APA/HANS PUNZ

Wiener Missbrauchsfall: Justizministerium schaltet sich ein

05. Dez. 2022 · Lesedauer 4 min

Laut dem Untersuchungsbericht gibt es in dem Missbrauchsfall rund um einen Wiener Sportlehrer 40 bestätigte Opfer. Am Dienstag schaltete das Justizministerium die Fachaufsicht ein.

Im Missbrauchsfall um einen Sportlehrer, der bis zu seinem Suizid im Mai 2019 an einer Wiener Mittelschule über Jahre hinweg unmündige Buben auch unter Einsatz von K.o.-Tropfen missbraucht und fotografiert bzw. gefilmt haben dürfte, liegt nun der vorläufige Endbericht einer von der Bildungsdirektion Wien eingesetzten Untersuchungskommission vor.

"Systemversagen auf allen beteiligten Ebenen"

Für das Gremium ist "die Existenz von 40 Opfern belegt", wie es in dem 30-seitigen Bericht heißt. Die Kommission spricht von "Systemversagen auf allen beteiligten Ebenen". 

Mindestens 40 Betroffene

25 Betroffene sind demnach bekannt, 15 weitere sind auf Foto- und Videomaterial zu sehen, das bei einer Hausdurchsuchung in der Wohnung des Lehrers sichergestellt wurde. Diese 15 Betroffenen konnten bisher nicht identifiziert werden, bestätigte Bildungsdirektor Heinrich Himmer am Montagnachmittag vor Journalisten.

"Wir werden das aber nicht auf sich beruhen lassen", versicherte Himmer. Die Bildungsdirektion wird daher nun auch Briefe an ehemalige Schüler der Volksschule verschicken, um auf diesem Weg von allfälligen Missbrauchshandlungen zu erfahren und Hilfe anzubieten.

Betreute auch Volksschule

Der APA liegt eine fundierte Zeugenaussage vor, derzufolge der übergriffige Sportlehrer in den Schuljahren 2011/2012 bis 2014/2015 - möglicherweise im Rahmen eines Kooperationsprojekts - an der Volksschule Turnen unterrichtet hatte. Und ein Bekannter des Lehrers - bis 2016 selbst Vertragslehrer an einer anderen Mittelschule in Wien-Brigittenau, wo er in Missbrauchsverdacht geriet und in weiterer Folge aus dem Schuldienst ausschied - heuerte bereits 2017 als Trainer an der Volksschule an, wo er an Freitagnachmittagen eine Basketball-Gruppe "alleine betreute", wie im Bericht der Untersuchungskommission vermerkt wird.

Von Übergriffen in der Volksschule wurde auch der Untersuchungskommission nichts bekannt: "Der Kommission liegen dazu keine weiteren Informationen vor." Allerdings war es 2018 in einem Basketball-Verein nach mehreren Beschwerden über den Bekannten und Ex-Lehrer, der dort Burschen betreute und deren körperliche Nähe - etwa beim bzw. nach dem Duschen - suchte, dazu gekommen, dass die Kinder- und Jugendanwaltschaft (KJA) mit diesem Mann befasst wurde. Unter Einbeziehung der Kinder- und Jugendanwaltschaft wurde im Dezember 2018 mit dem Trainer eine Vereinbarung getroffen, die ihn unter anderem verpflichtete, seine "Hilfsdienste" beim Umziehen in der Garderobe einzustellen, sich Burschen körperlich nicht mehr zu nähern, Kinder unter 14 Jahren nicht mehr zu trainieren und den Kontakt zu Jugendlichen überhaupt nur mehr vereinsöffentlich zu gestalten. Im Gegenzug wurde vorerst von einer Anzeige abgesehen - mit Wissen und Zustimmung der Kinder- und Jugendanwaltschaft.

Der Basketball-Trainer hielt sich aber nicht daran. Er ging weder - wie vereinbart - zur Männerberatung, noch hörte er auf, Unmündige, d.h. unter 14 Jahre alte Kinder zu trainieren. Die Opfer-Anwältin Herta Bauer, die mehrere von sexuellem Missbrauch betroffene Ex-Schüler vertritt, hält diesen Bekannten des Sportlehrers für einen möglichen Mittäter. Seine Tätigkeit als Trainer hatte er erst 2019 eingestellt - nicht auf Betreiben der Kinder- und Jugendanwaltschaft, sondern weil der Wiener Basketballverband (WBV) die Reißleine zog. Laut WBV-Präsident Thomas Holzgruber wurde der Mann damals für alle Basketball-Aktivitäten gesperrt und dem Sportverein wurde auferlegt, ihn nicht mehr als Trainer zu beschäftigen.

Kommission arbeitete Fall auf

Die Kommission, bestehend aus Mitarbeiter:innen der Bildungsdirektion, der Kinder- und Jugendanwaltschaft und der Kinder- und Jugendhilfe, hat den Fall von Missbrauch an einer Sportmittelschule aufgearbeitet. Weiters hatte die Kommission die Aufgabe, Empfehlungen zu erarbeiten, um strukturelle, juristische, organisationale und kommunikative Maßnahmen zu treffen, damit solche Fälle künftig verhindert oder schnell erkannt werden können.

18 Personen hatten sich von Mai 2021 bis Oktober 2022 an die Kommission gewandt, neun weitere direkt an die Kinder- und Jugendanwaltschaft. Diese sind ehemalige Schüler:innen, Opfer, Mitschüler:innen und Personen aus dem Freundeskreis des Beschuldigten. In der Bildungsdirektion wurden sechs dienstrechtliche Befragungen geführt, schreibt die Bildungsdirektion in einer Aussendung. 

Neue Meldekette 

Um ein derartiges Versagen in Zukunft zu verhindern, wurde vom Landeskriminalamt Wien gemeinsam mit der Bildungsdirektion eine Meldekette festgelegt. Eine Krisen- und Notfallerlass zum Thema Gewalt an Schulen soll noch im Dezember an Schulen übermittelt werden. Außerdem soll im Jänner ein runder Tisch zum Thema Gewalt an Schulen stattfinden. 

Franziska SchwarzQuelle: Agenturen / Redaktion / frn