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Wer hat Angst vorm bösen Wolf? Gewessler nicht, Hörl schon

Der Wolf geht in der österreichischen Politik um: Die politischen Fronten zwischen ÖVP und Koalitionspartner Grüne verhärten sich jenseits der Fakten.

ÖVP-Nationalratsabgeordneter, Tourismussprecher und Tirols Wirtschaftsbundchef Franz Hörl fährt in der Dauercausa Wolf schwere Geschütze gegen Umweltministerin und Koalitionspartnerin Leonore Gewessler (Grüne) auf. Die Ministerin würde wie alle anderen "Wolfsfreunde" mit "dem Feuer und dem Leben von Mensch und Tier spielen", sagte Hörl im APA-Gespräch. Gewessler und elf EU-Amtskollegen hatten sich zuletzt in einem Schreiben an die EU-Kommission für das Raubtier stark gemacht.

Keine Gefahr für Mensch

Wölfe verbreiten sich in Österreich seit 2009 aufgrund des zunehmenden Waldanteils und dem Rückgang der Landwirtschaft. Laut Zahlen des Österreichzentrums Bär Wolf Luchs gab es in Österreich 2020 um die 50 bestätigten Tiere. Risse sind ein Problem, Bauern können sich mir wolfssicheren Zäunen, Herdenschutzhunden und Behirtung helfen - diese Maßnahmen seien aber teuer.

Laut dem Zentrum sind Wölfe "sehr scheu", für Menschen würde es kaum Gefahr geben. Sie würden weder ihre Beute noch ihre Jungen verteidigen und bei Begegnungen flüchten. Problematisch ist ein gezieltes Anfüttern von Wölfen. Tiere, die Menschen mit Futter assoziieren, müssten geschossen werden.

Emotion im Vordergrund

Er könne nicht verstehen, dass eine "so intelligente und kluge Frau so herzlos agieren und sich aus reiner Ideologie derart versteigen kann", so Hörl: "Das betrübt mich zutiefst und macht mich sehr traurig." Umso betrübter mache es ihn, dass die Ministerin damit auch "gegen den Tierschutz sowie den Naturschutz agiert", erklärte der wortgewaltige Zillertaler Hotelier, Landwirt und Jäger.

Gewessler und ihre Kolleginnen und Kollegen hatten in dem Schreiben eine Resolution des EU-Parlaments vom November scharf kritisiert. Die Themen seien "wichtig", aber in Zeiten einer Biodiversitätskrise "ist die Tendenz der Entschließung, den rechtlichen Schutz des Wolfes zu schwächen, eindeutig" abzulehnen, hieß es dort unter anderem. Eine Mehrheit der EU-Abgeordneten hatte unter anderem eine "Abschwächung des Schutzstatus" gefordert.

Hörl sieht Ideologie

Gewessler wähle "aus rein ideologischen Gründen" den "völlig falschen Weg", attackierte Hörl die Umweltministerin. Denn eines sei klar: "Kommt der Wolf, geht die Alm." Es sei "gefährlich, Großraubtiere ohne jede Kontrolle zuzulassen und in die dicht besiedelten österreichischen Berge zu holen." Was ihn als Landwirt besonders ärgere, sei die von den "Wolfsfreunden" gewählte Sprache, wenn es um vom Raubtier gerissene Schafe, Rinder und Ziegen geht. "Da spricht man von 'Schaden'. Nein. Das sind Tiere, die hier geopfert werden. Bei denen man in Kauf nimmt, dass sie zu Hunderten bei lebendigem Leib zerfleischt werden." Jene, die Raubtiere aktiv zurückholen wollen, würden akzeptieren, dass Schafe, Rinder und Ziegen schwer verletzt "unsere Almböden übersäen."

In der Realität nicht handhabbar sah Hörl den beständig propagierten "Herdenschutz" in Zusammenhang mit dem Wolf. "Wer von Herdenschutz spricht, der soll die Wahrheit sagen: Da werden extrem scharfe, große, gefährliche und eigenständig handelnde Schutzhunde eingesetzt. Diese Hunde verteidigen ihre Herde gegen alles und jeden". Es bestehe dann "Lebensgefahr, auch für die Touristenfamilie und auch für den Schoß- oder Familienhund der beim Wandern begleitet."

"Monster-Schutzhunde"

Gewessler solle einfach "Herdenschutz" erklären, wie sie ihn offenbar verstehe, nämlich "temporäres Einzäunen der 'Nutztiere' im Gebirge und dabei in Kauf nehmen, dass Reh- Hirsch und Gams in diesen Zäunen mit Strom zu Tode gezwickt werden", kritisierte der ÖVP-Politiker. Oder eben den Einsatz dieser "Monster-Schutzhunde", die an "Menschen, Hündchen, aber auch an Wild massakern" würden.

Hörl unterstützte indes auch einen "Offenen Brief" von Tirols Landesjägermeister Anton Larcher an Gewessler. Darin brachte jener seine "Fassungslosigkeit" ob des Vorstoßes von Gewessler und den anderen Ministern zum Ausdruck. Die "Schlagworte Biodiversität, Umweltschutz und Tierschutz" würden offenbar immer mehr "zum Deckmantel für dahinterstehende Bestrebungen ideologischer Natur."

Grüne sehen Heuchelei

Scharf fiel am Freitag die Reaktion der Grünen auf die Aussagen Hörls aus. "Politik lebt von Auseinandersetzungen, Politiker:innen leben von freier Meinungsäußerung. Was man sich aber dabei erwarten darf, ist ein Mindestmaß an Anstand", richtete die Abgeordnete Barbara Neßler Hörl aus. Anstatt tatsächlich Lösungen zu suchen, werde hier "erneut kräftig medial gepoltert, um die eigene Klientel zu bedienen", so die Tiroler Mandatarin. "Das nenne ich heuchlerisch. Wenn Hörl Leonore Gewessler unterstellt, herzlos zu sein und gegen Tierschutz sowie Naturschutz zu agieren, dann hat Jäger Franz Hörl bei der Wortwahl kräftig danebengeschossen", meinte Neßler.

Unterdessen kündigten Hörl sowie seine Tiroler ÖVP-Nationalratskollegen Josef Hechenberger und Hermann Gahr zudem eine parlamentarische Anfrage an Gewessler an. Darin wollen sie etwa erfahren, auf welchen Grundlagen ihre Behauptungen in dem Brief an die EU-Kommission fußen. Man wolle Antworten, "auf welchen Studien, Forschungen oder Unterlagen die Einschätzung beruht, dass der Wolf Teil dieser Biodiversitätskrise ist. Da doch laut Weltnaturschutzunion (IUCN) der Wolf nicht mehr auf der roten Liste der bedrohten Tierarten zu finden ist", erklärten die Nationalratsabgeordneten unisono. "Interessant" finden die Mandatare auch, dass sich die Ministerin nur für den Schutz des Wolfes, jedoch nicht für den Schutz seltener Nutztierrassen wie etwa "das Alpine Steinschaf, das Kärntner Brillenschaf oder das Tiroler Steinschaf" einsetze. "Wieso wird der Wolf als nicht bedrohte Tierart den bedrohten Nutztierrassen übergeordnet", fragten die Tiroler ÖVP-Politiker. "Mir ist es völlig schleierhaft, wie man eine einzige Tierart allen anderen überordnen kann. Für Ministerin Gewessler steht der absolute Schutz des Wolfes über allen anderen. Anscheinend auch der Biodiversität auf unseren Almen", legte Hechenberger, auch Landwirtschaftskammerpräsident in Tirol, nach.

In Tirol hatte kürzlich eine breite Landtagsmehrheit mit Ausnahme der Grünen eine Gesetzesnovelle zum Jagdgesetz beschlossen, mit der ein leichterer Abschuss von Problem- und Risikowölfen per Verordnung ermöglicht wird. Die schwarz-rote Landesregierung sprach offen von einem juristischen Grenzgang. Organisationen wie der WWF oder der "Verein gegen Tierfabriken" (VGT) orteten hingegen einen glatten Bruch von EU-Recht.

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