Gerald Karner WeltblickPULS 24

Fundamentalste Bedrohung nur mit Kooperation zu bewältigen

10. Nov. 2022 · Lesedauer 4 min

Die fundamentalste Bedrohung der Menschheit, ein außer Kontrolle geratener Klimawandel, ist nicht mit konfrontativen Methoden, sondern nur in enger internationaler Kooperation zu bewältigen.

Die meisten Menschen spüren, dass wir am Beginn einer Phase fundamentaler Umbrüche leben. Auslöser dafür gibt es einige: die Pandemie, weltweite Migrationsströme, soziale Verwerfungen infolge ungleicher Ressourcenverteilung, Kriege und Konflikte, um die wichtigsten zu nennen. Dem allerwichtigsten Auslöser globaler Umbrüche widmet sich die Staatengemeinschaft noch bis zum 18. November im ägyptischen Scharm asch-Schaich bei der 27. UN-Klimakonferenz: dem Klimawandel. Unter den mehr als 20.000 Teilnehmern werden 90 Staatsoberhäupter und Regierungschefs erwartet, bezeichnender Weise nicht dabei werden der chinesische Staats- und Parteichef Xi Jinping und der russische Präsident Wladimir Putin sein.

Hauptziel der Konferenz ist eine Nachbesserung der vereinbarten – und zu oft nicht eingehaltenen - Klimaziele, im Wesentlichen die Verhinderung einer Klimaerwärmung um mehr als 1,5 Grad Celsius. Es sollte keiner Verdeutlichung mehr bedürfen, welchen katastrophalen Einfluss eine weitere ungebremste Klimaerwärmung auf die Existenz der Menschheit hätte. Verlust der Lebensgrundlagen der Menschen in großen Teilen der Welt, Hunger- und Naturkatastrophen bisher nicht bekannten Ausmaßes, nochmals erheblich verstärkte Migrationsströme und Kriege um Ressourcen wären die Folge, von den desaströsen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft ganz zu schweigen. Vor dem Hintergrund dieser – wissenschaftlich recht verlässlich untermauerten – Szenarien mutet es angesichts mancher politischen Äußerungen auch im Inland recht seltsam an, dass der Ernst der Lage offenbar noch nicht von allen Politiker:innen verstanden worden ist.

Wie kann man dann von der Bevölkerung verlangen, die für Verhinderung des Schlimmsten erforderlichen Änderungen unserer Lebensweise mitzutragen? So wird sich etwa die Art unserer Mobilität genauso verändern müssen, wie jene unserer Ernährung. Mit einem Appell an die Freiwilligkeit der Menschen wird es dabei nicht getan sein, die Politik wird gut argumentieren und auch Leadership zeigen müssen. Und, in der Diskussion noch zu wenig beachtet: Diesen fundamentalen globalen Herausforderungen kann nicht mit Konzepten der Vergangenheit begegnet werden. Ich meine damit das klassische geostrategische und machtpolitische Denken, das ultimativ in Kriegen seinen Ausdruck findet. Es kommt wahrscheinlich nicht von ungefähr, dass Wladimir Putin nicht an der Weltklimakonferenz teilnimmt, er hat aus seiner Sicht Wichtigeres zu tun, nämlich Krieg zu führen. Doch die fundamentalste Bedrohung der Menschheit, ein außer Kontrolle geratener Klimawandel, ist nicht mit konfrontativen Methoden, sondern nur in enger internationaler Kooperation zu bewältigen. Nicht nur, aber auch im Lichte dieser Erkenntnis stellt der Angriff Russlands nicht nur eine Bedrohung der Existenz der Ukraine dar, sondern auch eine des Weltfriedens überhaupt.

Günstige Entwicklung für die Ukraine

Für die Ukraine selbst zeichnet sich im Krieg eine günstige Entwicklung ab: Am 9. November kündigte der russische Verteidigungsminister Sergey Shoigu den Abzug aller russischen Truppen vom rechten, also dem westlichen Ufer des Dnipro an. Diese Entwicklung hat sich seit dem Frühherbst abgezeichnet, die russischen Kräfte auf dem Westufer waren zunehmend vom Nachschub abgeschnitten. Die ukrainische Führung reagierte auf diese Ankündigung zurückhaltend, die Truppen rücken vorsichtig nach. Fest steht jedenfalls, dass eine Wiedereinnahme von Cherson eine erhebliche strategische und operative Bedeutung aufweist: Die wichtige Hafenstadt war bereits kurz nach Beginn der russischen Invasion eingenommen worden, ihre Rückeroberung stärkt die Moral der ukrainischen Bevölkerung gerade nach den wütenden Angriffen Russlands auf die kritische Infrastruktur in den letzten Wochen. Für Russland ist damit ein weiterer Vorstoß über Land nach Westen auf Odessa bzw. nach Nordwesten in die Tiefe des ukrainischen Raumes auf Sicht ausgeschlossen.

Wichtiger noch, eröffnen sich für die Ukraine nunmehr die Optionen von Angriffen sowohl auf die Krim, als auch nach Osten Richtung Mariupol. Vor derartigen offensiven Aktionen wird allerdings eine Auffrischung der sehr beanspruchten Truppen genauso erforderlich sein, wie eine weitere Zuführung moderner westlicher Waffensysteme, die sich für Angriffsoperationen eignen. Der Winter, in dem beide Seiten zunächst eher bemüht sein dürften, ihre Kräfte zu konsolidieren und die besetzten Räume abzusichern, wird zeigen, inwieweit das gelingt. Fest steht, dass eine Rückeroberung von Cherson nicht nur die ukrainischen Truppen entlasten wird, sondern damit auch die Sinnhaftigkeit weiterer westlicher Waffenlieferungen an die Ukraine demonstriert ist: Die ukrainischen Streitkräfte wissen diese Systeme offenbar zu nutzen und sie haben damit Erfolg.

Midterms

Nicht zuletzt gibt der präsumtive Ausgang der Midterm Elections in den USA auch für die Ukraine Anlass zur Annahme, dass sich zumindest für die nächsten zwei Jahre an der Unterstützung der USA wenig ändern dürfte. Und für den Rest der Menschheit gibt dieser Wahlausgang die Hoffnung, dass wesentliche Entscheidungen der USA – etwa auch den Klimawandel betreffend – nicht von rechtsradikalen Verschwörungstheoretikern bestimmt sein werden.  

Gerald KarnerQuelle: Redaktion