APA/FLORIAN WIESER

Ein Toter nach Schüssen in NÖ Kaserne: Verdächtiger enthaftet

06. Jan. 2023 · Lesedauer 4 min

In der Flugfeldkaserne in Wiener Neustadt ist Freitagfrüh ein 20-jähriger Wachsoldat aus Niederösterreich erschossen worden. Der mutmaßliche Schütze, ein 54-jähriger Unteroffizier, wurde enthaftet. Wichtige Fragen bleiben weiterhin offen.

"Momentan wird von einer Notwehrsituation ausgegangen. Es besteht kein dringender Tatverdacht wegen Mordes", sagte Erich Habitzl, Sprecher der Staatsanwaltschaft, zur APA. Der Unteroffizier muss damit auch nicht in U-Haft.

Wie Aussagen des mutmaßlichen Schützen und von drei Zeugen ergeben hätten, soll der 20-Jährige seinem Vorgesetzten mehrfach mit einem Sturmgewehr auf den Kopf geschlagen haben, teilte Habitzl am Abend mit. Der 54-Jährige erlitt eine stark blutende Wunde am Kopf. Während des Angriffs soll der Burgenländer seine Waffe gezogen haben, der Grundwehrdiener wurde durch einen Schuss tödlich verletzt.

Befragungen haben begonnen

Das Landeskriminalamt übernahm die Ermittlungen, berichtete Polizeisprecher Johann Baumschlager. Am Freitag wurden Spuren gesichert und Einvernahmen durchgeführt. 

PULS 24 gegenüber bestätigte Baumschlager, dass es zu der Festnahme des Unteroffiziers kam. Er wurde nach Befragungen wieder auf freien Fuß gesetzt. Dieser erlitt beim Vorfall eine Platzwunde am Kopf, die ambulant behandelt wurde. Die Polizei hat die Tatversion des Bundesheeres bisher nicht offiziell bestätigt. Der Auslöser des Vorfalls sei weiterhin Gegenstand von Ermittlungen, sagte Habitzl auf APA-Anfrage.

Näheres soll ein Schussgutachten des Bundeskriminalamtes klären. Abzuwarten sei auch das Obduktionsergebnis. Geprüft wird laut Habitzl außerdem, ob eine Tatrekonstruktion gemacht wird.

Offizier wollte deeskalierend bei Streit eingreifen

Laut Bundesheersprecher Michael Bauer soll es kurz vor der für 7.00 Uhr geplanten Wachablöse zu dem Vorfall gekommen sein. Der Grundwehrdiener soll seine Kameraden im Wachlokal mit dem Sturmgewehr bedroht haben. Ihr Vorgesetzter, der Offizier vom Tag, habe das von außen gesehen und deeskalierend einschreiten wollen. Daraufhin habe der Grundwehrdiener den 54-Jährigen "angesprungen, getreten und ihm mehrmals mit dem Lauf der Waffe gegen den Kopf gestoßen", so der Sprecher. Die anderen drei Wachsoldaten seien geflüchtet. Laut Bauer soll es ein Gerangel gegeben haben, bei dem der Rekrut tödlich verletzt wurde.

Kam es zum Schusswechsel?

Im Gespräch mit PULS 24 gab Bauern den Tathergang erneut wieder. Während der 54-jährige Unteroffizier davon sprach, nur einen Schuss getätigt zu haben, sagte der Bundesheersprecher, dass drei Schüsse aus der Pistole des Unteroffiziers abgefeuert worden sein. Auch die Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt spricht von ein bis drei abgegebenen Schüssen. Derzeit wird überprüft, ob der getötete Grundwehrdiener überhaupt einen Schuss getätigt hat, bisherige Angaben blieben unbestätigt.

Toter und Verletzter nach Schüssen in Flugfeldkaserne Wiener NeustadtAPA

Untersuchungskommission eingesetzt

Die Wache bestehe aus zwei Grundwehrdienern sowie dem Offizier vom Tag, einem Berufssoldaten, als Vorgesetzten, erläuterte das Bundesheer. Kontrolliert wird die Zufahrt zum Kasernengelände. Der Rekrut sei als Wachkommandant eingeteilt gewesen. Zum Zeitpunkt des Vorfalls befanden sich demnach die Soldaten und der Offizier vom Tag bei der Ablöse. Wachsoldaten sind mit einem halbgeladenen Sturmgewehr bewaffnet - es befindet sich keine Patrone im Lauf. Ihr Vorgesetzter trägt eine geladene Pistole bei sich. Der Gebrauch der Schusswaffe gegen Personen sei laut Militärbefugnisgesetz nur im Rahmen der Notwehr und/oder der Nothilfe zulässig, sofern es keine andere, gelindere Möglichkeit gibt.

Die Soldaten werden der Aussendung zufolge durch den Heerespsychologischen Dienst betreut. Eine Untersuchungskommission wurde eingesetzt. Sie soll u.a. klären, wie es zu dem Schusswechsel gekommen ist. Ein Erstbericht soll nach 48 Stunden vorliegen.

20-Jährige seit Oktober Wachsoldat

Der 20-Jährige hatte laut Aussendung seinen Grundwehrdienst vergangenen September angetreten und war seit Mitte Oktober als Wachsoldat in der Wiener Neustädter Kaserne eingesetzt. Der unbescholtene 54-Jährige ist seit 1987 beim Bundesheer und seit 2007 in der Flugfeldkaserne tätig. Er gelte als "einsatzerfahrener Soldat" und absolviere ein bis zwei Mal pro Monat den Dienst als Offizier vom Tag.

Am Schauplatz des Schusswechsels war am Freitag die Spurensicherung im Gange. Mehrere Fahrzeuge von Polizei und Militärpolizei waren zu sehen. Der Eingangsbereich der Kaserne wurde mit Tarnnetzen als Sichtschutz verhängt.

Tödliche Hundeattacke im Jahr 2019

Die Flugfeldkaserne in Wiener Neustadt war im November 2019 Schauplatz einer tödlichen Hundeattacke gewesen. Ein Soldat war von Belgischen Schäferhunden angefallen und getötet worden. Der 31-Jährige war unter anderem für Auslauf und Fütterung mehrerer Tiere zuständig gewesen. Ein Ermittlungsverfahren gegen den zuständigen Hundeführer und gegen nicht konkret ausgeforschte Verantwortliche des Bundesheers wurde Ende 2020 eingestellt.

Quelle: Agenturen / Redaktion / poz