APA/APA/HARALD SCHNEIDER/HARALD SCHNEIDER

Quantenphysikerin Ferlaino ist "Wissenschafterin des Jahres"

07. Jan. 2026 · Lesedauer 6 min

Die Quantenphysikerin Francesca Ferlaino ist "Wissenschafterin des Jahres 2025". Am Mittwoch überreichte der "Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalist:innen" der Professorin von der Uni Innsbruck und vom Institut für Quantenoptik und Quanteninformation (IQOQI) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) den Preis. Geehrt wird die seit 20 Jahren hierzulande forschende Italienerin für die Vermittlung ihrer wissenschaftlichen Arbeit zu den exotischen Zuständen der Quantenwelt.

Im Rahmen der Verleihung in Wien - überreicht wurde die traditionell vergebene Schneekugel mit einer die Weisheit symbolisierenden Eule - strich Ferlaino in ihrer Dankesrede die "sehr große Ehre" hervor, die ihr hier zuteil werde. Sie unterstrich u.a. auch die Rolle des Journalismus, die Bedeutung der Wissenschaft einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln und auch in einem Umfeld zu vermitteln, in dem es eine immer stärkere Tendenz gebe, öffentliche Diskussionen in zwei gegensätzliche Lager zu teilen - "die Guten - die Bösen, das Richtige - das Falsche". Als Forscherin oder Forscher gehe es zudem nicht nur darum, mit den Zutaten wie etwa Neugierde, Enthusiasmus oder Faszination für das Unbekannte Entdeckungen voranzutreiben, sondern auch die "Verantwortung zum Teilen" wahrzunehmen - nämlich "nicht nur das Teilen der Ergebnisse, sondern auch den Weg zu denken", so die Preisträgerin. Mit Blick auf ihre Rolle "als Forscherin, als Quantenwissenschafterin, als Mutter, als Partnerin, als Frau und als eine Italienerin in Österreich" meinte sie sichtlich bewegt: "Jeder hat hier seine eigene Geschichte. Meine ist die, dass mir außerordentliches Glück zuteil wurde."

"Die Auszeichnung bedeutet mir sehr viel", hatte Ferlaino bereits im Vorfeld zur Verleihung im Gespräch mit der APA gesagt. Sie habe immer diese Dankbarkeit gespürt, "für den Rückhalt für unsere Forschung aus der Bevölkerung, aus der Politik". Der Preis symbolisiere für sie, dass sie wohl etwas zurückgeben konnte. "Ich konnte vielleicht auch ein wenig Faszination für Grundlagenforschung vermitteln", erklärte sie. Kommunikation sei ihr immer wichtig gewesen. Angesichts aktueller geopolitischer Veränderungen und der Situation der Forschung in Ländern wie den USA sei sie bedeutender denn je: "Umso wichtiger stellen sich Fragen zur Rolle von Universitäten, zur Verbindung neuer Technologie mit Grundlagenforschung. Wenn ich hier etwas beitragen konnte, dann bin ich froh."

Ferlainos Spezialgebiet sind ultrakalte magnetische Atome, die bei den kältesten Verhältnissen in unserem Universum - nahe dem absoluten Nullpunkt (minus 273 Grad Celsius) - über sehr weite Distanzen gekoppelt und damit genutzt werden können, um die für Laien eher verwunderlichen Phänomene der Quantenphysik zu offenbaren. Ihre Forschungsergebnisse, etwa rund um Bose-Einstein-Kondensat und Superfluidität, erscheinen regelmäßig in renommierten Fachzeitschriften wie "Nature" und "Physical Review Letters".

Die gebürtige Neapolitanerin (48), die bereits mehrfach mit hoch dotierten Förderpreisen des Europäischen Forschungsrates (ERC) bedacht wurde und dem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Exzellenzcluster "Quantum Science Austria" angehört, gelang z.B. der erste Nachweis quantisierter Wirbel in Suprafestkörpern, ein besonderer Zustand von Materie, der sowohl fest als auch flüssig ist. In Zusammenarbeit mit italienischen Astrophysikern und mit Hilfe ultrakalter, dipolarer Atome konnte sie simulieren, dass Neutronensterne ihre Rotationsgeschwindigkeit sehr abrupt ändern. "Ja, Quanten sprechen eine besondere Sprache", lacht Ferlaino, die um die Komplexität ihrer Materie weiß. Aber sie sind auch das Tor, um den Aufbau von Materie besser zu verstehen.

Vermittlung von Quantenphysik als Herausforderung und Chance

Gerade erst ging das "Internationale Jahr der Quantenwissenschaft" zu Ende - ausgerufen auch im Bemühen, die Quantenphysik einer breiteren Öffentlichkeit ins Bewusstsein zu rücken. "Es ist eine Herausforderung, Quantenphysik zu vermitteln, und zugleich eine Möglichkeit", sagte die Forscherin: "Es geht um komplexe Themen, und die Gefahr ist groß, dass das, was wir sagen wollen, am Ende zu trivial ausfällt." Auch seien wissenschaftliche Fortschritte in ihrer Granularität schwer zu transportieren.

"Aber die Möglichkeit besteht, dass viele die Quantenphysik fasziniert und viele ihr mit einem großen Vertrauen begegnen." Bei Themen wie dem Impfen könne sich die Öffentlichkeit eher eine Meinung bilden und eben auch skeptisch reagieren: "Bei der Quantenphysik ist die Faszination größer als die Skepsis. Das eröffnet uns die Chance, einen guten Job bei der Vermittlung zu machen."

"Schrödinger liegt im Blut wie Mozart"

Die Quantenforschung gilt als Aushängeschild Österreichs - was auch die Politik nicht müde wird zu betonen. Der Physik-Nobelpreis für Anton Zeilinger im Jahr 2022 habe die positive öffentliche Einstellung zu dem Fach sicherlich nochmals beflügelt, glaubt Ferlaino. "Aber es gibt auch eine Tradition in diesem Bereich. Schrödinger liegt im Blut wie Mozart."

Dass aber auch zunehmend Produkte mit dem Schlagwort "Quanten" beworben werden, bereitet Ferlaino große Sorgen: "Wenn ich daran denke, dass heute ein Spülmittel oder Ski-Boots den Zusatz 'Quantum' im Namen tragen - das Q ist überall ... Da geht es nicht um die Forschung", das wolle sie nicht: "Wir Forschende machen seriöse Forschung und stehen viele Stunden im Labor." Über die Überstrapazierung des Begriffs drohe eine Verwässerung der Tatsachen: "Quanten können nicht alles."

Mit Engagement für Physikerinnen

Neben der Quantenphysik hat Ferlaino ein zweites Herzensthema: Mit Kolleginnen gründete sie 2024 das Netzwerk "atom*innen", eine "interaktive Online-Plattform" von Frauen für Frauen und mit dem Ziel, das Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Denn die Physik prägt ein weiteres Phänomen: Je höher die Karrierestufe, desto geringer fällt der Anteil von Frauen aus. "Wir haben in den vergangenen zehn Jahren so viel über den Gender-Gap diskutiert, aber in der Statistik zeigt sich keine wirkliche Verbesserung. Da stellt sich die Frage: Was haben wir falsch gemacht?", so die Physikerin, die 2023 auch den Grete-Rehor-Staatspreis für ihr Engagement für Frauen erhalten hat.

Als ein Beispiel für die Situation verweist Ferlaino auf die renommierte Max-Planck-Medaille der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG): Der Preis für exzellente Beiträge aus der theoretischen Physik wurde seit 1929 insgesamt 89-mal verliehen, nur zweimal an Frauen. Um die Situation besser zu verstehen, brauche es ein Monitoring. Über "atom*innen" will man etwa auch zur Verfügung stehende Daten sichten, sammeln und analysieren - in der Hoffnung, Wege aus dem Dilemma zu finden.

Anders die Situation in Bezug auf Österreichs "Wissenschafterin oder Wissenschafter des Jahres": Ferlaino folgt mit ihrer Auszeichnung auf die Klimaökonomin Sigrid Stagl (2024) und die Glaziologin Andrea Fischer (2023). Davor ging der Preis an den Ökologen Franz Essl, 2021 wurde der Komplexitätsforscher Peter Klimek gewählt. 2020 wurde mit der Virologin Elisabeth Puchhammer (2020) eine weitere renommierte weibliche Forscherin mit der Auszeichnung bedacht.

(S E R V I C E - https://www.uibk.ac.at/de/exphys/; https://iqoqi.at/; http://www.wissenschaftsjournalisten.at/)

Zusammenfassung
  • Die Quantenphysikerin Francesca Ferlaino wurde vom Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalist:innen zur "Wissenschafterin des Jahres 2025" gewählt.
  • Ferlaino forscht seit 20 Jahren in Österreich, ist Professorin an der Universität Innsbruck und am IQOQI der ÖAW und wurde für ihre Vermittlung komplexer Quantenphänomene ausgezeichnet.
  • Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen ultrakalte magnetische Atome nahe dem absoluten Nullpunkt (minus 273 Grad Celsius), Bose-Einstein-Kondensate und Superfluidität.
  • Sie engagiert sich stark für Frauen in der Physik, gründete 2024 das Netzwerk "atom*innen" und thematisiert die geringe Zahl weiblicher Preisträgerinnen, wie nur zwei Frauen bei 89 Verleihungen der Max-Planck-Medaille seit 1929.
  • Ferlaino wurde mehrfach mit hochdotierten Preisen wie mehreren ERC-Grants und dem Grete-Rehor-Staatspreis 2023 ausgezeichnet und warnt vor einer Verwässerung des Begriffs "Quantum" durch kommerzielle Nutzung.