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Ukraine: Schwierige Lage im besetzten Cherson

15. Mai 2022 · Lesedauer 2 min

Für die im russisch besetzten Cherson zurückgebliebenen Bewohner der Stadt wird die Lage immer schlimmer. Dies berichtete der APA am Sonntag ein Gesprächspartner in der südukrainischen Regionalhauptstadt.

"Medikamente gehen zu Ende, unter anderem auch in den Krankenhäusern", erläuterte ein Chersoner, dessen Namen aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden kann. Gleichzeitig klagte er über laufende Festnahmen und "Filtrationen" durch die russische Einheiten.

Massenflucht 

"Menschen verlassen zu Tausenden die Stadt, und wir tauchen sukzessive in eine Art Anarchie ein, die an die Situation unmittelbar nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in den frühen Neunzigerjahren erinnert", sagte der Gesprächspartner. Es gebe weder eine Regierung noch klare Regeln. Durch Medikamentenmangel würden zudem jene Menschen sterben, die permanent auf Medikation angewiesen seien oder die nach Verletzungen behandelt werden müssten.

Die "leere Stadt"

Der Anhänger einer ukrainischen Eigenstaatlichkeit sprach von einer "leeren Stadt" und ging davon aus, dass zumindest die Hälfte der Stadtbewohner, 150.000 Menschen, seit Beginn der russischen Besatzung Anfang März ihre Heimatstadt verlassen haben. Erschwert würde dies mittlerweile jedoch unter anderem an den Stadtausfahrten durch lange Listen mit den Namen von Personen, die festgenommen werden sollen. In diesem Zusammenhang sprach er von "Filtrationen", Identitätsfeststellungen in Kombination mit Verhören sowie teilweise Festhaltungen, die im Zweiten Weltkrieg sowohl von deutschen als auch von sowjetischen Truppen praktiziert worden waren.

Verhaftungsaktionen im Umkreis 

Während dies in der Stadt aus logistischen Gründen nicht möglich sei, komme es in Dörfern im Umland von Cherson indes auch zu Verhaftungsaktionen, die an die Praxis in den Tschetschenienkriegen erinnerten. "Das Dorf wird umzingelt, sie (die Russen, Anm.) gehen rein, durchsuchen, rauben und verhaften Leute nach irgendwelchen Kriterien", sagte er. Problematisch für die Dorfbevölkerung sei zudem, dass sie ihre landwirtschaftliche Produktion nicht aus der Region bringen könnten und sie angesichts von niedrigen Preisen vor Ort hohe Verluste machten.

Quelle: Agenturen / Redaktion