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Kastner über "verdeckte Narzissten" und "misogyne Machos"

Heute, 04:03 · Lesedauer 6 min

Für die forensische Psychiaterin Adelheid Kastner lassen sich drei Haupttätergruppen bei Femiziden herauskristallisieren. "Verdeckte Narzissten, misogyne Machos, Männer mit einer famosen Gewaltspirale", sagte sie im APA-Gespräch. Auch wenn er "der offensichtliche Täter" sei, sieht sie auch Frauen in der Verantwortung. Ein Frauenbild wie von konservativen "Tradwives" im Netz verkörpert, stehe für ein Zurück zu tradierten Gepflogenheiten.

"Wir haben in Österreich eines der besten Gewaltschutzgesetze überhaupt und wir haben auch eines der besten Angebote für Frauen in prekären Situationen, die aus diesen Situationen heraus wollen", so Kastner, die seit Jahrzehnten Gerichtsgutachten verfasst. Derartige Maßnahmen würden aber "nicht den gewünschten Erfolg" bringen. Am Montag wird sie im Lentos Kunstmuseum in Linz auf dem Symposium zum Thema "Gewalt gegen Frauen: Möglichkeiten und Grenzen des Rechtsstaats", das das Oberlandesgericht Linz mit dem Justizministerium anlässlich des Weltfrauentages organisiert hat, die psychologische Sicht beleuchten.

Die Zahlen für Femizide seien seit Jahren, wenn auch auf traurigem Niveau, mehr oder weniger konstant. Gesellschaftlich weit verbreitete Haltungen könne man jedoch nicht durch Vorgaben ändern, sprach Kastner "eine feststellbare Verschiebung in Richtung sehr traditionelle Geschlechtsdefinitionen" an. (Junge) Frauen würden "nicht weit nach vorne" denken. Doch diese "Verbiedermeierung in unsicheren Zeiten ist ein Trugschluss, sich damit wieder in irgendeine gefühlte Sicherheit zu begeben", warnte sie. Faktisch stehe die Rolle der Hausfrau, die Kinder erziehe und "Männer serviciert" für Abhängigkeit.

Internet-Auftritte von "diesen Tradwives, die dann auf jeder Hüfte ein Kind schaukeln, perfekt geschminkt, gerade den Kuchen rühren für die Heimkehr des Gatten am Abend, leisten dem Vorschub. Es gibt da genug junge Frauen, die meinen, dass Feminismus Pfui ist und dass das was ist, was man eh nicht braucht." Und bei den Männern sieht sie einen "nicht großen, aber sehr wohl erstarkenden Teil", der meine, Frauen seien "Menschen zweiter Klasse", fielen eher "unter das Eigentumsrecht als unter partnerschaftliche Beziehungen. Und wenn sich halt ein Eigentum gegen einen wendet, dann steht einem auch zu, das zu zerstören."

Drei Haupttätergruppen bei Femiziden

Nach Jahrzehnten ihrer Begutachtung von Frauenmördern für das Gericht, ließen sich, auch wenn jeder Fall ein Einzelfall ist, dennoch Tätergruppen herausfiltern. Da gebe es die Gruppe der verdeckten Narzissten, die weniger auf ihre Rolle als Männer, sondern auf ihre persönliche Überlegenheit fokussiert seien, berichtet Kastner. Obwohl sie in ihrer Eigenwahrnehmung "eigentlich total großartig und Gottes Geschenk an die Menschheit" seien, fühlen sich diese verkannt. Sie häufen Kränkungen an, seien gegenüber ihren Partnerinnen nicht gewalttätig, bis dann eine banale Bemerkung das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen bringe und sie zuschlagen, umriss sie jene Gruppe. Derartige Mörder seien mit sich völlig im Reinen, "ich weiß, Gott hat mir verziehen" - derartiges habe die Gerichtspsychiaterin schon zu hören bekommen.

"Die häufigste Tätergruppe ist die mit dieser famosen Gewaltspirale. Das sind meist argumentativ und kommunikativ relativ inkompetente, eher selbstunsichere Männer, die irgendwann einmal argumentativ anstehen und dann ein schlagendes Argument heranziehen, um sich dann doch vielleicht einmal durchzusetzen. Am nächsten Tag entschuldigen sie sich wortreich mit den berühmten roten Rosen in der Hand und versichern, es passiert ganz sicher nicht wieder. Und die Frauen steigen darauf ein", beschrieb sie die Ausgangssituation.

Auf "Honeymoon-Phase" folgen wieder Schläge

Danach komme es zur "bekannten Honeymoon-Phase" - bis die nächsten Schläge folgen. Diese Gewaltspirale könne sich endlos drehen. Und dazu trage, so die Erfahrung der Gerichtspsychiaterin, das inkonsequente Verhalten der Frauen mit bei. Denn auch "wenn diese irgendwann einmal sagen: 'Ich trenn mich, wenn du nicht...'", würden sie es nicht durchziehen und kehren zurück. Somit nehmen die Männer sie "zu Recht" nicht ernst. "In einem Drittel der Fälle führt dies zu einer Intensivierung und Ausweitung der Gewalt."

Die zweitgrößte Gruppe seien laut Kastner Männer mit einem sehr patriarchalen Weltbild. Sie vertreten die Ansicht, "der Mann ist halt einfach Herr der Schöpfung, qua Geschlecht klüger, gescheiter, zur Herrschaft disponiert. Das ist gottgegeben und war immer schon so und das werden wir nicht ändern. Diese Männer haben was zu verlieren, sie verlieren eine Dominanzposition. Und der, der verliert, der wehrt sich in der Regel dagegen", charakterisierte die forensische Psychiaterin jene Täter. Diese Herren im Haus vergriffen sich auch relativ häufig an ihren Kindern.

"Misogyne Männer finden immer wieder Frauen"

"Auch diese misogynen Männer finden immer wieder Frauen, die mitspielen. Ich kenne diese Situation, dass meist nach der Eheschließung oder nach der Geburt des ersten Kindes diese Typen beginnen, Frauen von ihrem Umfeld abzuschotten." Sie würden Außenkontakte untersagen, das Handy kontrollieren und zunehmend die Frau isolieren und letztendlich überzeugen, dass sie alleine gar nicht lebensfähig sei. Aber bis dahin gebe es einen relativ langen Weg, hielt Kastner fest.

Als Erklärung, warum Gewalt in Beziehungen erduldet werde, ließ sie das Argument für "eine zweite Chance" nicht gelten. "Von mir bekäme keiner eine zweite Chance hinzuschlagen. Für mich ist körperliche Gewalt immer rote Linie gewesen. Ein Mensch, der sie überschreitet, der ist für mich als Partner erledigt. Hinschlagen ist eine derartige Entwertung, ein derartiger Übergriff und ein Überschreiten von dem, was auch nur im Mindesten tolerabel", wurde sie deutlich."Wieso muss ich warten, bis er es das zweite Mal tut?" Jeder könne für sich schon vor einer Beziehung Grenzen zum Selbstschutz festlegen. Je länger Frauen in Gewaltbeziehungen blieben, desto schwieriger werde der Ausstieg.

Als weiteren Grund, warum Frauen solange mitmachen, bekämen laut Kastner Gewaltschutzzentren immer wieder zu hören, dass es sich die Frauen nur schwer zutrauen, mit einem Kind alleine zurechtzukommen. "Da muss man sich schon fragen, warum, wenn die Frauen schon nicht für sich selber einschreiten, sie es dann nicht für ihre Kinder tun." Eine derartige Erfahrung sei "genauso fatal fürs Kind" wie die Schläge des Vaters. Sie sieht darin "eigentlich ein strafrechtliches Versäumnis. Das ist die Nichtwahrnehmung der Verantwortung für eine Garantenstellung für die Kinder. Natürlich ist der offensichtliche Täter der Mann, das ist keine Frage, aber es gibt auch den Anteil der Frau, der das zulässt und die Kinder nicht schützt."

Einzementieren als Opfer "entmächtigt"

Ein Einzementieren der Frauen in die Position als Gewaltopfer, verhindere den Weg zur Selbstermächtigung. Auch wenn sie es "natürlich faktisch sind", impliziere der Begriff Opfer etwas "ausschließlich Passives und entmächtigt mich". Wie es gelingen könnte, trotz eines "unglaublichen Dramas", in ein selbstbestimmtes Leben zurückzufinden, zeige die Französin Gisèle Pelicot, die jahrelang von ihrem Mann betäubt und von ihm und dutzenden anderen vergewaltigt wurde. "Sie hat nicht gesagt 'mir geht's so schlecht, ich bin ein Opfer'. Sie hat sich trotz ihrer Viktimisierung, die zweifellos vorlag, selbstbewusst präsentiert." Die heute 73-Jährige habe nicht eingesehen, sich zu verstecken, weil "der Mann Unrecht getan hat". Denn: "Die reine Opferrolle ist kein taugliches Lebenskonzept", brachte es Kastner auf den Punkt.

Zusammenfassung
  • Die forensische Psychiaterin Adelheid Kastner unterscheidet bei Femiziden drei Haupttätergruppen: verdeckte Narzissten, misogyne Machos und Männer mit einer Gewaltspirale.
  • Trotz eines der besten Gewaltschutzgesetze Europas bleibt die Zahl der Femizide in Österreich seit Jahren auf konstant hohem Niveau.
  • Kastner sieht gesellschaftlich verfestigte Rollenbilder und eine Rückkehr zu traditionellen Geschlechterdefinitionen als begünstigende Faktoren für Gewalt gegen Frauen.
  • In etwa einem Drittel der Fälle führt inkonsequentes Verhalten von Frauen laut Kastner zu einer Intensivierung und Ausweitung der Gewaltspirale.
  • Sie fordert, sich nicht in der Opferrolle zu 'zementieren', sondern durch Selbstermächtigung und klare Grenzen zum Selbstschutz bereits vor einer Beziehung aktiv zu werden.