APA - Austria Presse Agentur

Leere Regale: "Pingdemic" und Brexit machen Briten zu schaffen

22. Juli 2021 · Lesedauer 3 min

Die hohe Zahl an Menschen in coronabedingter Quarantäne bereitet in Großbritannien immer mehr Probleme. Die Infektionszahlen steigen weiter, Großbritannien lockerte trotzdem. Experten warnen vor neuen Mutationen.

Mehrere Supermarktketten entschuldigten sich am Donnerstag für teilweise leere Regale. Der Chef der Kette Iceland, Richard Walker, warnte vor Hamsterkäufen. Es gebe genug Waren, versicherte er. Woran es fehle, seien Mitarbeiter. Das bereitet auch in vielen anderen Bereichen Schwierigkeiten. Wie die BBC berichtete, konnten teilweise Mistkübel nicht geleert werden.

Auch die Polizei warnte vor längeren Wartezeiten, da viele Kräfte fehlten. Schulen gingen wegen Lehrermangels teilweise schon früher in die Sommerferien, und Tankstellen wurden vorübergehend geschlossen. Allein in der zweiten Juli-Woche wurden durch die britische Corona-Warn-App etwa 620.000 Menschen in England und Wales "gepingt", also in häusliche Quarantäne geschickt, weil sie als Kontaktpersonen identifiziert wurden. Schätzungen zufolge sollen sich derzeit rund 1,7 Millionen Briten selbst isolieren.

Bis zu 200.000 Neuinfektionen

Angesichts weiterhin steigender Infektionszahlen und der Aufhebung fast aller Corona-Maßnahmen in England dürfte sich dieses Problem auch noch weiter verschärfen. Die hochansteckende Delta-Variante lässt die Corona-Zahlen trotz hoher Impfquote im Vereinigten Königreich weiter ansteigen. Die Sieben-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner lag zuletzt bei 472 (Stand: 16. Juli).

"Es hat sich noch nie so heftig angefühlt"

PULS 24 Korrespondentin Alina Nahler berichtet, dass die Behörden in Großbritannien schon in näherer Zukunft von bis zu 200.000 Neuninfektionen pro Tag ausgehen. Die steigenden Zahlen würden sich auch auf die Hospitalisierungen auswirken. Rund 60 Prozent der Menschen in den Spitälern seien schon vollständig immunisiert. 

An den leeren Regalen dürfte aber auch der Brexit schuld sein, sagt Nahler. Mehrere Firmen liefern nicht mehr nach Großbritannien. Zudem gibt es abermals einen Streit mit der EU über Grenzkontrollen. Verbände schätzen, dass dem Vereinigten Königreich bis zu 100.000 Lkw-Fahrer fehlen - ein Job, den bisher viele Osteuropäer gemacht haben.

Seit dem Brexit benötigen EU-Bürger, die in Großbritannien arbeiten wollen, jedoch teure Arbeitsvisa. Frischware wie Obst und Gemüse importiert Großbritannien zu großen Teilen aus der EU. Hinzu kämen die hohen Temperaturen von mehr als 30 Grad in dieser Woche, die zum Ausfall von Kühlregalen führten, sagt Branchen-Experte Bryan Roberts von Shopfloor Insights. Die Regierung in Großbritannien schiebt die Engpässe aber auf die Pandemie.

"Pingdemic" sorgt für Engpässe

Die "Pingdemic", wie das Phänomen von britischen Medien bezeichnet wird, hat nun auch eine Debatte darüber ausgelöst, ob vollständig Geimpfte der Pflichtquarantäne entgehen können und sich stattdessen täglich testen dürfen. Ab Mitte August soll diese Regelung gelten. Bisher gelten Ausnahmen jedoch nur für Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines Pilotprojektes oder etwa für Beschäftigte des Gesundheitsdienstes. Viele Branchen, darunter der Einzelhandelsverband British Retail Consortium sowie die Fleischindustrie, fordern weitere Ausnahmen für ihre Beschäftigten.

Neue Mutation in Großbritannien?

"Es gibt klare Modellrechnungen", sagte am Donnerstag auch Molekularbiologe Ulrich Elling im PULS 24 Interview. Diese gehen davon aus, dass sich am Höhepunkt der Welle 100.000 bis 200.000 Briten bzw. Engländer pro Tag anstecken werden. "Die rechnen mit 2.000 Hospitalisierungen pro Tag, die rechnen mit 100 bis 200 Toten pro Tag und am Ende der Welle mit bis zu einer halben Million Long-Covid-Patienten", zählt Elling auf.

Die Millionen Menschen, die sich in den kommenden Wochen und Monaten in Großbritannien anstecken würden, seien der Nährboden für neue, vielleicht noch gefährlichere Mutationen.

Quelle: Agenturen