Leonie-Prozess: Zeugen berichten über Drogen im Getränk und Vergewaltigung

23. Okt. 2022 · Lesedauer 5 min

Der fünfte Prozesstag im "Fall Leonie" brachte eine neue Wendung: Statt vier, sollen sechs Personen vor dem Tod der 13-Jährigen in der Wohnung gewesen sein. Ein Angeklagter gab Geschlechtsverkehr mit ihr zu. Freunde der Angeklagten schilderten, dass ihr eine enorme Dosis Ecstasy unbemerkt ins Glas gemischt worden sei und dass Leonie die sexuellen Handlungen nicht gewollt habe.

Der Prozess gegen jene drei jungen Männer, die Ende September die 13-jährige Leonie unter Drogen gesetzt und schwerst missbraucht haben sollen. Leonie starb. Den Angeklagten drohen jahrzehntelange Haftstrafen, dem ältesten lebenslänglich. Einer der Angeklagten änderte seine Aussage und gab Geschlechtsverkehr mit Leonie zu. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die drei angeklagten Afghanen das Mädchen am 26. Juni 2021 in einer Wohnung in Wien-Donaustadt unter Drogen gesetzt und sich dann an der 13-Jährigen vergangen haben. Leonie überlebte den Drogencocktail nicht. Die Anklage lautet auf Vergewaltigung mit Todesfolge. 

19-Jähriger gibt nun doch Sex zu

Am Montag, den fünften Verhandlungstag relativierte einer der drei Angeklagten seine Aussage. Der mittlerweile 19-Jährige gab nun zu, auch mit Leonie Sex gehabt zu haben, Drogen habe er ihr aber nicht verabreicht. Der Beschuldigte, er wohnte in der Tatwohnung, habe stets behauptet, mit dem Mädchen nur gekuschelt zu haben. Allerdings widerlegten DNA-Spuren diese Version. Der Sex sei aber einvernehmlich gewesen, sagte der Mann aus.

"Ich hätte das vorher sagen sollen, aber ich hatte Angst", meinte er. "Ich entschuldige mich dafür, dass ich das nicht vorher gesagt habe." Bei allen anderen Angaben hätte er bisher die Wahrheit gesagt. Auf die Frage eines Beisitzers, warum er deshalb Angst gehabt habe, meinte der Angeklagte: "Ich habe mich geschämt." Warum, konnte er aber nicht beantworten. 

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Bis zu neun Ecstasy heimlich ins Getränk gemischt

Am fünften Verhandlungstag kamen weitere Zeugen zu Wort. Dabei handelt es sich um Freunde und Bekannte der Angeklagten, die kurz nach dem Tod der 13-Jährigen Kontakt zu den Beschuldigten hatten. "Er hat mich angerufen und gemeint, dass er meine Hilfe braucht", berichtete der Freund des Zweitangeklagten. Mit einem weiteren Bekannten trafen sie den 19-Jährigen bei Kagran. Die drei fuhren im Auto, als der 19-Jährige zu erzählen begann, dass der Erst- und Drittangeklagte mit einem Mädchen bei ihm in der Wohnung aufgetaucht seien. Eine Ecstasy-Tablette habe die 13-Jährige freiwillig genommen, acht bis neun hätten die beiden anderen heimlich in einem Getränk aufgelöst, das das Mädchen nach und nach unwissentlich konsumierte.

Leonie wollte Sex nicht

Als die Drogen zu wirken begannen, hätten die beiden Männer gegen den Willen der Niederösterreicherin sexuelle Handlungen durchgeführt. "Sie wollte das nicht", berichtete der 20-Jährige über die Erzählungen seines Freundes im Zeugenstand. Dem Mädchen sei es immer schlechter gegangen, da hätten sie ihm Ayran eingeflößt und seinen Kopf abgeduscht. Sein Freund habe noch die Rettung holen wollen, aber die anderen "wollten das nicht". Der Erstangeklagte hätte die 13-Jährige dann rausgetragen und zu dem Baum gelegt, wo sie von Passanten gefunden wurde. Jegliche Hilfe kam zu spät. "Geh zur Polizei oder ich tue es", meinte der 20-Jährige damals zu dem nun Angeklagten. "Ich habe gemerkt, dass er unter Schock ist." Weil sich der 19-Jährige nicht traute, ging er mit dem Bekannten in ein Inspektion und erstattete Anzeige.

Weitere Anwesende? 

Der Zeuge will mitbekommen haben, dass sich nicht nur die drei Beschuldigten und die 13-Jährige in der Tatnacht in der Wohnung befunden hätten, sondern ein weiterer Mann und ein Mädchen. "Ich habe das der Mordabteilung weitergegeben, aber sie haben das nicht ernst genommen", meinte der Zeuge. Die Anwälte stellten daraufhin größtenteils den Antrag, die beiden als Zeugen vorzuladen. Darüber wurde von der Schwurgerichtsvorsitzenden Anna Marchart noch nicht entschieden.

20-Jähriger: War "schockiert"

Auch der Erstangeklagte vertraute sich einem Bekannten an. Er habe bei dem Freund geduscht und geschlafen, ehe er sich ins Ausland absetzte. Der 25-Jährige bekam mit, wie der Beschuldigte mit dem Drittangeklagten videotelefonierte. Dort gaben sich die beiden gegenseitig die Schuld, dem Mädchen zuviel von den Drogen verabreicht zu haben. "Als ich das Ganze gehört habe, war ich schockiert. Dass sie so etwas einem so jungen Mädchen angetan haben." Er habe dann die Polizei informiert und mit der Behörde kooperiert. "Wenn sie wirklich so etwas getan haben, sollten sie zur Verantwortung gezogen werden", sagte der 25-Jährige. Allerdings war sein Freund dann nicht mehr telefonisch erreichbar.

Die Männer afghanischer Abstammung sind zwischen 19 und 24 Jahre alt. Für den Ältesten, der am fünften Prozesstag Geburtstag hat und im Tatzeitpunkt erwachsen war, geht es im Fall eines Schuldspruchs um zehn bis 20 Jahre oder lebenslang. Die beiden anderen müssten bei einer anklagekonformen Verurteilung mit bis zu 20 Jahren rechnen.

Urteil Anfang Dezember  

Mit dem Verhandlungstag am Montag, der am frühen Nachmittag zu Ende ging, sind noch zwei weitere Termine vorgesehen. Die Urteile sollen nach derzeitigem Verlauf am 2. Dezember fallen.

Quelle: Agenturen / Redaktion / lam