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Gen-Technik soll Schreddern von Küken beenden

30. Dez. 2022 · Lesedauer 4 min

Gen-Methoden sollen künftig dafür sorgen, dass Legehennen Eiern legen, aus denen nur weibliche Küken schlüpfen.

Männliche Küken von Legehennen sind in der modernen Landwirtschaft nicht mehr als ein lästiges Beiprodukt - und deren Tötung sorgt seit Jahren für Empörung bei Tierschützern und ist darüber hinaus ein Kostenfaktor. Israelische Forscher arbeiten nun daran, dass dieses Beiprodukt gar nicht erst entsteht: Indem sie mit Gen-Methoden Legehennen entwickeln, aus deren Eiern nur weibliche Küken schlüpfen.

Das Team der Agrarforschungsorganisation Volcani Center setzt dabei auf sogenanntes Genome Editing, die zielgerichtete Veränderung von DNA. Teamleiter Yuval Cinnamon sieht darin die einzige Möglichkeit, das massenhafte Töten von männlichen Küken auf der ganzen Welt deutlich einzudämmen. "Dies ist eine Weltneuheit und die einzige Lösung, die für die Industrie leicht umzusetzen ist", sagte er der Nachrichtenagentur AFP.

Schreddern in vielen Ländern verboten

Bisher werden männliche Küken von Legehennen meist unmittelbar nach dem Schlüpfen geschreddert oder vergast. In Deutschland ist dies zwar seit Anfang 2022 verboten und auch in anderen Ländern und auf EU-Ebene gibt es Bestrebungen in dieser Richtung. Gute Alternativen dazu gibt es bisher jedoch nicht.

Tatsächlich vermutet die Organisation Foodwatch, dass männliche Küken in Deutschland nun massenhaft ins Ausland transportiert werden, wo sie möglicherweise dann doch getötet werden. Nach Angaben der Verbraucherschützer ist der Verbleib von Millionen in diesem Jahr in Deutschland geschlüpften männlichen Küken völlig unklar. Eigentlich müssten sie als sogenannte Brüderhähne gemeinsam mit den Hennen aufgezogen werden.

Technologien, mit denen das Geschlecht der Küken bereits im Ei festgestellt werden kann, sind eine weiter Möglichkeit. Cinnamon hält diese Methoden jedoch für nicht ausreichend zuverlässig. Zudem bleibt der Aufwand des Screenings aller sowie die Entsorgung der ungewollten Eier.

In zwei Jahren im Einsatz

Volcani Center setzt darauf, Legehennen gentechnisch so zu verändern, dass sich männliche Embryonen nicht weiterentwickeln und schlüpfen. Die weiblichen Embryonen hingegen entwickeln sich demnach normal, ohne selbst genetisch verändert zu sein. Nach Angaben der US-israelischen Firma Huminn, die mit den Forschern von Volcani Center zusammenarbeitet, könnte die Technologie in zwei Jahren kommerziell genutzt werden.

Abgesehen von den Vorteilen für den Tierschutz könnte die Technologie den Geflügelzüchtern enorme Einsparungen beim Platz- und Energiebedarf für den Betrieb von Brutkästen bieten und gleichzeitig die erheblichen Kosten für die Entsorgung der männlichen Küken senken. "Die Keulung jedes männlichen Kükens kostet einen Dollar, das sind also sieben Milliarden Einsparungen pro Jahr", rechnet Cinnamon vor.

Rechtliche Grauzone

Ob dies eine Lösung für deutsche und europäische Landwirte ist, ist allerdings fraglich. Zum einen ist Genome Editing eine rechtliche Grauzone. Die Nutzung gentechnisch veränderter Organismen (GVO) zur Lebensmittelproduktion ist in der EU weitgehend verboten, die Einstufung von per Genome Editing veränderten Lebewesen als GVO ist jedoch umstritten.

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschied 2018, dass per Mutagenese - eine Arte des Genome Editings - veränderte Pflanzen als GVO einzustufen sind. Die EU-Kommission spricht sich jedoch für eine Reform der bisherigen strengen Gentechnik-Richtlinie aus, da neue Gentechnik-Verfahren Studien zufolge "zu einem nachhaltigeren Lebensmittelsystem" beitragen könnten.

Zum anderen ist die Kritik von Umwelt- und Tierschützern am System der Legehennenhaltung grundsätzlicher: Selbst wenn keine männlichen Küken mehr getötet würden, ändere dies nichts an den "unerträglichen Zuständen in deutschen Hühnerställen", erklärte etwa Foodwatch. Vielmehr brauche es einen "wirklichen Systemumbau" weg von der "tierquälerischen Hochleistungszucht" - und eine Abkehr von der strikten Einteilung von Hühnern zur Fleisch- und zur Eierproduktion.

Quelle: Agenturen