APA/ROLAND SCHLAGER

Wissenschaftsforscherin plädiert für Weisheit

Heute, 08:26 · Lesedauer 7 min

Geopolitische Umwälzungen, demokratiefeindliche Tendenzen, eine sich durch KI schnell verändernde Welt - trotz vieler guter Gründe, sich einigeln zu wollen: "In Schockstarre zurückzufallen oder Angst sind die schlechteste Reaktion", sagt die Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny anlässlich des Erscheinens ihres Buches "Zukunft braucht Weisheit" zur APA. Es gehe vielmehr um Offenheit und den zuversichtlichen Umgang mit Ungewissheit, hier könne die Wissenschaft Vorbild sein.

Mitte Jänner erschien Nowotnys autobiografisches Werk (Verlag Matthes & Seitz Berlin), das sie auf Basis ihrer vielfältigen "Grenzerfahrungen" - ob in ihrer Forschung mit ihren geografischen Standorten oder als renommierte Expertin für Forschungspolitik - auf die Lage der Welt blicken lässt. Darin steckt vor allem das Plädoyer, der Zukunft mit Offenheit zu begegnen. "Weisheit hat viel mit Offenheit zu tun, auch wenn sich noch viel mehr unter diesem Begriff subsumieren lässt", so die 88-jährige gebürtige Wienerin.

"Die gesellschaftliche Polarisierung ist heute so weit fortgeschritten, dass wir keine Sprache, keine Möglichkeit mehr finden, miteinander zu kommunizieren und unterschiedliche Perspektiven zusammenzuführen." Hier spiele Offenheit eine Rolle, aber mitunter genauso in Bezug auf neue Technologien. Die Abhängigkeit bei Künstlicher Intelligenz (KI) von den großen US-Tech-Bossen und Konzernen sei gewaltig. Als Beispiel für überraschende, Zuversicht spendende Wendungen verweist sie auf die chinesische Antwort "DeepSeek": "Plötzlich kommt ein alternatives, kleineres - und ja, natürlich auch vom chinesischen Staat gefördertes - Generatives KI Modell auf, beruhend auf 'Open Source', von dem vor allem die Länder des globalen Südens profitieren werden", so die emeritierte Professorin der ETH Zürich und ehemalige Präsidentin des Europäischen Forschungsrats ERC.

Zwischen Apokalypse und Weltuntergangsszenarien auf der einen und Heilsversprechungen auf der anderen Seite - die KI steht genauso für Polarisierung. "Die großen internationalen Konzerne versuchen all jene Bedingungen zu schaffen, unter denen ihre Produkte uns determinieren und so auch beherrschen sollen." Sie wollten etwa vorgeben, was wir zu kaufen haben, welchem Protokoll wir zu folgen haben, und wie und wo wir unsere Daten sichern. "Dieser Determinismus wird systematisch eingebaut - und zum Schluss sind es halt die Algorithmen dieser Konzerne, die unsere Zukunft voraussagen - und wir glauben dann daran. Das muss man aufbrechen." Auch hier gehe es darum, "offen dafür zu sein, dass es anders kommen kann", so Nowotny.

Außerdem: "Menschen, die glauben, sie können alles kontrollieren, sind in der Geschichte bisher noch immer an einer Wirklichkeit gescheitert, die nicht unter ihrer Kontrolle stand", so die Forscherin, die sich mit Künstlicher Intelligenz in ihrem Buch "Die KI sei mit euch" (2023) bereits umfassend auseinandergesetzt hat und die derzeit am Complexity Science Hub (CSH) Wien als Co-Leiterin des Forschungsprojektes "Socioscope" mit einem internationalen Team eine neuartige KI-basierte Methode für die sozialwissenschaftliche Datenerhebung und -analyse entwickelt. Innerhalb von zwei Jahren gelang es den Forschenden, Daten zu mehr als 600 lokalen Initiativen auf allen Kontinenten zu sammeln, die im Bereich Ernährung nach höherer Nachhaltigkeit streben. Diese Daten werden nun auch mit KI-Modellen ausgewertet - damit betrete man wissenschaftliches Neuland, so Nowotny.

"Wissenschaftsfreiheit ist zweifellos in Gefahr"

Zuversichtlich zu bleiben, fällt aber auch der renommierten Wissenschaftsforscherin bisweilen schwer. Die gravierenden Veränderungen, die unter US-Präsident Donald Trump den Hochschulen und Forschungseinrichtungen widerfahren sind, "hätte man nicht für möglich gehalten". Sie stehen auch exemplarisch für den Befund eines Angriffs auf die Wissenschaftsfreiheit: "Die Gefahr ist da, zweifellos", so Nowotny. Internationale Zusammenarbeit, die für die Wissenschaft unverzichtbar ist, werde von der Trump-Administration systematisch zerschlagen. Förderungen seien ebenso systematisch gekappt worden, Einreisebeschränkungen on top - "so beginnt der bedauerliche Abstieg der - einst an der internationalen Spitze stehenden - amerikanischen Wissenschaft."

Sie habe in ihrem Leben oft erlebt: "Was in Amerika begonnen hat, schwappt dann doch nach Europa über, wenn auch in etwas abgeschwächter Form", so die Forscherin, die nach ihrem Jus-Studium und als Assistenzprofessorin am Institut für Kriminologie der Uni Wien dann nach New York ging, sich der Soziologie widmete und an der Columbia University ein PhD absolvierte. Heute auf die USA blickend attestiert sie dem Land bzw. seiner Politik "gelebte Wissenschaftsfeindlichkeit", doch es gebe drei Gründe, "die uns in Europa hoffentlich davor schützen": das schwerpunktmäßig öffentlich finanzierte und öffentlich zugängliche Bildungssystem, verbunden mit einem durchaus höheren Bildungsniveau, zudem ein inklusiveres Verständnis von "Wissenschaft", das im Gegensatz zu "Science" die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften einschließt, sowie die in Europa doch besser verankerte liberale Demokratie. Das könnten, so Nowotny, Faktoren für eine gewisse Immunität sein: "Ich sehe die Gefährdung auch, aber ich glaube, dass wir widerstandsfähiger sind."

Braucht kompetente Rebellinnen und Rebellen

"Zugegeben, die Lage der Welt ist katastrophal, die Klimakrise real, eure Karrierechancen und Arbeitsbedingungen sind prekär und eure Zukunftsaussichten sind dringend verbesserungsbedürftig, und dennoch: Euer Handlungsspielraum ist weit größer, als ihr glauben mögt", adressiert Nowotny in ihrem Buch besonders auch die jungen Menschen. Es brauche aber "kompetente Rebellinnen und Rebellen".

"Es geht darum, das Bestehende immer in Frage zu stellen und daran festzuhalten, dass es auch immer anders kommen kann", so die Forscherin. Die Wissenschaft lebe dies vor: "In der Wissenschaft gibt es immer Rebellentum. Sie nimmt nichts als gegeben hin, es geht um das ständige Hinterfragen. Aber Rebellentum allein genügt nicht, es muss auf Wissen, Evidenz, Argumentation basieren." Die Abgrenzung zum Aktivismus sei dabei nicht leicht, vielmehr eine Gratwanderung. "Unterschreibe ich als Wissenschafterin bzw. Wissenschafter oder als Bürgerin bzw. Bürger ein Manifest? In welcher Rolle gehe ich auf eine Demo?" Aktivismus könne leicht in eine Sackgasse führen. "Für die Wissenschaft ist es auch nicht gut, einem Hype zu folgen, nur weil man glaubt, dass dies in der Öffentlichkeit gut ankommt, z.B. das neuste Mittel gegen Krebs zu früh anzupreisen", so Nowotny.

Seit der Corona-Pandemie scheint es aber gang und gäbe zu sein, dass Politiker sich bei ihren Ankündigungen auf fakten- bzw. evidenzbasierte Erkenntnisse berufen - kurz auf "Follow the Science": "Das ist eine leere Floskel geworden, hinter der sich viele Politiker immer dann verstecken, wenn es ihnen passt. Es ist ein Feigenblatt", so Nowotny. Gleichzeitig fehle es an Mut, politisch viel langfristiger zu handeln. "Wenn wir Politiker hätten, die uns mit Ehrlichkeit den Ernst der Lage schildern würden, glaube ich, dass es darauf viel Resonanz gäbe. Die Leute wüssten es zu schätzen", so Nowotny in Bezug auf Herausforderungen wie z.B. Klimawandel oder auch Europas Notwendigkeit, sich mit Anstrengungen in verschiedene Richtungen von den USA unabhängiger aufzustellen.

"In Bezug auf KI müsste die Wissenschaft auch viel mehr aufklären - über die positiven Möglichkeiten ebenso wie über ihre Grenzen", so Nowotny. Zudem stelle sich mehr denn je auch die Verantwortung, der Bevölkerung zu vermitteln, wie Wissenschaft funktioniert - und welche Antworten sie daher liefern kann und welche eben auch nicht. Hier seien auch die Medien gefordert.

Zukunft als Möglichkeitsraum treu bleiben

"Wenn Sie heute die Leute fragen: 'Wie stellt ihr euch eure Zukunft vor?' Dann geht es entweder um Schreckensszenarien oder es wird nicht sehr weit gedacht. Um das Jahr 2000, die als einmalig erlebte Jahrtausendwende, war das noch ganz anders: Da gab es noch einen imaginären Raum für Zukunftsprojektionen." Selbst wenn "die Zukunft von großer Ungewissheit geprägt bleibt, bietet sie einen offenen, riesigen Möglichkeitsraum, und den dürfen wir uns nicht nehmen lassen!", so Nowotny, die ihr Buch "Zukunft braucht Weisheit" Ende Jänner am CSH Wien im Rahmen eines Gesprächs mit dem scheidenden Rektor des Institutes für die Wissenschaft vom Menschen (IWM), Misha Glenny, vorstellt.

(S E R V I C E - Helga Nowotny: "Zukunft braucht Weisheit", Matthes & Seitz Berlin, 2026, 300 Seiten, 24,00 Euro, ISBN: 978-3-7518-2077-6; Veranstaltung "Helga Nowotny im Gespräch mit Misha Glenny - Zukunft braucht Weisheit" am 29. Jänner, 18.00 bis 19.30 Uhr, am Complexity Science Hub Wien, https://csh.ac.at/events/zukunft-braucht-weisheit/)

Zusammenfassung
  • Die Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny fordert in ihrem neuen Buch 'Zukunft braucht Weisheit' einen offenen und zuversichtlichen Umgang mit Ungewissheit in einer von Krisen und KI geprägten Welt.
  • Sie warnt vor gesellschaftlicher Polarisierung und der wachsenden Abhängigkeit von großen US-Tech-Konzernen bei Künstlicher Intelligenz, verweist aber auf alternative Open-Source-Modelle wie das chinesische 'DeepSeek'.
  • Nowotny sieht die Wissenschaftsfreiheit durch politische Eingriffe, insbesondere in den USA, bedroht, betont aber die größere Widerstandsfähigkeit Europas dank öffentlicher Bildung und liberaler Demokratie.
  • Im Forschungsprojekt 'Socioscope' sammelte ihr Team innerhalb von zwei Jahren Daten zu über 600 nachhaltigen Ernährungsinitiativen weltweit, die nun mit KI-Modellen ausgewertet werden.
  • Nowotny ruft besonders junge Menschen dazu auf, als kompetente Rebellen kritisch zu hinterfragen und betont, dass die Zukunft trotz aller Unsicherheiten ein offener Möglichkeitsraum bleibt.