Harrer: Neue Regierung Afghanistans ist "Gruselkabinett, wie es befürchtet wurde"

08. Sept 2021 · Lesedauer 3 min

Ein Minister wird wegen Terrorismus gesucht, vier waren in Guantanamo. Nahost-Expertin und "Standard"-Journalistin Gudrun Harrer erwartet dennoch, dass der Westen auf "pragmatische" Beziehungen setzen wird.

Die neue Regierung Afghanistans, die die radikal-islamistischen Taliban am Dienstag präsentierte, sei "genau so ein Gruselkabinett geworden, wie es befürchtet wurde", sagt Nahost-Expertin und "Standard"-Journalistin Gudrun Harrer.

Wie sich das auf die aktuelle Situation in Afghanistan auswirke, sei schwer zusammenzufassen: Es gebe den Widerstand gegen die Taliban im Panjshir-Tal, den die Taliban zwar für bezwungen erklärten, der laut Harrer aber weitergehen würde. Das Tal sei schlicht schwer zu kontrollieren. Dann gebe es "couragierte" Frauenproteste gegen die Taliban, aber auch Proteste für die Islamisten. Viele Menschen würden sich erhoffen, dass es unter den Taliban ruhiger werden würde. 

Natürlich gibt es aber auch viele in Afghanistan, die die Taliban-Herrschaft "fürchten und hassen" würden, so Harrer, die von zusammengeschlagenen Journalisten und dem brutalen Vorgehen der Taliban gegen Mitglieder der alten Regierung berichtet. Für die Bevölkerung sei es jedenfalls "fürchterlich", was von der neuen Regierung zu sehen sei, sagt Harrer, die etwa auf den Hochschul-Minister verweist, der gesagt hat, dass Bildung nicht so wichtig wie Frömmigkeit sei, denn die Taliban hätten schließlich auch nicht studiert.

Die "schlimme Nachricht" sei, dass die Pläne der USA auf Kosten der Bevölkerung gehen werden, sagt Harrer. Denn die USA werde selbst mit der von den Taliban präsentierten Übergangsregierung "eine pragmatische Art der Zusammenarbeit" finden. Man habe schon mit ihnen verhandelt und das einzige Interesse des Westens sei, dass Afghanistan keine Brutstätte des internationalen Terrorismus mehr werde. 

Wer ist das "Gruselkabinett"?

Diese Angst des Westens sei nicht ganz unberechtigt, sagt Harrer. So hätten die Taliban immer noch familiäre Kontakte zu Al Quaida. 

Der neue Innenminister werde international wegen Terrorismus gesucht, vier Minister saßen in Guantanamo, ein weiterer ehemaliger Häftling des US-Gefängnisses auf Kuba wurde Gouverneur. Sie alle kamen 2014 im Austausch gegen einen US-Soldaten frei. 

Alle nun bekannten 33 Minister und andere Amtsträger sind Männer. Bis auf drei gehören alle der Ethnie der Paschtunen an - zwei sind Tadschiken, einer ist Usbeke. Angehörige der Minderheit der Hazara sucht man vergebens. Der Premier steht auf einer Sanktionsliste. Es sei die alte Riege der Taliban, sagt Harrer, mit denen die USA aber auch seit 2018 schon verhandeln würden - deshalb müsse man die Auswirkungen auf die internationalen Beziehungen etwas relativieren, so die Nahost-Expertin.

USA äußerten Besorgnis

Dennoch äußerten die USA am Mittwoch zunächst Besorgnis über die Übergangsregierung. Auf der Liste der Kabinettsmitglieder stünden "ausschließlich Personen, die Mitglieder der Taliban oder ihrer enger Verbündeter sind und keine Frauen", erklärte ein Sprecher des US-Außenministeriums. Auch Deutschland zeigte sich unzufrieden. Russland plane vorerst keine Gespräche mit der Übergangsregierung.

 

Quelle: Redaktion / koa