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Umgebung von Stonehenge schon früher von Jägern genutzt

27. Apr. 2022 · Lesedauer 4 min

Der Steinkreis von Stonehenge in Südengland ist nur die Spitze eines größeren Eisberges prähistorischer Bauten rund um die UNESCO-Welterbestätte. Am Auffinden der Überreste von riesigen Monumenten in der Gegend waren in den vergangenen Jahren auch österreichische Archäologen beteiligt. Ein internationales Team hat sich nun der Geschichte der Umwelt der Region angenommen und gezeigt, dass schon Jäger-Sammler-Gruppen die teils offene Landschaft über Jahrtausende schätzten.

Seit mehr als zehn Jahren analysieren etwa britische Forscher in Kooperation mit einem Team um Wolfgang Neubauer vom Ludwig Boltzmann Institut für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie (LBI ArchPro) in Wien die Region mit neuen geophysikalisch-archäologischen Methoden. Dort wurden zuletzt etliche bisher unbekannte Monumente und "Henges" entdeckt. Mit diesem Begriff werden steinzeitliche Anlagen bezeichnet, die aus einem runden oder ovalen Erdwall und einem innen liegenden Graben bestanden. Auf der Fläche im Inneren standen oft kreisförmig angeordnete Steine oder Holzpfosten.

Die wohl bekannteste derartige Anlage ist Stonehenge, dessen Graben und Wall einen Durchmesser von 110 Metern hat. Deutlich größer und auch älter ist das rund drei Kilometer nordöstlich davon gelegene Durrington Walls mit einem Durchmesser von 500 Metern. Die Anlage besteht aus einem 1,5 Kilometer langen, 30 Meter breiten und bis zu drei Meter hohen Wall und einem innenliegenden, knapp 18 Meter breiten Graben. Zusammen mit dem ebenfalls dort befindlichen, unter dem Namen "Woodhenge" bekannte Holzpfosten-Kreis, wird diese Anlage als "Super-Henge" bezeichnet. Umgeben war der Komplex einst auch von mehr als 200.000 in einem Ring von rund zwei Kilometer Durchmesser angelegten Gruben, wie Neubauer und Kollegen 2020 zeigten.

Während der Steinkreis vor 4.600 bis 4.200 Jahren errichtet worden sein dürfte, entstanden der Super-Henge und die Schächte vor rund 4.600 bis 4.400 Jahren. Auch wenn über das Alter der Anlagen noch nicht das letzte Wort gesprochen ist, gehen sie auf eine Gesellschaft jungsteinzeitlicher Bauern zurück. In der neuen Studie im Fachblatt "Plos One" wollten Samuel Hudson von der University of Southampton (Großbritannien) und Kollegen herausfinden, ob die Gegend auch schon zuvor für Jäger-Sammler-Gruppen größere Bedeutung gehabt haben könnte.

Sie konzentrierten sich in der Analyse auf eine Ausgrabungsstätte namens "Blick Mead" nahe des Flusses Avon am Rande der heutigen Welterbestätte. Hier fanden sich zahlreiche Steinwerkzeuge, viele Auerochsenknochen und weitere Besiedelungsspuren aus der Zeit vor rund 10.000 bis 5.400 Jahren, also bevor sich dort der landwirtschaftliche Lebensstil durchsetzte. In der Wissenschaft wird darüber diskutiert, ob die später entstandenen Monumente in eine Landschaft gebaut wurden, die schon in der mittleren Steinzeit einen wichtigen Stellenwert für die lokale Bevölkerung hatte oder aus irgendwelchen Gründen in einem mehr oder weniger unerschlossenen Waldgebiet angelegt wurden.

Vor allem das Vorhandensein von offenen Landschaften inmitten der damals ausgedehnten Wälder in Südengland dürfte für Jäger und Sammler auf der Suche nach Großwild, aber auch für frühe Bauern mit Nutztieren wichtig gewesen sein. Das Team, dem auch Lisa Snape und Andreas Lang von der Universität Salzburg angehörten, untersuchte die dort gefundenen Tierüberreste und DNA-Spuren in den Erdsedimenten aus vergangener Zeit.

Entgegen früherer Annahmen legen die Analysen von Pflanzenpollen oder Pilzsporen nun nahe, dass die Gegend vor vielen Jahrtausenden keineswegs geschlossen bewaldet gewesen sein dürfte. "Blick Mead" befand sich demnach auf einer Lichtung in Laubwäldern inmitten einer zumindest teilweise offenen Landschaft. Damit war die Gegend für Auerochsen und Hirsche vermutlich ein bevorzugter Aufenthaltsort, schreiben die Forscher in ihrer Arbeit.

Dementsprechend attraktiv war die Umgebung für Jäger und Sammler, die sich offenbar schon 4.000 Jahre vor den Monument-Erbauern mehr oder weniger durchgehend dort aufhielten und vermutlich auch bereits rituelle Handlungen vornahmen. Für die dann folgenden Bauern scheint die Gegend aus verschiedenen Gründen ebenfalls Bedeutung erlangt zu haben. Sie rodeten die Umgebung in der Folge weitläufiger und legten die "Henges" an. Die Wissenschafter werten die Ergebnisse als Hinweise auf einen Austausch zwischen den sich damals verändernden Gesellschaften.

(S E R V I C E - https://doi.org/10.1371/journal.pone.0266789)

Quelle: Agenturen