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Omikron brachte nicht gleich absehbare positive Entwicklung

02. Jan. 2023 · Lesedauer 6 min

Am 3. Jänner 2022 verlautete die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) in ihrem Variantenbericht, dass die neue SARS-CoV-2-Variante "Omikron" die davor prominent kursierende Delta-Variante in ihrer Verbreitung überflügelt hat. Die Wachablöse vollzog sich Ende 2021. Das läutete letztlich eine völlig neue Pandemie-Phase ein, die sich als "großer Schritt in Richtung Ende der Pandemie" entpuppte, so der Virologe Andreas Bergthaler. Klar war das aber lange nicht.

Wenn nun viele Experten davon ausgehen, dass die Phase der akuten Pandemie nach fast drei Jahren in eine Endemie übergeht, dann ist das auch Omikron geschuldet. Denn der Ende November 2021 erstmals aufgeschlüsselte Erreger-Abkömmling sorgte für hohe Infektionsraten, bei allerdings im Vergleich zu vorhergehenden Varianten anteilig weniger Covid-19-Intensivpatientinnen und -patienten. Letztlich war damit im Verlauf des Jahres 2022 nahezu auch jeder Ungeimpfte hierzulande im Rahmen einer der abgelaufenen Wellen mit dem Erreger konfrontiert. Die Anzahl der Menschen, die dem Virus "immunologisch naiv" - wie es die Wissenschafter ausdrücken - gegenüberstehen, liegt damit bei fast null. So hat Omikron also über Umwege den Weg Richtung Endemie mitgeebnet.

Es hätte aber auch anders kommen können, erinnert sich Bergthaler im Gespräch mit der APA. Er und sein Team von der Medizinischen Universität Wien und dem Forschungszentrum für Molekulare Medizin (CeMM) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) sind seit Pandemiebeginn für einen Gutteil der Erbgut-Sequenzierungen zuständig. Seit rund einem Jahr sind Omikron und seine mittlerweile vielfältigen Untervarianten in den Analysen dominant - und das bei weitem nicht nur in Österreich.

Abzusehen war all das am 23. November 2021 noch nicht. Damals wurden die ersten Gensequenzen der später "Omikron" genannten Variante in der internationalen SARS-CoV-2-Gendatenbank "GISAID" hochgeladen. Zu sehen waren sehr viele bekannte und auch zahlreiche neue Mutationen, vor allem in den Regionen des Spike-Proteins des Erregers, an denen Antikörper normalerweise anbinden. Die ersten Sequenzen stammten aus Südafrika und Botswana - was der Variante gleich den geografischen Stempel des südlichen Afrika aufdrückte.

Gleichzeitig sahen Experten wie u.a. der österreichische Genetiker Ulrich Elling vom Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der ÖAW schon sehr früh, dass sich in der südafrikanischen Provinz Gauteng die Infektionszahlen stark erhöht hatten. Und das obwohl es dort bereits früher hohe Durchseuchungsraten gegeben hatte, was eigentlich einen eher hohen Schutz vor Neuansteckung in der dort im Schnitt recht jungen Bevölkerung nahelegt.

"In diesen ersten Tagen war der hohe Anstieg der Infektionszahlen in Gauteng verknüpft mit der dort zirkulierenden neuen Variante der Ausgangspunkt", so Bergthaler. Der starke Anstieg war beunruhigend. Wie ansteckend und vor allem wie schwer die Krankheitsverläufe mit der neuen Variante sind, war zunächst offen - ebenso, ob erste Daten auf Europa umlegbar sind. "Man wusste dank der exzellenten Surveillance in Südafrika frühzeitig, dass sich etwas tut. Man konnte es aber noch nicht wirklich in allen Facetten zuordnen", so Bergthaler.

Erste Beobachtungen in anderen Ländern wiesen darauf hin, dass Omikron auch Geimpfte und Genesene deutlich leichter heimsuchen kann als frühere Abkömmlinge des Erregers. Die Welt fieberte den ersten Daten entgegen, die wirklich zeigten, wie sehr die Variante zur Immunflucht fähig ist. Die lieferten Forscher schon Anfang Dezember und bestätigten, dass diese neue Variante den aufgebauten Immunschutz sehr viel besser umgehen kann. "Eine viel beachtete Studie kam dabei auch aus dem Labor von Dorothee von Laer aus Innsbruck", so Bergthaler.

Diese neuen Erkenntnisse hatten auch direkte Auswirkungen auf die gängigen Therapien mit monoklonalen Antikörpern, wie sie bei immungeschwächten Patienten Einsatz finden. Sie wurden deutlicht weniger wirksam. Darüber hinaus hatte sich mit Omikron auch die Übertragung von Mensch zu Mensch stark beschleunigt, wodurch die Wirksamkeit der Gegenmaßnahme des umfassenden Testens ein Stück weit in Mitleidenschaft gezogen wurde. Letztlich war schon im Dezember klar, dass Omikron eine "massive globale Welle hervorrufen wird".

Blieb die große Frage danach, wie viele schwere Verläufe sich einstellen würden. Zum großen Glück entpuppte sich Omikron als "etwas milder als Delta". Nun gab es vor rund einem Jahr aber schon viele Geimpfte und Genesene, die zumindest gegenüber einer schweren Erkrankung weitestgehend geschützt waren und eine Immunität aufgebaut hatten. Somit blieben hierzulande die Hospitalisierungszahlen trotz extrem hoher Infektionszahlen relativ niedrig. "Das ist mit das Positive an dem Ganzen", betonte der Virologe. In diversen Gremien herrschte aber auch angesichts vieler gleichzeitig Erkrankter Anfang des Jahres große Nervosität. Die komplette Überlastung der Spitäler und ein Kollaps von anderen gesellschaftlichen Systemen blieb letztlich aus: "Da hatten wir Glück."

Die weiteren Wellen in Verlauf des vergangenen Jahres lieferten zwar teils spektakuläre Infektionszahlen, brachten aber auch keine systemkritischen Entwicklungen. Die vielen Erkrankungen und Impfungen sorgen mittlerweile für eine "breite Immunität" in der Bevölkerung. Das reduziert zumindest für grundsätzlich gesunde Personen das Risiko deutlich, durch Covid-19 im Spital zu landen. Es bleiben jedoch die Risiken, die mit "Long Covid" einhergehen, und die Gefährdung für vorerkrankte Menschen.

Die Situation werde also ähnlicher jener, die uns andere saisonal auftretende Corona- vulgo Erkältungsviren alljährlich bescheren, wo die Auffrischung über Ansteckungen ohne schwere Verläufe erfolgt. Dass das allerdings so bleibt und sich neue Weiterentwicklungen quasi immer aus Omikron heraus rekrutieren, sei keineswegs ausgemacht.

"Erstaunlicherweise wissen wir immer noch nicht, wie Omikron genau entstanden ist", so Bergthaler. Es ist zudem nicht klar, warum seither keine völlig neue Variante auftrat, die ähnlich erfolgreich war. Aus diesen Gründen bleibt der Virologe in seiner Einschätzung hinsichtlich möglicher weiterer Evolutionssprünge von SARS-CoV-2, die das Virus wieder für Menschen gefährlicher machen, vorsichtig.

Omikron habe nach dem Auftauchen des Erregers und den Entwicklungen durch die Varianten "Alpha" bis "Delta" sozusagen den "dritten Akt" in der Pandemie eingeleitet, der sich vor allem im vergangenen Jahr in mehrere Szenen aufgesplittert hat, die glücklicherweise aktuell eher in Richtung einer guten Wendung weisen. Eine Garantie für eine Art "Happy End" gibt es jedoch nicht.

Die Lehre aus den vergangenen Jahren sollte jedenfalls ein intensives Nachdenken darüber sein, wie man das durch Covid-19 und zuletzt durch Influenza und RS-Viren chronisch extrem belastete Gesundheitssystem widerstandsfähiger macht, betonte Bergthaler. Darüber hinaus laufen Überlegungen, wie man die in der Pandemie aufgebauten Systeme, wie etwa Fall-basierte Surveillance von Infektionserregern oder das Abwassermonitoring zukünftig einsetzt. Ein besserer Überblick über das Infektionsgeschehen würde es ermöglichen, gegebenenfalls auf Probleme früh und präventiv reagieren zu können. Bei den momentan so hohen Erkrankungszahlen könne man vielfach nur sagen: "Covid ist es nicht." Was aber wirklich kursiert, wisse man oft nicht. Technologisch wäre hier vieles möglich, so der Wissenschafter.

Quelle: Agenturen