Häusliche Gewalt (Symbolbild)

Mehr Betretungsverbote gegen Männer: Was dahinter steckt

25. Nov. 2022 · Lesedauer 4 min

Die Betretungs- und Annäherungsverbote gegen - meist männliche - Gefährder nehmen zu. Heuer gab es bisher mehr als 12.000. Das bedeute nicht automatisch, dass es mehr häusliche Gewalt gibt, sagt Gewaltschutz-Expertin Rosa Logar.

An diesem Freitag beginnt weltweit die Kampagne "16 Tage gegen Gewalt an Frauen". Der Zeitraum der Kampagne reicht vom 25. November, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, bis zum 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte. Österreich verzeichnet in diesem Jahr bereits 28 Femizide, also Tötungen von Frauen und Mädchen wegen ihres Geschlechts. Auch die Zahl der sogenannten Betretungs- und Annäherungsverbote gegen Gefährder, fast immer Männer, zeigt, dass rohe Gewalt gegen Frauen immer noch tägliche Wirklichkeit in Österreich ist.

Die Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie führt Statistiken über die Betretungsverbote, die der Einrichtung jährlich von der Polizei gemeldet werden. Ein Überblick: Im Jahr 2018 verhängte die Polizei österreichweit 8.076 Verbote, im Jahr 2019 waren es 8.748 Verbote. Im Jahr 2020 stiegt die Zahl der Betretungsverbote bereits auf 11.495 und im Jahr 2021 noch einmal auf 13.546. Im laufenden Jahr 2022 seien es bisher auch schon mehr als 12.000 Betretungsverbote, heißt es aus dem Bundeskriminalamt (BK).

Öfter zur Polizei

"Wenn sich mehr Frauen bei der Polizei melden, heißt das nicht unbedingt, dass es mehr Gewalt gibt", sagt die ehemalige Leiterin der Interventionsstelle, Rosa Logar, gegen Gewalt in der Familie zu PULS 24. BK-Sprecher Paul Eidenberger erklärt gegenüber PULS 24. "Der Hauptgrund für die steigenden Zahlen an Wegweisungen liegt darin, dass ein höherer Anteil gemeldet wird. Das geben uns die Präventionsbeamtinnen und Präventionsbeamten so zurück." Das Bundeskriminalamt appelliert "an alle Opfer, dass sie häusliche Gewalt der Polizei melden".

Anders gesagt: Die deutlich gestiegenen Zahlen der Betretungsverbote sind einerseits ein erschreckendes Symptom, andererseits sehen die Polizei und Gewaltschutz-Einrichtungen höhere Zahlen auch positiv, da Gewalt ja gemeldet und nicht hingenommen wird.

Rosa LogarAPA/HELMUT FOHRINGER

Rosa Logar (Archivbild)

Dunkelziffer

Gewaltschutz-Expertin Logar betont trotz höherer Fallzahlen, "dass die Dunkelziffer bei familiärer Gewalt an Frauen sehr hoch ist". Sie erinnert daran, dass ein Betretungs- und Annäherungsverbot "bei besonders gefährlichen Situationen, etwa wenn ein Opfer schon wiederholt misshandelt oder mit dem Umbringen bedroht worden ist, nicht ausreicht". Hier müssten die gesetzlichen Möglichkeiten ausgeschöpft werden - in Form der Untersuchungshaft gegen den Tatverdächtigen.

Logar würde sich auch wünschen, dass von staatlicher Seite nicht nur die verhängten Betretungsverbote statistisch erfasst werden, sondern auch wie viele Personen sich insgesamt an die Polizei wenden. Diese beiden Zahlen müssten in Relation gesetzt werden, um sie einordnen zu können, sagt sie.

"Den Opfern glauben"

Einen generellen Wunsch hat Logar am Tag der Gewalt an Frauen außerdem: "Ich wünsche mir, dass die Gewalt ernstgenommen und den Opfern geglaubt wird. Das gilt insbesondere auch, wenn die Opfer noch bei Kindern oder Jugendliche sind."

Hintergrund: Ein von der Polizei ausgesprochenes Betretungsverbot ist auf zwei Wochen befristet. Wird innerhalb dieser zwei Wochen von der gefährdeten Person ein Antrag auf einstweilige Verfügung beim Bezirksgericht gestellt, wird das Verbot auf bis zu vier Wochen ausgedehnt. Missachtet der/die Weggewiesene das Verbot, wird Gefährdeten empfohlen, sofort die Polizei zu rufen. Bei wiederholter Missachtung kann sie den Gefährder festnehmen.

Der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen geht zurück auf den 25. November 1960. Damals sind die drei Schwestern Mirabal in der Dominikanischen Republik nach monatelanger Folter vom Geheimdienst ermordet worden. Die Frauen waren Opfer des Diktators Rafael Trujillo.

Sind Sie in einer Krisensituation? Hier finden Sie Hilfe:

Von Gewalt betroffenen Frauen steht zu jeder Tages- und Nachtzeit die Telefonnummer 0800 222 555 mit Expertinnen zur Seite. Eine Online-Beratung ist - parallel zur telefonischen Beratung - täglich in der Zeit von 15.00 bis 22.00 Uhr unter www.haltdergewalt.at erreichbar. Weitere Informationen unter www.frauenhelpline.at

Nummer Polizei: 133 oder 112 (Euronotruf)
SMS Polizei: 0800 | 133 133 (auch Notruf für Gehörlose)
Frauenhelpline: 0800 | 222 555

Frauennotruf
Frauenhäuser
Gewaltschutzzentren / Interventionsstellen

Quelle: Agenturen / Redaktion / kap