APA/APA/dpa/Patrick Pleul

PFAS in Rehen: Gesamtbelastung nach PFOS-Ausstieg sinkt

Heute, 11:41 · Lesedauer 4 min

PFOS, PFNA, PFHxS - diese und viele andere per- und polyfluorierten Alkylverbindungen (PFAS) verleihen Produkten vorteilhafte Eigenschaften. Da sie extrem lange in der Umwelt überdauern, werden sie auch Ewigkeitschemikalien genannt. Sie lagern sich u. a. in Wildtieren ab - beispielsweise in der Leber von Rehen. Einige PFAS sind schon EU-weit verboten, doch die Industrie weicht auf andere Ewigkeitschemikalien aus, zeigt eine Studie der Uni Graz und des James Hutton Instituts.

Per- und polyfluorierte Alkylverbindungen werden für Beschichtungen von Outdoor-Kleidung ebenso eingesetzt, wie bei Pfannen, in Kosmetika ebenso wie beim Skiwachs, beim Backpapier oder zur Beschichtung von Windrädern. Die besonderen wasser-, fett- und schmutzabweisenden Eigenschaften dieser Fluorid-Verbindungen sind zwar praktisch, bringen aber auch negative Effekte mit sich: Ihnen werden negative Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit nachgesagt. Sie werden konkret in den Zusammenhang mit Krebs, Fruchtbarkeitsproblemen und Leberschäden gebracht, wie die Universität Graz am Mittwoch mitteilte.

Deshalb standen die Substanzen auch im Visier von Chemikern der Universität Graz. Sie haben gemeinsam mit europäischen Partnern in einer Langzeitanalyse Gewebeproben von einjährigem Rotwild aus dem Nationalpark Bayerischer Wald auf 30 unterschiedliche PFAS-Verbindungen untersucht. Die Pflanzenfresser eignen sich gut als Bioindikatoren, da sie die Kontamination aus Boden und Vegetation widerspiegeln und begrenzte Streifgebiete haben.

Das Ergebnis für den Zeitraum 1998 bis 2022 ist auf den ersten Blick erfreulich: "Die Gesamtbelastung durch diese PFAS sank um mehr als 87 Prozent - das entspricht einem Rückgang von 64 auf gerade mal acht Nanogramm pro Gramm Lebergewebe", schilderte die Hauptautorin der Studie, Viktoria Müller, Wissenschafterin am Institut für Chemie der Universität Graz und am James Hutton Institute.

Konzentration von PFNA und PFHxS stieg an

Gezielte Analysen hätten gezeigt, dass dieser Rückgang hauptsächlich auf den Verzicht der Industrie von PFOS (Perfluoroctansulfonsäure) zurückzuführen sei. Doch die Studie habe auch gezeigt, dass die Industrie zugleich verstärkt auf andere PFAS zurückgegriffen hat: In den Proben stieg die Konzentration der Verbindungen PFNA und PFHxS im Beobachtungszeitraum stark an. "Wenn einige Stoffe eingeschränkt werden, werden sie durch andere ersetzt, was dann erst recht zu einer anhaltenden Kontamination führt", erklärte Müller. "Diese Ergebnisse erfordern eine umfassendere Regulierung von PFCA und PFSA, beispielsweise ein generelles PFAS-Verbot, um eine weitere Kontamination durch Substitutionseffekte zu verhindern. Entscheidungsträger sollten erwägen, ganze PFAS-Klassen zu beschränken, anstatt einzelne Verbindungen reaktiv zu regulieren", hielten die Studienautoren zusammenfassend fest.

Fluorid-Verbindungen zerfallen zu Fluor-Verbindungen

Jörg Feldmann, Professor für analytische Chemie an der Universität Graz, wies noch auf ein anderes Problem hin. "Diese Stoffe zerfallen in andere PFAS, die zur Zeit noch nicht gemessen werden können. Was wir mit unseren Instrumenten messen können, ist dabei nur die Spitze des Eisbergs", erklärte der Grazer Wissenschafter. Das habe auch die Konzentration aller Fluor-Verbindungen in den untersuchten Proben gezeigt: Diese lag um den Faktor 30 bis 160 höher als die gefundenen PFAS-Moleküle. "Nur weil wir die Stoffe nicht mehr direkt nachweisen, bedeutet das nicht, dass sie weg sind", betonte Feldmann.

Hinzu komme auch, dass die messbaren PFAS-Gruppen sehr mobil und aus der Ursprungsregion weggetragen werden können. "Die Chemikalien können über Luft und Wasser transportiert werden", so Feldmann. Wenn sie im Bayerischen Wald gefunden werden, könnten sie problemlos über die Donau auch bis nach Österreich gelangen. Es habe sich bereits gezeigt, dass freilebende Bio-Schweine eine höhere PFAS-Belastung haben als Tiere aus klimaregulierten Ställen, weil Regen und Luft die Chemikalien direkt in die Natur transportieren.

Und zum Schluss entwickelt sich das auch zu einem Problem für uns Menschen. "PFAS können die Blut-Hirn-Schranke überwinden", erklärte Feldmann. "Es gibt aus Italien erste Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen PFAS-Konzentration und Alzheimer", wie der Chemiker anführte. Feldmann möchte daher die Studien in diesem Feld intensivieren und arbeitet mit seinem Team an einem entsprechenden Forschungsantrag.

(S E R V I C E - Tracking the impact of PFAS regulations: Long-Term analysis of roe deer livers from 1998 until 2022. V. Müller, M. Preihs, Th. I. Caldeira, B. Göckener, M. F. Mesko, Jan Koschorreck, J. Feldmann, https://doi.org/10.1016/j.envpol.2026.127685)

Zusammenfassung
  • Die Gesamtbelastung durch PFAS in der Leber von Rehen im Bayerischen Wald sank zwischen 1998 und 2022 um mehr als 87 Prozent, von 64 auf 8 Nanogramm pro Gramm Gewebe.
  • Während der Rückgang vor allem auf den Verzicht von PFOS zurückgeht, stiegen die Konzentrationen anderer PFAS wie PFNA und PFHxS im gleichen Zeitraum deutlich an.
  • Die Gesamtmenge aller Fluor-Verbindungen war bis zu 160-mal höher als die gemessenen PFAS, und die Forscher fordern eine umfassendere Regulierung, um Substitutionseffekte zu verhindern.