APA - Austria Presse Agentur

Anschober und Kollaritsch für rationale Impfentscheidung

14. Dez 2020 · Lesedauer 4 min

Die Coronaimpfung steht vor der Tür - das verlangt den Leuten in Österreich die Entscheidung ab, ob sie sich impfen lassen. Sie sollen diese nicht emotional, sondern auf der Vernunftebene treffen, plädierten Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) und der Mediziner Herwig Kollaritsch Montag Abend in Wien. Anschober will "ehrlich über Vor- und Nachteile informieren", Kollaritsch hat ein Buch mit "Tipps für die persönliche Impfentscheidung" geschrieben.

Derzeit hat das Coronavirus die Österreicher fest im Griff, sagte der Wiener Infektiologe Kollaritsch. Es hat bis jetzt einen von 2.000 Österreichern getötet, jeder 28. Österreicher ist laborbestätigt infiziert worden. "Wir wissen aber auch, dass wir erst 4,7 Prozent der Bevölkerung durchseucht haben, das heißt, über 95 Prozent sind nach wie vor für das Virus empfänglich", erklärte er.

Der Ausblick ohne Impfung wäre nicht erfreulich, meint er: Es gibt keine Therapien, sondern nur die klassischen Methoden: Lockdowns, Gesichtsmasken, Abstand-Halten, Hygiene und Kontakteinschränkungen, um einigermaßen mit der Pandemie umzugehen. "Wir werden damit diesen Status über Jahre hinweg beibehalten, wenn wir nicht riskieren wollen, dass es zu enormen Ansteckungszahlen kommt, denn das Virus ist gekommen, um zu bleiben", so der Mediziner. Mit natürlicher Herdenimmunität könne man nicht rechnen, denn es ist unklar, wie lange nach einer Infektion die Menschen immun gegen das Coronavirus sind. Außerdem könnte es mutieren und die selben Menschen nochmals krank machen, erklärte er.

"Die Impfung ist also derzeit der einzige Ausweg, um die Pandemie zu bekämpfen", sagte Kollaritsch: "Sie ist in der momentanen Situation ohne Alternativen." Damit könne man die Lage stabilisieren und verhindern, dass das Gesundheitssystem zusammenbricht.

Es gibt Berechnungen, wie viele Leute sich impfen lassen müssten, um Krankheits- und Todesfälle zu verhindern: Selbst bei einer sehr kurz angenommenen Impfschutzdauer von einem Jahr würden je 30 Impfungen einen Krankheitsfall, und je 2.000 Impfungen einen Todesfall verhindern. Der Nutzen würde demnach die Risiken bei weitem überwiegen. "Es gibt fast keine andere Impfung, die eine so gute Bilanz hat", meint er.

Dennoch sollte man offen die möglichen Nebenwirkungen kommunizieren und gut erklären, dass bei den aktuell vor der Zulassung stehenden Seren milde Impfreaktionen recht häufig sind: "Es ist zu erwarten, dass der Körper reagiert - wenn eine Substanz keine Nebenwirkung hat, hat sie mit hoher Wahrscheinlichkeit auch keine Hauptwirkung", sagte der Mediziner.

Die Impfstelle könne schmerzen, und man könne so wie bei der FSME (Zecken) Impfung einen Tag erhöhte Körpertemperatur haben. "Ältere Menschen vertragen sie bedeutend besser, wahrscheinlich weil ihr Immunsystem schwächer reagiert", erklärte er. In sehr seltenen Fällen gäbe es anaphylaktische (starke allergische) Reaktionen. "Das ist aber bei allen Impfungen möglich und steht bei den Seren meist an erster Stelle im Beipackzettel", so Kollaritsch.

Manche Fragen seien bei der Impfung auch noch nicht zu beantworten, sagte er: Zum Beispiel ob sie nur verhindern, dass man krank wird, oder auch, dass man die Viren weitergeben kann. Dazu gäbe es unterschiedliche Beispiele bei anderen Krankheitserregern: Bei Masern bewerkstelligt die Impfung beides, Meningokokken der Gruppe B kann man als geimpfte Person fleißig übertragen, ohne selbst krank zu werden. Aktuell müsste man daher davon ausgehen, dass nur die geimpften Personen selbst vor dem Coronavirus geschützt sind. Wie lange, ist auch noch offen.

Dass die Impfungen so schnell zur Verfügung stehen, sei der weltweiten massiven Forschungstätigkeit zuzuschreiben. "Trotz des raschen Tempos wird aber nicht gehudelt, sondern es werden die verschiedenen internationalen Regeln penibel eingehalten", erklärte der Mediziner. Selbst nach der möglichen Zulassung durch die Europäische Arzneimittel Agentur (EMA) würde zusätzlich jede gelieferte Charge von der heimischen Arzneimittelbehörde getestet. "Sie prüft so penibel wie die Steuerfahndung, ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es für einen Impfstoffhersteller nichts gibt, was unangenehmer ist, als eine Visite der Arzneimittelbehörde", sagte er.

Von einer Impfpflicht halten sie nichts, sagten Anschober und Kollaritsch. Impfgegner hätten eine zu sehr vorgefestigte Meinung, als dass sie missionierbar wären, so Kollaritsch: "Man erreicht sie mit einer Impfpflicht nicht, weil sie Mittel finden, diese zu umgehen, und ermöglicht ihnen nur die Argumentation, dass man mit dem 'Obrigkeitshammer' agieren muss, weil man sie nicht mit rationalen Mitteln überzeugen konnte." Anschober, der sich selbst als "bisher ein wenig schlampig" beim Impfen-Lassen bezeichnet, will zur Information der Bürger unter anderem eine Hotline einrichten lassen, und "ganz altbacken häufig gestellte Fragen und die Antworten dazu auf die Homepage des Gesundheitsministeriums stellen".

Quelle: Agenturen