Beschränkter Zugang zu Psychotherapie "dumm und kurzsichtig"

18. Dez. 2022 · Lesedauer 3 min

In ihrem Sachbuch "Patriarchale Belastungsstörung" widmete sich die Autorin Beatrice Frasl dem Umgang mit psychischen Erkrankungen in vielen Facetten. Das Buch entstand aus dem Erleben ihrer eigenen psychischen Erkrankung, 2010 suchte sie wegen Depressionen selbst einen Psychotherapieplatz. "Der Weg dahin muss vereinfacht werden", resümierte sie jetzt in ihrem Buch. Das gegenwärtige System sei "dumm und kurzsichtig".

"Eine psychische Krise ist kein Beinbruch" lautet eines der Unterkapitel, womit Frasl eine solche Krise keineswegs kleinreden, sondern die Unterschiede in der Wertung beider Gesundheitsprobleme aufzeigen will: "Der Vergleich mit körperlichen Symptomen macht es so augenscheinlich", so die Autorin im Gespräch mit der APA, es würde als "unmenschliche Frechheit" gesehen werden, wenn jemand schwer erkrankt zum Arzt käme, der ihm dann raten würde: "kommen Sie doch in sechs Monaten wieder". "Es gibt keine Hilfe. Wir werden Dir nicht helfen", sei daher die Erfahrung, die sie in Österreich gemacht habe, für einen Depressiven eine äußerst depressive Botschaft.

Ihre eigene Suche, die 2010 begonnen hatte, endete 2014 mit einem Therapieplatz, der über die Österreichische Hochschülerschaft ÖH aufkam, einen "echten" dann 2017, schreibt sie in ihrem Buch - und dass dies alles nicht außergewöhnlich, sondern ein "Beispiel von vielen" sei. Ihre späteren Recherchen ergaben, dass es vor allem Armutsgefährdete und somit auch vor allem Frauen sind, die sich keine Therapiekosten zwischen 80 und 160 Euro viermal im Monat leisten können.

"Die Therapie ist in Österreich im Grund eine Privatleistung, denn das Kontingent an Kassenplätzen kann den Bedarf bei weitem nicht erfüllen", stellte Frasl fest. Ein Zustand der bereits vor der Corona- und der Energiekrise, den gestiegenen Lebenshaltungskosten und der daraus resultierenden Zunahme an psychischen Erkrankungen herrschte und der so gegenwärtig noch einmal zugespitzt ist. Wer sich keine Therapie leisten kann, hat laut der Autorin zwei Optionen: Warten bis ein Platz auf Krankenschein da ist, oder die psychische Erkrankung verschlimmert sich, sodass man zu einem Akutfall wird und auf die Psychiatrie kommt, oder die Folgen der Erkrankung werden physischer Natur.

"Psychopharmaka gibt es sofort an der Apotheke", weiß Frasl geht es um die Psychotherapie, dann folge jedoch das ökonomische Argument, dass deren Ausfinanzierung nicht leistbar sei. "Die Folgekosten einer Nicht-Behandlung sind jedoch enorm - und das ist ökonomisch dumm", denn natürlich gebe es psychische Erkrankungen, die episodenhaft auftreten und also wieder vergehen, "genau so gibt es Fälle, die chronisch und akut werden und dann sind Krankenhaus- und Reha-Aufenthalte sowie Frühpensionierungen wegen Arbeitsunfähigkeit massiv teurer für die Gesellschaft. Die menschlichen Folgen in Form von Leid für Betroffene und Angehörige sind da noch gar nicht berücksichtigt - "dumm und kurzsichtig" ist daher die Diagnose, die Frasl für das Gesundheitssystem in Österreich, aber auch Europa insgesamt hat.

Laut Wiener Landesverband ist die Psychotherapie jedoch seit 1993 eine Pflichtleistung der Krankenkassen und einer ärztlichen Behandlung gleichgesetzt, die österreichischen Krankenkassen für sie rund 78 Millionen Euro jährlich aus, rund 0,2 Prozent der öffentlichen Gesundheitsausgaben, rund 250 Millionen Euro werden hingegen für Psychopharmaka ausgegeben.

Quelle: Agenturen