APA - Austria Presse Agentur

Klimaforscherin: Bekommen unsere Verletzlichkeit vorgeführt

März 22, 2020 · Lesedauer 3 min

Die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb ist sich unsicher, ob die Gesellschaft etwas aus der Corona-Krise lernen wird, "ich hoffe aber, dass wir es tun". Es zeige sich derzeit, "dass wir offensichtlich als Gesellschaft nicht resilient sind", also verletzlich und nicht widerstandsfähig. "Das ist zwar nicht neu, aber jetzt wird es jedem vorgeführt", sagte sie im Gespräch mit der APA.

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie und die damit verbundenen Maßnahmen würden zeigen, "dass wir einfach zu stark von wenigen, großen Playern und Versorgern abhängig sind". Das gelte auch national, meinte Kromp-Kolb und verweist auf die Beteuerungen, dass etwa die großen Handelsketten genug Waren hätten. "Aber die großen Ketten sind störempfindlich, die vielen kleinen Läden sind viel resilienter, und wenn wir uns nur auf die großen konzentrieren und für diese Rettungspakete schnüren und die kleinen übersehen, verlieren wir sie", warnte Kromp-Kolb.

Wenn das Ergebnis dieser Krise eine noch höhere Konzentration auf wenige Große sei, "ist das der gegenteilige Effekt von dem, was wir brauchen". Natürlich koste das etwas, "und Resilienz ist immer teurer als Effizienz, aber wir brauchen das Optimum von beiden, so effizient wie möglich aber so resilient wie nötig".

Die emeritierte, aber nach wie vor an der Universität für Bodenkultur Wien tätige Klimaforscherin sieht durchaus Lerneffekte durch die derzeitige Situation, etwa dass nicht alles notwendig sei, was man vorher für notwendig erachtet habe. "Es hat sogar der Bundeskanzler gesagt, die Globalisierung muss man infrage stellen - das ist schon ein großer Lerneffekt, aber es sollte wirklich darüber hinausgehen", so Kromp-Kolb.

Angesicht der Übernutzung der Ressourcen unseres Planeten stelle sich angesichts der Krise nun die Frage, ob die Menschen "doch einmal überdenken, ob unser bisheriger Lebensstil wirklich so ideal war, und wie wir diese Phase nützen können, um zu einem anderen Lebensstil zu kommen, der befriedigender ist". Kromp-Kolb hofft hier auf eine Debatte abseits der täglichen operativen Entscheidungen. Stark gefragt wäre dafür auch die Wissenschaft. "Wenn das passiert, dann hätten wir die Chance, dass wir nach dem Coronavirus wirklich zu einer Transformation der Gesellschaft kommen", so die Expertin.

Dass man nun bereits in der Umwelt die Auswirkungen der Corona-Maßnahmen wie sinkende Luftschadstoffe in China oder Norditalien wahrnimmt, seien kurzzeitige Veränderungen und für das Klima nicht relevant. "Man darf aber nicht übersehen, dass die Luftqualität schon Niveaus erreicht hat, wo sie Menschenleben kostet - insofern sollte man das nicht kleinreden", so Kromp-Kolb. Für das Klima sei aber die Summe von CO2 oder anderer Treibhausgase, die in die Atmosphäre eingebracht werden, entscheidend. Natürlich komme jetzt weniger dazu, in der Summe sei das aber minimal.

Sorgen bereiten der Klimaforscherin aber Stimmen aus der Politik oder Wirtschaft, dass nach der Krise alles so rasch wie möglich wieder zurück zum Normal gehen soll und womöglich noch alles aufgeholt werde, was jetzt versäumt wurde. "Wenn man mit diesem Plan in die Zukunft geht, werden wir relativ bald alles, was wir vielleicht durch diese Phase der Reduktion erreicht haben, wieder wettgemacht haben. Dann ist es nicht mehr als eine Verzögerung, dann ist es kein Schritt in Richtung wirklichen Klimaschutz."

Apropos Klimaschutz: Kromp-Kolb ist über die weitreichenden Maßnahmen, die in der Corona-Krise gesetzt werden können, überrascht: Ein Budgetdefizit spiele überhaupt keine Rolle, ebenso Eingriffe des Staates in den Markt. "Beim Klimawandel war es bisher unmöglich, an vergleichsweise kleinen notwendigen Schrauben zu drehen."

Quelle: Agenturen