Russischer Corona-Impfstoff: Bereits Vorbestellungen von über einer Milliarde Dosen

11. Aug 2020 · Lesedauer 4 min

Russlands Präsident Wladimir Putin hat am Dienstag die Zulassung des ersten Corona-Impfstoffes bekanntgegeben. Trotz internationaler Skepsis soll es bereits Vorbestellungen im Umfang von mehr als einer Milliarde Dosen des Impfstoffes geben.

Der erste Impfstoff gegen das Coronavirus trägt den Namen "Sputnik V" (V für Virus). Russland ist damit das erste Land der Welt, das nach eigenen Angaben einen wirksamen Impfstoff gegen SARS-CoV-2 entwickelt hat. Die Impfung sei in der Früh zugelassen worden, sagte Russlands Präsident Wladimir Putin während einer im TV übertragenen Videokonferenz.

"Ich weiß, dass sie wirksam ist, dass sie dauerhafte Immunität gibt", fügte Putin hinzu. Die Bevölkerung soll bereits ab Jänner mit dem neuen Stoff geimpft werden, wie russische Agenturen unter Berufung auf das Arzneimittelregister des Gesundheitsministeriums berichteten.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) reagierte jedoch zurückhaltend auf die Ankündigung. Sie kündigte an, alle Daten über die "Sicherheit und Wirksamkeit" des russischen Impfstoffs genau zu überprüfen, bevor sie ihr grünes Licht geben werde.

Russlands Präsident Wladimir Putin verkündete am Dienstag die Zulassung des ersten Corona-Impfstoffes.

Vorbestellungen aus über 20 Ländern

Der Impfstoff wurde laut dem russischen Investmentfonds, der das Projekt mitfinanziert, nach dem sowjetischen Sputnik-Satelliten benannt, der im Oktober 1957 als erster Satellit weltweit in eine Umlaufbahn um die Erde gebracht wurde.

Fondschef Kirill Dmitrijew kündigte an, dass am Mittwoch die dritte und letzte klinische Testphase für "Sputnik V" beginnen soll. Die industrielle Produktion soll demnach im September starten. Dmitrijew zufolge gibt es bereits Vorbestellungen von 20 Ländern in einem Umfang von "mehr als einer Milliarde Dosen".

Kritik an fehlender Phase-III-Studie

An der Zulassung ohne eine groß angelegte Wirksamkeitsstudie (Phase-III) übten Experten auf der ganzen Welt Kritik. Diese sei notwendig um etwaige Nebenwirkungen zu erforschen.

Die österreichische Vakzinologin Ursula Wiedermann-Schmidt (MedUni Wien) erklärte gegenüber der APA: "Zulassung nach einer Phase-II? Das ist offenbar wirklich nur in Russland möglich. Zum Glück und richtigerweise undenkbar ohne Phase-III für unsere Breiten!" Wissenschaftlich sei zum russischen Impfstoff bisher nichts publiziert worden. Es würden die Details fehlen, um das Projekt beurteilen zu können.

Auch der frühere Chef der US-Behörde für Lebensmittel und Arzneimittel-Sicherheit (FDA), Scott Gottlieb, warnte am Dienstag im US-Fernsehen. "Aktuell würde ich mir den (Impfstoff; Anm.) nicht verabreichen lassen." Das Medikament sei in Russland anscheinend nur an einigen hundert Patienten getestet worden.

Der Corona-Impfstoff soll zuerst MitarbeiterInnen im Gesundheitsbereich verabreicht werden.

Zweimalige Impfung für zweijährige Corona-Immunität

Nach Angaben des russischen Gesundheitsministeriums sorgt die zweimalige Impfung mit dem Impfstoff für eine "lange Immunität". Diese könnte demnach bis zu zwei Jahre anhalten. Die für Gesundheitsfragen zuständige Vize-Regierungschefin Tatjana Golikowa hofft nach eigenen Angaben, bereits in den kommenden Wochen mit der Impfung des medizinischen Personals beginnen zu können. Lehrer sollen ebenfalls zum ersten Personenkreis zählen, der geimpft wird.

Putin berichtete, dass sich auch eine seiner Töchter im Rahmen der Tests mit dem neuen Stoff habe impfen lassen. Sie habe eine leicht erhöhte Temperatur entwickelt, "das war alles", sagte er. Am wichtigsten sei es aber, dass "wir in der Zukunft die völlige Sicherheit der Impfung garantieren können", fügte der Kremlchef hinzu.

"Sputnik V" ist Vektor-Impfstoff

Bei "Sputnik V" handelt es um einen Impfstoff, der am Gamaleja-Institut für Epidemiologie in Moskau gemeinsam mit dem Verteidigungsministerium entwickelt wurde. Es ist ein sogenannter Vektor-Impfstoff - das bedeutet, er stützt sich auf ein für den Menschen ungefährliches Virus, das dann so verändert wird, dass es eine Infektion mit dem Coronavirus verhindert. Als Vektorvirus genutzt wird das Adenovirus, mit dem auch die Universität von Oxford arbeitet.

Derzeit sechs Impfstoffe in Phase-III-Studie

Derzeit arbeiten weltweit Labore fieberhaft an der Entwicklung eines Corona-Impfstoffes. Insgesamt sechs von westlichen Firmen und von China entwickelte Impfstoffe befinden sich bereits in der dritten und letzten Phase der klinischen Tests. Am Dienstag starteten in Indonesien Tests mit dem Impfstoff CoronaVac des chinesischen Unternehmens Sinovac Biotech. Er wird bereits in Brasilien an 9.000 Ärzten, Pflegern und Krankenschwestern getestet.

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Quelle: Agenturen / Redaktion / apb