Prozess um Therapeutische Gemeinschaften in NÖ vertagt

06. Okt. 2022 · Lesedauer 3 min

Der ehemalige Geschäftsführer der Therapeutischen Gemeinschaften (TG) hat sich am Donnerstag vor dem Landesgericht Wiener Neustadt verantworten müssen. Ihm wurden sexuelle Übergriffe an einem Jugendlichen vorgeworfen, der für kurze Zeit in einer Wohneinrichtung untergebracht war, die bis zur Schließung 2018 von den TG betrieben wurde. Der 55-Jährige bestritt die Vorwürfe vehement. Der Prozess wurde vertagt.

Die Staatsanwaltschaft warf dem Angeklagten den Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses als Betreuer und Psychotherapeut vor. Die sexuellen Übergriffe sollen von 2009 bis 2017 angedauert haben. Der ehemalige Geschäftsführer bekannte sich nicht schuldig und stellte die Glaubwürdigkeit des Opfers, das eine Persönlichkeitsstörung habe und schwierig zu betreuen gewesen sei, infrage. Der Prozess wurde deshalb vertagt, um die Gutachterin zu befragen, die den Teenager sehr wohl als glaubhaft beschrieben hatte. Im November oder Dezember soll das Verfahren fortgesetzt werden.

Obwohl der Jugendliche nur knapp 90 Tage in der Wohneinrichtung verbracht hat, soll es laut Anklage danach über mehrere Jahre immer wieder Kontakt und Treffen mit dem ehemaligen Leiter gegeben haben. Die TG hätten allen Klienten eine Nachbetreuung angeboten, sagte der Angeklagte dazu. Nicht er habe den Kontakt gesucht, sondern der Teenager, der immer wieder vor der Tür gestanden sei und dem man bei Problemen geholfen habe. Zwei oder drei Mal habe er diesen aufgrund zahlreicher Einladungen auch zu Hause besucht.

"Er war ein psychiatrisch beeinträchtigter Patient. Unser Ziel war es, dass er nicht völlig den Bauch runter geht", sagte der 55-Jährige. Er selbst sei Geschäftsführer gewesen, nicht Betreuer oder Therapeut. In einem Gespräch, das der Jugendliche heimlich aufgenommen habe, habe dieser ihn mit dem Vorwurf des sexuellen Missbrauchs konfrontiert. Dabei habe er den Eindruck gehabt, der Teenager sei "zu" und habe Angst bekommen. "Es ging mir nur um Deeskalierung", betonte der Angeklagte. Deshalb habe er die Vorwürfe nicht sofort entschieden zurückgewiesen. Er stehe auch dazu, dass er damals gesagt habe, er habe den Jugendlichen geliebt - "ich hab jedes einzelne Kind geliebt, ohne diese grundsätzliche Liebe kann man keine Arbeit im sozialen Bereich machen".

Ein Familienintensivbetreuer, dem der Jugendliche von einer sexuellen Handlung erzählt hatte, sagte vor Gericht: "Aus meiner Sicht sind die professionellen Standards in dieser Beziehung nicht eingehalten worden." Er habe die Erzählungen für glaubwürdig gehalten und seine Beobachtungen dem Jugendamt gemeldet.

Die Einrichtungen der TG in Niederösterreich waren 2018 aufgrund der mutmaßlichen Missstände geschlossen worden. Die Betreibergesellschaft schlitterte daraufhin in die Insolvenz, der Chef ging in Privatkonkurs.

Quelle: Agenturen