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Dürre, Hunger und Krieg: Lage in Äthiopien katastrophal

18. Juni 2022 · Lesedauer 6 min

Nach mehreren Dürrejahren in Folge sind am Horn von Afrika mehr als 18,4 Millionen Menschen von Lebensmittelmangel, Hunger und Unterernährung bedroht. Im besonders betroffenen Äthiopien wachen jeden Tag 7,4 Millionen Menschen hungrig auf.

Fast die Hälfte aller Kinder im Land unter fünf Jahren ist unterernährt. Jedes sechste Kind stirbt vor dem fünften Geburtstag. Dürren, Überschwemmungen, die Klimakrise und die Auswirkungen des Kriegs verschärfen die Lage.

Caritas-Hungerkampagne

Äthiopien ist ein Schwerpunktland der heurigen Caritas-Hungerkampagne. Die Caritas hat bereits zahlreiche Nothilfeprogramme laufen. Aktuell ist das Land auch von der schlimmsten Dürre seit dem Jahr 1981 betroffen. Das Überleben ist für Millionen von Menschen ein täglicher Kampf. "Hunger ist ein Skandal, der zum Himmel schreit. Hunger ist gleichzeitig ein leiser Skandal, den wir gerne überhören", sagte der Wiener Caritas-Direktor Klaus Schwertner nach einer Pressereise nach Äthiopien.

Zahlen von hungernden Kindern bekamen bei den Projektbesuchen Gesichter und Namen. In einer durch Spenden finanzierten Klinik im Süden des Landes traf Schwertner auf die dreijährige Tezita und ihre Mutter Tarka. Das Mädchen war spindeldürr und dehydriert. "So ein abgemagertes Kind habe ich selber noch nie gesehen, das macht betroffen, es ist aber die harte, traurige Realität", berichtete der geschäftsführende Caritas-Direktor der Erzdiözese Wien. "Diese Mutter wird vermutlich in wenigen Wochen um ihr Kind trauern, weil das Kind sterben wird. Das zeigt, wie groß der Handlungsbedarf ist", sagte Schwertner.

Ein Spital und elf Ambulanzen im Süden Äthiopiens geben Müttern und deren Kindern Zukunftsperspektiven. In dem Caritas-Projekt ist es gelungen, den medizinischen Standard der elf kleinen Ambulanzen in vorwiegend abgelegenen Regionen so zu verbessern, dass die effiziente medizinische Versorgung für rund 400.000 Menschen im Jahr gewährleistet werden kann.

Klimakrise verschärft Situation

"Äthiopien ist ein Land, in dem Hunger Realität ist. Seit 15 Jahren ist dieses Land mit den Auswirkungen der Klimakrise, mit Überschwemmungen, Heuschreckenschwärmen, Dürre konfrontiert. Und es wird immer schlimmer. Die Ursache für viele der Auswirkungen dafür liegt bei uns im Norden. Und dennoch müssen die Ärmsten, die diese Katastrophe am wenigsten verursacht haben, die Folgen ertragen", sagte Andreas Knapp, Auslandshilfegeneralsekretär der Caritas Österreich.

Knapp hat vor Jahren in Äthiopien gelebt. Zurückzukommen und zu sehen, wie sich das Land entwickelt hat, sei "sehr spannend gewesen". Es hat "sich etwas getan", berichtete Knapp. Das Land ist von multiplen Krisen betroffen, "wir haben dennoch bewundernswert festgestellt, wie stark die Menschen vor Ort sind", schilderte der Generalsekretär. Hilfe zur Selbsthilfe komme an und werde verwirklicht, die Menschen sind "keine passiven Hilfsempfänger, sondern steigern ihre eigene Resilienz". In den besuchten Projekten gibt es "klare Ansätze, wie es gehen könnte. Es braucht eine größere und planbare Kraftanstrengung", forderte der Nothilfe-Experte.

Äthiopien ist als eines der ärmsten Länder der Erde von Leistungen internationaler Geber abhängig. Weltbank und EU finanzieren ungefähr 40 Prozent des 1,7 Milliarden Euro Staatshaushalt. Ein Viertel der Bevölkerung leidet an Hunger. Speziell der Süden des Landes, die Region Borana, ist stark von Dürren betroffen, die durch die Klimakrise immer intensiver werden. Das World Food Programm (WFP) schätzt außerdem, dass 83 Prozent der Bevölkerung in der Konfliktregion Tigray (ca. 4,8 Millionen Menschen) keinen ausreichenden Zugang zu Lebensmitteln haben und hungern.

Explodierende Lebensmittelpreise

Die humanitäre Lage in der Region Tigray ist nach UN-Angaben katastrophal. Dazu kommen im Land am Horn von Afrika derzeit explodierende Lebensmittelpreise - durch die Konflikte im eigenen Land und den gestiegenen Weltmarktpreisen durch den Ukraine-Krieg. Durch den Ausfall der Kornkammer Ukraine droht eine globale Nahrungsmittelkrise katastrophalen Ausmaßes. Das WFP bezog bisher 50 Prozent des Getreides zur Versorgung hungernder Menschen in Äthiopien aus dem ukrainisch-russischen Raum. Schon im vergangenen Jahr ist der Preis des lokalen Warenkorbs des World Food Programmes in Äthiopien um 66 Prozent gestiegen. Aus Armut wird bittere Armut. Aus Nahrungsmittelknappheit wird Hungersnot und Verzweiflung.

Es ist das Gebot der Stunde die Menschen nicht alleine zu lassen, betonten Schwertner und Knapp. Auch, wenn die Not im eigenen Land und in Europa gerade zunimmt, die Menschen in den ärmsten Ländern der Welt dürfen wir nicht vergessen, appellierte der Caritas-Direktor. Die heurige Spendenkampagne der Caritas läuft unter dem Motto "Wir haben Hunger satt". Die Caritas hilft mit lokalen Partnerorganisationen. Bei akuten Hungersnöten werden Nahrungsmittelpakete verteilt und Geldhilfen geleistet. Unterernährte Kleinkinder werden in Babyfeeding-Zentren und ältere Kinder in Schulen mit einer täglichen warmen Mahlzeit versorgt.

Kleinbauern werden dabei unterstützt, Klimaresilienz nachhaltig aufzubauen. Sie erhalten etwa trockenheitsresistentes Saatgut oder Schulungen für diversifizierten Anbau, also etwa nicht nur Getreide, sondern auch Gemüse, oder Hilfen für den Umstieg von der reinen Viehzucht. Bei der Dürre verhungern erst die Tiere, dann die alten Menschen und dann die Kinder. Zur sich immer weiter zuspitzenden Lage hat eben auch beigetragen, dass wegen Wasser- und Futtermangels am Horn von Afrika rund sieben Millionen Tiere verendet seien. Für die Nomaden und Halbnomaden in den Dürregebieten bedeutet der Verlust von Rindern, Schafen und Ziegen das Wegfallen ihrer wirtschaftlichen Existenz, das Fehlen von Milch trägt zudem zur Unterernährung der Kinder bei.

Förderungen für Frauen

Die Caritas unterstützt in Äthiopien auch zahlreiche Frauenförderungsprogramme. Teilweise sind die Projekte bereits ausgelaufen, werden von den Menschen aber selbstständig fortgeführt, berichtete Knapp. Wenn es die entsprechenden Mittel gibt, ist ein selbstbestimmtes Leben möglich, zeigen viele "Mutmach-Projekte", berichtete der Auslandshilfe-Generalsekretär. Mit nur 45 Euro kann so beispielsweise der Kauf einer Ziege im Rahmen eines Landwirtschaftprojekts finanziert werden. Das Tier trägt zu einer ausgewogenen Ernährung sowie zu einer Einkommenssteigerung für die Familien bei. Tiere werden auch als "Sparbuch" gehalten, um durch Verkauf Geld in Notsituationen zu haben.

In der Region Meki gibt es etwa Frauenförderungsprojekte, damit diese einen eigenen Lebensunterhalt verdienen und ihre Rolle gestärkt wird. Durch Vergabe von Eseln und Karren wird die tägliche Arbeitsbelastung von 440 Frauen in vier ländlichen Gemeinden vermindert. Weitere 260 Frauen erhalten Ziegen, Schafe und Obstbäume.

Die Hilfe müsse extrem ausgebaut werden, forderten die Experten im Gespräch mit der APA. "Es braucht eine größere und planbarere Kraftanstrengung", sagte Knapp. "Es braucht jetzt die öffentlichen und längerfristigen Entwicklungshilfeleistungen, zu denen sich die Bundesregierung im Regierungsprogramm bekannt haben", meinte der Caritas-Generalsekretär für Internationale Programme. Die UNO hat jüngst reiche Länder aufgefordert, ihre Anstrengungen verdoppeln, um 0,7 Prozent der Wirtschaftsleistung für die internationale Zusammenarbeit bereitzustellen. Dieser Forderung schloss sich die Caritas an. "Das ist kein Frage des Könnens, sondern des Wollens", konstatierte Schwertner.

Quelle: Agenturen