Migrationsforscher Knaus: Putin will durch "Massenmigration" Druck auf EU ausüben

15. März 2022 · Lesedauer 3 min

Migrationsforscher Gerald Knaus fordert im PULS 24 Interview von der EU bessere Vorbereitung auf die Ankunft ukrainischer Flüchtlinge. Putin solle man sein "zynisches Ziel", Druck aufbauen zu wollen, verwehren. Für Anna Parr von der Caritas ist Österreich besser vorbereitet als 2015. Expertin Judith Kohlenberger mahnt, dass alles bei Freiwilligen hängen bleibe.

"Es ist eine absolute Tragödie, was wir hier erleben", sagt Migrationsforscher Gerald Knaus im PULS 24 Interview mit Blick auf die Ukraine, wo Russlands Machthaber Wladimir Putin Städte und Wohnviertel zerbomben lässt, Evakuierungen nicht funktionieren und Bürgermeister entführt werden. Das alles sei aber kein Zufall, sagt Knaus, man hätte Putins Kriegsführung schon in Tschetschenien und in Syrien gesehen. 

Bessere Vorbereitungen nötig

Putin wolle damit die Ukraine "in die Knie zwingen" und durch "Massenmigration" Druck auf die EU ausüben. Dieses "zynische Ziel" dürfe man Putin aber nicht durchgehen lassen, fordert der Migrationsforscher. Angesichts der hohen Flüchtlingszahlen mahnt er bessere Vorbereitungen ein.

Im ganzen Jahr 2015 seien eine Million Menschen von der Türkei nach Griechenland gekommen, nun seien es jede Woche eine Million Menschen, die aus der Ukraine fliehen. Allein Warschau habe schon 300.000 Menschen aufgenommen, "das arme Moldawien" 100.000. Die Menschen würden dort nicht bleiben können, ist sich Knaus sicher. Insgesamt könnten sich bis zu zehn Millionen Menschen auf den Weg machen.

Forderung nach Luftbrücken

Daher brauche es in Österreich und Deutschland bessere Vorbereitung. Städte, Gemeinden, Länder und Bundes müssten mithelfen. In Deutschland gebe es Überlegungen, die Messe-Saison abzusagen, um in Hallen Massenquartiere zu schaffen. Zudem brauche es "Luftbrücken" nach Spanien, Frankreich, Irland und Großbritannien.

Kriegsangst: Schon 2,8 Millionen auf der Flucht

Es gehe darum, Menschen, die Putin durch Terror und Erpressung "aus dem Land vertreibt", aufzunehmen. "Das ist nicht viel, aber viel für die, die vertreiben wurden", sagt Knaus, der gleichzeitig kritisiert, dass Europa Putin unterschätze, auf Russland gesetzt habe und nun hilflos daneben stehe. 

Caritas rechnet mit bis zu 150.000 Flüchtenden

Gehe es nach der Caritas sei man in Österreich zumindest besser gerüstet als 2015, sagt Generalsekretärin Anna Parr im PULS 24 Interview. Bisher seien 140.000 Ukrainer nach Österreich gekommen, drei Viertel seien weitergereist. Langfristig rechnet man mit bis zu 150.000 Menschen, die in Österreich bleiben könnten - Prognosen abzugeben sei aber schwer. 

"Kein Sprint, sondern ein Marathon"

Viele Quartiere aus dem Jahr 2015 gebe es nicht mehr, dennoch könne man auf Netzwerke und Erfahrungen von damals zurückgreifen, so Parr. Nun würden auch viele Privatpersonen Quartiere anbieten. Neben einem Schlafplatz und Lebensmitteln gehe es dann auch um rechtliche und psychosoziale Unterstützung. Man müsse langfristig "qualitätsvolle Quartiere" finden, sagt Parr. Denn "das ist kein Sprint, sondern wirklich ein Marathon". 

Flucht aus der Ukraine: 24 Stunden am Wiener Hauptbahnhof

Die Regierung habe schnell reagiert, was Arbeitsmarktzugang und Bildungsplätze betreffe, man fühle sich seitens der Caritas gut eingebunden. Nur müsse immer noch der potenzielle Arbeitgeber eines Flüchtlings einen Antrag stellen. Da sei ungewiss, wie lange das dauere.

Kohlenberger: Flüchtlingsversorgung "nicht auf Zivilgesellschaft abwälzen"

Die Migrationsforscherin Judith Kohlenberger warnt, dass man zumindest eine Lehre aus 2015 ziehen müsse: Flüchtlingsversorgung und Unterbringung seien staatliche Aufgaben, die nicht an die Zivilgesellschaft abgewälzt werden dürfen. Kooperation sei natürlich gut, Finanzierung und Koordination müssten aber vom Staat übernommen werden. Teilweise funktioniere das nicht - "das kann es in der jetzigen Situation nicht sein", so Kohlenberger. 

Milborn: Flüchtlingshilfe am Hauptbahnhof "Baut auf Freiwilligen auf"

PULS 24 Infochefin Corinna Milborn spricht über die Hilfe für Flüchtlinge aus der Ukraine am Wiener Hauptbahnhof. Corinna Milborn hat dort selbst eine Nacht lang mitgearbeitet. Die Hilfe baue vor allem auf die Leistung von Freiwilligen auf, schildert sie.

Quelle: Redaktion / koa