Triage-Team eingesetzt: Salzburg muss jetzt entscheiden, wer stirbt und wer weiterleben kann

16. Nov 2021 · Lesedauer 4 min

Aufgrund der Überlastung in den Salzburger Landeskliniken wurde ein Team zusammengestellt, das entscheidet, welche Patienten noch intensivmedizinisch behandelt werden können.

Die Salzburger Landeskliniken (SALK) haben inzwischen ein sechsköpfiges Triagierungsteam nominiert, das aus fünf Medizinern verschiedener Fachbereiche - darunter ein Internist, ein Intensivmediziner und ein Palliativarzt - und einer Juristin besteht, sagte SALK-Sprecher Wolfgang Fürweger am Dienstagvormittag zur APA. Dieses Team müsse dann entscheiden, welche Patienten noch intensivmedizinisch behandelt werden können.

Grund ist die Überlastung der Salzburger Landeskliniken. Aufgrund der derzeitigen Lage sei zu befürchten, dass die gesetzliche Verpflichtung, "Patienten nur nach den Grundsätzen und anerkannten Methoden der medizinischen Wissenschaft ärztlich zu behandeln, trotz aller gesetzten Maßnahmen nicht mehr durchgängig und vollinhaltlich erfüllt werden kann", schreibt SALK-Geschäftsführer Paul Sungler in der der Zeitung vorliegenden "Überlastungsanzeige".

SALK-Sprecher Wolfgang Fürweger erläuterte auch, wo derzeit Betten fehlen, weil das Personal für Behandlung und Betreuung von Covid-Patienten benötigt wird: In der 1. Medizin stehen beispielsweise nur mehr 35 Prozent der Betten zur Verfügung, in der Onkologie sind es 85 Prozent, in der HNO 32 Prozent, in der Gefäßchirurgie 59 Prozent und in der Urologie 63 Prozent. "Man kann sagen, in den internistischen Fächern haben wir um rund 25 Prozent reduziert, in den chirurgischen Fächern um ein Drittel."

"Menschenunwürdiger Streit, wessen Patient zuerst operiert werden könne"

Wie dramatisch die Lage ist, schilderte den "SN" auch ein Spitalsarzt. "Es herrscht jeden Tag ein menschenunwürdiger Streit, wessen Patient zuerst operiert werden könne. Der mit dem Tumor oder der mit dem kaputten Herz." Für Betroffenheit sorgte am Dienstag auch ein Bericht auf "ORF Salzburg", wonach die jüngst Patientin mit einer Covid-Erkrankung auf einer Intensivstation ein vierjähriges Mädchen ist. Das Kind leide nach einer Corona-Infektion an der Multiorgan-Entzündung PIMS, einer Covid-Folgewirkung. Gleichzeitig muss auch ein Fünfjähriger mit Covid-19 auf der Kinderintensivstation behandelt werden.

Neben dem Hilferuf der SALK an die Politik appellierte Fürweger heute auch an die Bevölkerung, die vorgeschriebenen Corona-Bestimmungen einzuhalten. "Es macht unsere Leute grantig, wenn etwa ein Arzt nach einem 12-Stunden-Dienst auf dem Heimweg noch im Supermarkt ein Frühstück besorgt und dort auf Menschen ohne Maske trifft. Am Anfang haben die Menschen geklatscht, aber so etwas ist jetzt wie eine Verhöhnung."

Haslauer will Auffrischungsimpfung vorziehen

Gesundheitsreferent Christian Stöckl (ÖVP) hatte zunächst gegenüber den "Salzburger Nachrichten" betont, dass die Überlastungsanzeige formaljuristisch wichtig und richtig sei, weil es dabei auch um elementare Haftungsfragen der Ärzte und der Krankenanstalten gehe, wenn keine Patienten mehr aufgenommen oder entsprechend den medizinischen Erfordernissen behandelt werden können.

Vor der für 15 Uhr angesetzten Pressekonferenz kündigte Haslauer via Aussendung an, die Spitäler sehr rasch zu entlasten und die Auffrischungsimpfung in Salzburg schon vier Monate nach der zweiten Dosis realisieren zu wollen. Darüber hinaus will das Land die zuletzt ohnehin stark hoch gefahrenen Impfkapazitäten noch einmal aufstocken.

Grüne wollen Lockdown

Der grüne Koalitionspartner der ÖVP setzt sich hingegen für einen möglichst schnellen harten Lockdown ein. "Wir brauchen Kontaktbeschränkungen", sagte LHStv. Heinrich Schellhorn in einer Videopressekonferenz. Der Bund müsse für Salzburg und Oberösterreich schnell weitere Maßnahmen setzen, um die Situation in den Griff zu bekommen.

Schellhorn schlug heute vor, Gastronomie und Veranstaltungen für zwei Wochen zu schließen und die Maskenpflicht auf größere Versammlungen im öffentlichen Raum auszudehnen. Dazu solle in der Oberstufe wieder Home Schooling gelten und möglichst viel Arbeit auf Home Office umgestellt werden. "Es zeigt sich ganz klar, dass die bisherigen Maßnahmen nicht für eine Trendwende beim Infektionsgeschehen ausreichen." Mit Haslauer sei er hier aber nicht einer Meinung, sagte Schellhorn. "Der Landeshauptmann ist noch nicht so weit. Aber ich glaube, dass ein Lockdown unvermeidbar ist."

Quelle: Agenturen / Redaktion / moe