Häusliche Gewalt: 22 Prozent mehr Annäherungs- und Betretungsverbote

22. Sept 2020 · Lesedauer 4 min

Zwar stiegen die verhängten Annäherungs- und Betretungsverbote um 22 Prozent, einen signifikanten Anstieg bei häuslicher Gewalt sehen Inneminister Nehammer und Frauenministerin Raab aber nicht.

Die Coronakrise hat in Österreich aus Sicht von Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) und Frauenministerin Susanne Raab (ÖVP) zu keinem signifikanten Anstieg bei häuslicher Gewalt geführt. Zu diesem Schluss sind die beiden am Montag bei einer gemeinsamen Pressekonferenz in Wien gekommen. Nehammer kündigte in diesem Zusammenhang mehr auf diese Thematik speziell geschulte Polizeibeamte an. Derzeit gibt es österreichweit 516.

22 Prozent mehr Annäherungs- und Betretungsverbote

886 Mal wurden im vergangenen Februar in Österreich Annäherungs- und Betretungsverbote gegen Gewalttäter verhängt. Im März waren es bereits 972, im Lockdown-Monat April erhöhten sich die Fallzahlen dann auf 1.081 - eine Steigerung um 22 Prozent. Raab betonte dennoch, das sei deutlich unter dem Wert, der zu befürchten war. Im Juli waren es 1.085 Fälle, im August 1.055, im September bisher 507. Raab sprach von einem "leichten Anstieg", wobei "jeder Gewaltakt einer zu viel ist und in unserer Gesellschaft keinen Platz hat". Insgesamt sei man hinsichtlich häuslicher Gewalt aber "gut durch die Krise gekommen", konstatierte die Frauenministerin.

38 Prozent mehr Anrufe bei der Helpline

Dazu hätten die ausgebaute 24 Stunden-Frauen-Helpline, verstärkte Online-Beratungen und eine eigens geschaffene Informationskampagne beigetragen, meinte Raab. Die Helpline habe seit März um 38 Prozent mehr Anrufe erhalten: "Das Angebot wird gut angenommen." Die Frauenministerin verwies auch auf die Gewaltschutzzentren in den Bundesländern und insgesamt 170 Mädchen- und Frauenberatungsstellen, die wichtige Arbeit leisten würden und deren Förderquoten man daher um zwölf Prozent erhöht habe. Der Bund werde auch in neue Gewaltschutz-Projekte investieren.

Gewaltschutz-Gipfel

Für den Herbst haben das Innen- und das Frauenministerium einen Gewaltschutz-Gipfel geplant. Man müsse nämlich "wachsam sein", warnte Raab: "Im Herbst verlagert sich das Leben mehr ins Innere." Das bedeute ein erhöhtes Risiko.

SPÖ-Frauenvorsitzende und -Frauensprecherin Gabriele Heinisch-Hosek warf Nehammer und Raab vor, die Gefahrenlage für Frauen zu bagatellisieren. Die beiden würden den Eindruck vermitteln, "das Problem sei nicht so akut wie angenommen. Das ist alarmierend", meinte Heinisch-Hosek in einer Presseaussendung. Sie verlangte einen verstärkten Dialog mit den Experten im Gewaltschutzbereich und ein Soforthilfepaket von fünf Millionen Euro für die Betroffenen. Weiters trat Heinisch-Hosek ein Mal mehr für Hochrisiko-Fallkonferenzen ein, die hoch gefährliche Fälle analysieren und beraten sollten.

Studie: Höhere Steigerung in größere Städten

In größeren Städten mit mehr als 50.000 Einwohnern haben sich die der Polizei gemeldeten Fälle von häuslicher Gewalt nach dem Corona-Lockdown um 26 Prozent erhöht. Wie eine Analyse des Markt- und Meinungsforschungsinstituts OGM unter Zugrundelegung von Daten des Bundeskriminalamts zeigt, sind die Annäherungs- und Betretungsverbote von 817 in den Monaten Jänner und Februar auf 1.027 im April und Mai gestiegen.

In mittleren Städten und Landgemeinden machte der Zuwachs im selben Zeitraum neun Prozent aus. In absoluten Zahlen waren es 1.095 im April und Mai gegenüber 1.001 im Jänner und Februar. Diese Zahlen interpretierte die Grüne Frauensprecherin Meri Disoski als "eindeutigen Handlungsauftrag für den Ausbau des Gewaltschutzes." Die Dunkelziffer bei häuslicher Gewalt sei beachtlich, dieses Thema sei sehr stark tabuisiert. "Betroffene scheuen oftmals davor zurück, professionelle Beratung und Hilfe in Anspruch zu nehmen oder sich ihrem persönlichen Umfeld anzuvertrauen", gab Disoski in einer Aussendung zu bedenken.

Zur Wahrnehmung häuslicher Gewalt in der Bevölkerung während des Corona-Lockdowns hat OGM im Auftrag des Innenministeriums im Juli eine repräsentative Umfrage durchgeführt (811 Teilnehmer). Demnach wurden vier Prozent der Befragten während des Lockdowns ein konkreter Fall von häuslicher Gewalt bekannt. Das Vertrauen in die Polizei während des Lockdowns hat sich für 64 Prozent der Befragten verbessert und nur für 16 Prozent verschlechtert. 61 Prozent sprachen sich dafür aus, dass die Polizei bei der Kontaktverfolgung von Corona-Infektionsketten unterstützend mitwirken soll, während 31 Prozent das ausschließlich den Gesundheitsbehörden überlassen wollen.

Quelle: Agenturen / Redaktion / moe