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200 Symptome: Long COVID gibt Forschern Rätsel auf

23. Feb. 2022 · Lesedauer 3 min

Long COVID ist ein Rekordhalter, der Medizinern viele Rätsel aufgibt: Die Krankheit verursacht bis zu 200 Symptome im ganzen Körper, aber über die Ursachen des Ausbruchs ist kaum etwas bekannt, erklärten Mediziner am Dienstagabend bei einem Vortrag in Wien.

Für die Diagnose und die medizinische Behandlung der Patienten wäre es wichtig, dass es zunächst einmal eine klare Definition dieser Erkrankung gäbe, sagte Raimund Helbok von der Universitätsklinik für Neurologie der Medizinischen Universität Innsbruck. Klar sei nur, dass es sich um eine anhaltende oder immer wiederkehrende Krankheit handelt, die den Patientinnen und Patienten auch drei Monate nach einer überstandenen akuten SARS-CoV-2-Infektion gesundheitliche Probleme bereitet und dass es sich um einen bestimmten "Symptomenkomplex" handelt.

Kein Vergleich mit anderen akuten Erkrankungen

Die Zahl der berichteten Long COVID-Symptome übersteigt bei weitem jene von akuten Erkrankungen, so Helbok. Es gibt derer nämlich bis zu 200. Sie betreffen sämtliche Körperfunktionen und menschliche Organe, erklärte Mariann Gyöngyösi vom wissenschaftlichen Register zu Long-COVID-Patient:innen am Wiener Allgemeinen Krankenhaus Wien (AKH) und der Medizinischen Universität Wien. Meistens treten neurologische Beschwerden auf, zweitens Atmungsprobleme und oft auch Herz-Kreislaufprobleme sowie Autoimmunerkrankungen, sagte sie. Über 90 Prozent der Patienten klagen über Müdigkeit, viele über Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen, Atemnot, Herzrhythmusstörungen, Kreislaufschwäche, Verdauungsprobleme, Niereninsuffizienz und rheumatische Erkrankungen.

Impfung schützt "indirekt"

Welche Personen nach einer akuten Erkrankung von Long COVID heimgesucht werden, sei unklar, so die Experten. Bekannt sei nur, dass das Risiko dafür mit der Schwere der Symptome in der Akutphase, der Viruslast und der Zahl der damals betroffenen Organe steigt. Weil die Covid-19-Impfung all diese Auswirkungen einer Infektion verhindern kann oder zumindest mildert, ist sie indirekt auch ein sehr wirksamer Schutz vor Long COVID, sagten sie.

Ansonsten kenne man keine Möglichkeit, Long COVID bei den Betroffenen zu verhindern. Auch die direkten Ursachen seien unbekannt. Mediziner spekulieren zum Beispiel über Langzeitfolgen des "Zytokinsturms" in der Akutphase, der eine überschießende Immunreaktion auslöst und möglicherweise Autoimmunerkrankungen begünstigt. Das Immunsystem könnte auch nach einer akuten Infektion fehlreguliert sein. Solche Thesen würden nun in der medizinischen Forschung überprüft.

Unterschiedliche Zahlen

Selbst die Zahl der Long COVID-Betroffenen ist nicht gut erfassbar: Daten von Patienten mit der Alpha- und Delta-Variante von SARS-CoV-2 ließen zunächst auf zehn bis 37 Prozent der COVID-19-Patienten schließen. Das wären aktuell 200.000 bis 700.000 Menschen in Österreich, rechnete Gyöngyösi vor. Andere Studien würden hingegen eher auf drei Prozent hinweisen, sagte Helbok. Außerdem könne der Omikron-Stamm mit seinem weniger heftigen Krankheitsverlauf vielleicht auch seltener Long COVID bedingen. Dies würde aber erst in Zukunft zu erkennen sein. Es seien jedenfalls so viele Menschen in Österreich betroffen, dass die Rehabilitationszentren für längere Zeit praktisch ausgebucht sind und Patienten teils erst im Herbst einen Termin bekommen, so Gyöngyösi.

Symptome werden schwächer

Eine gute Nachricht sei, dass bisher bei allen Long COVID-Betroffenen mit der Zeit Besserung eintritt und die Symptome schwächer werden oder ganz verschwinden, sagten die Mediziner. Außerdem würde nur in Einzelfällen stationärer Aufenthalt nötig.

Wer nach einer akuten Infektion nach drei Monaten noch gesundheitliche Beschwerden hat, solle zunächst den Hausarzt aufsuchen, rieten sie. Dieser würde untersuchen, wo die Hauptlast der Probleme liegt und Betroffene bei Bedarf zu den entsprechenden Fachärzten schicken. Nur in ganz speziellen Fällen mit multiplen Symptomen müssten die Patienten kardiologische, internistische oder neurologische Ambulanzen aufsuchen, sagten sie bei dem vom österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) organisierten "Am Puls"-Vortrag.

Quelle: Agenturen