Wiener Trafikantin angezündet: "Wollte sie nicht töten"

29. Sept 2021 · Lesedauer 6 min

Am Donnerstag begann in Wien der Mordprozess gegen jenen 47-jährigen Mann, der im März aus Eifersucht seine Ex-Partnerin in einer Trafik in der Nussdorfer Straße mit einem halben Liter Benzin übergossen, angezündet und im versperrten Geschäft zurückgelassen haben soll.

Der Angeklagte - ein ursprünglich aus Ägypten stammender Mann - hatte nach seiner Festnahme erklärt, er habe nicht vorgehabt seine Ex-Freundin zu töten, er wollte ihr nur einen "Denkzettel" verpassen. Er habe sie "nur erschrecken" wollen, ihm sei nicht bewusst gewesen, "dass Benzin so gut brennt". Er bekannte sich am Donnerstag nicht schuldig, obwohl das Geschehen zur Gänze auf Video dokumentiert ist.

PULS 24 Chronik-Chefreporterin Magdalena Punz berichtet vom Prozessauftakt. 

Die 35-Jährige, die sich vor ihrem eifersüchtigen Ex-Freund gefürchtet hatte und zu ihrem Schutz sogar einen Detektiv engagiert haben soll, starb Anfang April im Spital an ihren schweren Verletzungen.

Die Verhandlung ist auf zwei Tage anberaumt. "Es geht nur darum, die Wahrheit zu sagen", sagte der Mann zu Beginn der Verhandlung.

Mordprozess um Ex-Freund, der Trafikantin angezündet haben soll

Dem Angeklagten drohen im Fall eines Schuldspruchs am Wiener Landesgericht für Strafsachen zehn bis 20 Jahre oder lebenslange Haft. Außerdem hat die Staatsanwaltschaft seine Unterbringung in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher beantragt.

Staatsanwältin: Wollte Trafikantin "auslöschen"

"Er zündete sie an, weil es ihm nicht genug war, sie zu erschlagen oder zu erdrosseln", hielt Staatsanwältin Susanne Schneider in ihrem Eröffnungsvortrag fest. Der Angeklagte habe die Frau, mit der er eine On-Off-Beziehung führte, "auslöschen" wollen. In Richtung der Geschworenen betonte die Anklägerin, die Tat sei "außergewöhnlich". Der Tatablauf sei zur Gänze auf Video dokumentiert: "Sie werden die grausigen Bilder nicht so schnell vergessen." Zum Vorgehen des Angeklagten bemerkte die Anklägerin: "Meine Worte schaffen es nicht, die Brutalität und die Vehemenz des Angriffs zu beschreiben."

Der Anwalt des Angeklagten Michael Scharch spricht im Interview mit PULS 24 über den Prozessauftakt zum Mord an einer Wiener Trafikantin vom März 2021.

"Er ist ein hilfsbereiter Mann, der alles getan hat, um seine Freundin zu unterstützen", hielt dem Verteidiger Michael Schnarch entgegen. Sein Mandant sei "kein Monster". Die Beziehung zur 35-Jährigen habe den Angeklagten "emotionell zerstört". Dieser habe die Beziehung retten wollen, das sei ihm nicht gelungen. Der Angeklagte habe die Tat "nicht geplant und nicht gewollt". "Sie werden kein Monstrum hören, sondern einen weichen Menschen", kündigte Schnarch an.

Beziehung mit "Füßen getreten"

Sein Ex-Anwalt habe ihn nach seiner Festnahme zu einem falschen Geständnis "gezwungen", behauptete der Angeklagte. Er habe die um zwölf Jahre jüngere Frau "definitiv nicht töten wollen". Er habe während der rund vierjährigen Beziehung auch "nie im Leben" Gewalt gegen die 35-Jährige ausgeübt. Seine Freundin habe ihn dagegen "die ganze Zeit sekkiert", ihn beschimpft und beleidigt und vermutlich mit mehreren Männern betrogen: "Sie hat unsere Beziehung mit dem Fuß getreten." Deswegen sei er mit einer Benzinflasche in ihre Trafik gegangen und habe ihr Angst machen wollen: "Ich wollte sie zur Rede stellen."

Vor Gericht schilderte er auch den Tathergang. Nach Betreten der Trafik schloss der gebürtige Ägypter hinter sich die Tür ab und ließ die Rollbalken hinunter. Die Frau drückte danach sofort den Alarmknopf - die Anlage funktionierte allerdings nicht. 

Trafikantin nach Brandanschlag verstorben

 Er habe die Frau in weiterer Folge geschlagen - "mit der flachen Hand gegen das Gesicht, mehr nicht", schilderte der Angeklagte. Sie sei "ausgerutscht, auf die Seite". Er habe dann Benzin auf Papier gegossen, um das Geschäft - sinnbildlich für den Zustand seiner Beziehung - zu verbrennen. Dabei wären "ein paar Tropfen" auf die am Boden liegende Frau gefallen. Bevor er das Papier anzündete, habe er die Frau "kurz mit einem Kabel gewürgt" - "nur zum Schrecken", wie der 47-Jährige versicherte.

Als das Feuer ausbrach, habe er geglaubt, "dass sie Angst hat und aufsteht". Ehe er das Geschäft verließ - die Tür sperrte er wieder hinter sich ab, den Schlüssel warf er weg -, habe er wahrgenommen, "wie sie noch Fuß und Hand bewegt". Folglich sei er davon ausgegangen, "dass sie noch aufstehen kann".

Brandsachverständiger widerspricht

Der gerichtlich bestellte Brandsachverständige Christian Tisch sprach demgegenüber von einem "massiven Flammbrand im hinteren Bereich der Trafik". Ihm zufolge entstand "innerhalb weniger Sekunden ein Vollbrand, in dessen Mitte das Opfer stand". Die Frau müsse "an der rechten Körperseite höheren Brandlasten ausgesetzt gewesen sein", widersprach der Experte der Darstellung des Angeklagten. "Einige Tropfen" - wie dieser behauptet hatte - seien mit den festgestellten großflächigen Verbrennungen auf der rechten Seite des Oberkörpers der Frau und am rechten Bein nicht in Einklang zu bringen. Vielmehr sei am Körper bzw. Gewand der Betroffenen "brennbare Flüssigkeit aufgetragen worden".

Benzin verbrenne "bei sehr hohen Temperaturen von bis zu 1.000 Grad", erläuterte Tisch. Das Opfer sei dieser Hitzeentwicklung ausgesetzt gewesen. Im Übrigen hätten die Flammen auf weitere Gebäudeteile "weit über das Ausmaß der Trafik hinaus" übergegriffen, wäre die Feuerwehr nicht rasch zur Stelle gewesen. Das Brandgeschehen habe grundsätzlich das Potenzial für eine "Gefahr für Leib und Leben in großem Ausmaß" gehabt.

Gutachten: Zurechnungsfähig und hochgefährlich

Der Mann soll zwar zurechnungsfähig sein, so das Gutachten des psychiatrischen Sachverständigen Peter Hofmann, aufgrund einer schwerwiegenden Persönlichkeitsstörung wird er aber als hochgefährlich eingestuft.

Psychiaterin Sigrun Roßmanith spricht im Interview mit PULS 24 über den Prozessauftakt zum Mord an einer Wiener Trafikantin.

Vernommen wurde auch der Detektiv, den die 35-Jährige eingeschaltet hatte. "Bei mir ist der Eindruck entstanden, sie will aus der Beziehung raus", gab dieser bekannt. Die Frau habe ihm von "krankhafter Eifersucht" ihres Freundes berichtet. "Ich suche nach rascher Hilfe, bevor etwas passiert", hieß es in dem Email, mit dem sich die Frau an den Detektiv gewandt hatte. Und weiter: "Mein Freund macht mir das Leben zur Hölle."

Urteil am Freitag erwartet

Die Verhandlung wird am Freitag fortgesetzt. Zunächst bekommen die Geschworenen das Video mit dem Tatablauf zu sehen - die in der Trafik angebrachte Überwachungskamera war bei dem Brand zwar zerstört worden, das Bildmaterial konnte jedoch gerettet bzw. rekonstruiert werden. Ein zweites, von einer Anrainerin mittels Smartphone mitgeschnittenes Video, das den sich rapide ausbreitenden Brand von außen dokumentiert, wird ebenfalls gezeigt. Ein Gerichtsmediziner und der psychiatrische Sachverständige werden dann ihre Gutachten darlegen. Das Urteil wird für Freitagnachmittag erwartet.

Quelle: Agenturen / Redaktion / lam