Verena Winiwarter widmet sich "Überlebensthema" Klimaschutz

24. Aug. 2022 · Lesedauer 3 min

Ein Plädoyer für eine Zukunft, sie sich an den Prinzipien der Umweltgerechtigkeit orientiert, legt die Umwelthistorikerin Verena Winiwarter in ihrem neuem Buch vor. Unter dem programmatischen Titel "Der Weg zur klimagerechten Gesellschaft" geht sie auf nur wenigen Seiten einen weiten inhaltlichen Weg. Dabei gelingt es ihr, die vielfältigen Verbindung zwischen der Klimakrise und den gesellschaftspolitischen Herausforderungen unserer Zeit knapp, aber anschaulich abzureißen.

Winiwarters Überlegungen zu den "Sieben Schritten in eine nachhaltige Zukunft", wie es im Untertitel des Buches heißt, das auf einer im Februar gehaltenen "Wiener Vorlesung" der Forscherin fußt, reichen tatsächlich sehr weit. So versteht es die "Wissenschafterin des Jahres" 2013, jene Entwicklungen, die die Auswirkungen der Temperaturerwärmung mittlerweile auch hierzulande deutlich sicht- und fühlbar machen, historisch herzuleiten. Dabei wird umso erdrückender klar, warum es sich bei der Klimakrise und dem Umgang damit um ein "super wicked problem" - also ein äußerst heimtückisches Problem - handelt.

Die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen vergleicht Winiwarter analog zum US-Autor Kurt Vonnegut mit einer "Sucht", von der vor allem die industrialisierte Welt bisher nicht loskommt. Gewissermaßen als Dealer fungiert dabei die freie Marktwirtschaft mit ihrem Dogma des Wirtschaftswachstums. Der "Stoff" ist die jahrzehntelange Verfügbarkeit von relativ günstigen fossilen Energieträgern, die die wirtschaftliche Entwicklung antreiben.

Dementsprechend geht es für die Wissenschafterin beim "Überlebensthema" Klimaschutz auch um den Umbau vieler verschränkter Mechanismen, nach denen das System funktioniert: "Es geht nicht um Verzicht, sondern um das Durchhalten eines Entzugs und seiner zugegebenermaßen üblen Begleiterscheinungen."

Für Winiwarter stehen Fragen der Nachhaltigkeit, zum Erhalt der Biodiversität oder zur Eindämmung der Temperaturerwärmung immer in engem Zusammenhang mit grundlegenden Fragen zur Gerechtigkeit. Obwohl all das tiefgehende weltanschaulich-ethisch-juristische Gedankengebäude berührt, lässt sich die Umwelthistorikerin nicht darauf ein, zu tief in theoretische Sphären abzutauchen. Klar wird jedoch, wie schwer "intergenerationale" und "internationale Gerechtigkeit" unter einen Hut zu bringen sind, und wie sehr es bei Schritten in diese Richtung um weltweite Abstimmung geht.

Eines der Zentren des Umganges mit dem so umfassenden Problemkreis ist für Winiwarter der auf demokratischen Prinzipien beruhende Rechtsstaat: "Nachhaltigkeit und Klimagerechtigkeit sind ohne die Institutionen des demokratischen Grundrechtsstaates nicht denkbar." Warum es gerade dieser angesichts von Kriegen und wirtschaftlichen Verwerfungen nicht leicht beim Umgang mit Problemen hat, die sich nicht geradlinig entwickeln und die weit in die Zukunft reichen, wird nachvollziehbar erklärt. Dabei outet sich Winiwarter auch als Unterstützerin der Idee eines "Klimaverfassungskonvents", bei dem diese zentrale Herausforderung unserer Zeit möglichst im Konsens weit oben auf die gesellschaftspolitische Agenda gehoben werden sollte.

Für die Wissenschafterin ist eine klimagerechte Gesellschaft "eine Gesellschaft, die weder nach fossiler Energie noch nach bewusstseinsverändernden Substanzen süchtig ist, weil sie eine sinnvolle psychosoziale Integration priorisiert und damit für die Individuen Vertrauen schafft, Komplexität reduziert und deren mentale Gesundheit fördert". Wer sich mit den dahinterliegenden Gedanken ein Stück weit vertrauter machen möchte, kann das in "Der Weg zur klimagerechten Gesellschaft" tun. Wer allerdings tiefer in die Materie einsteigen möchte, wird bald auf die vielen weiteren Publikationen zugreifen wollen, die Winiwarter in ihrem Büchlein anführt.

(S E R V I C E - Verena Winiwarter: "Der Weg zur klimagerechten Gesellschaft. Sieben Schritte in eine nachhaltige Zukunft", Picus Verlag, 72 Seiten, 14 Euro)

Quelle: Agenturen