Bio-Diversi-Was" erschienen, in dem sie gemeinsam mit Illustratorin Sandra Neuditschko eine "Reise in die fantastische Welt der Artenvielfalt" unternommen hat. Schon als Kind war Grill von der Natur fasziniert, als Biologin weiß sie um die komplexen und durch die Eingriffe der Menschen prekären Zusammenhänge. Im November 2024 erkundete sie in einem Autor*innenprojekt der Alten Schmiede mit drei Lyriker*innen und drei Wissenschafter*innen das sprachliche Feld rund um das Thema Klimawandel und stellte dabei die provokante Frage: "Können Wörter Klima schützen?"

Textinstallation für die Klima Biennale Wien

Im KunstHausWien wird sie nun für die kommende Klima Biennale Wien mit dem Szenographie-Duo Jascha&Franz die Festivalzentrale gestalten und das Leitthema "Unspeakable Worlds" sicht- und hörbar machen - durch Texte, die auf Stoffen, Blumen, Vorhängen, Fahnen oder via Lautsprecher präsent sind. Wer vom "Klimawandel" spreche, müsse sich auch sprachlich wandeln, glaubt sie. "Alleine das Wort Klimaschutz! Müssen wir das Klima schützen? Das Klima ändert sich ganz oft, und genauso die Natur. Es geht darum, uns zu schützen." Das gehe aber nur mit Respekt vor allem anderen.

Die Natur sei großartig, komplex und sehr fragil, davon zu erzählen, lohne sich, sagt die Autorin, die von vielen positiven Erfahrungen bei Workshops in Schulen berichtet und mit einer Aussage überrascht: "Wir bräuchten mehr Biologie-Unterricht. Das ist schließlich die Quelle des Lebens. Ich finde Biologie wichtiger als Deutsch." Dennoch arbeitet Grill auch künftig nicht mehr als Naturwissenschafterin, sondern als Autorin. Ein Lyrikband und auch der nächste Roman sind bereits im Entstehen.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Andrea Grill: "Sonnenspiel", Leykam Verlag, 270 Seiten, 25,50 Euro, Lesungen am 23. März, 19.30 Uhr, im Literaturhaus Salzburg, Strubergasse 23, am 26. März, 19 Uhr, im Literaturhaus Wien Seidengasse 13)

Zusammenfassung
  • Andrea Grills neuer Roman "Sonnenspiel" spielt im sommerlichen Apulien und verbindet Naturerleben mit gesellschaftskritischen Themen.
  • Im Mittelpunkt steht die Ausbeutung italienischer Näherinnen, die für Luxus-Labels arbeiten und nur einen Hungerlohn erhalten.
  • Eine Madonna-Figur wird im Buch als feministische Provokation mit einem Hosenanzug ausgestattet und sorgt für Aufsehen im Ort.
  • Die Beziehung zwischen der Näherin Loredana und der Modejournalistin Stella entwickelt sich zu einer Liebesgeschichte, das Ende bleibt offen.
  • Andrea Grill ist von der Einstellung der Literatursparte ihres Verlags Leykam überrascht worden und engagiert sich aktuell bei der Klima Biennale Wien.