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Hintergrundinfo: So wird die Corona-Ampel berechnet

11. Sept 2020 · Lesedauer 4 min

Wie kommt die Ampelfarbe zustande? Wie viel sind harte Zahlen, wie viel wird verhandelt? Wir haben das bei einem Hintergrundgespräch im Gesundheitsministerium nachgefragt, ich fasse aufgrund der vielen Nachfragen zu unseren Sendungen auf PULS 24 noch einmal die Infos zusammen.

Die Grundlage für die Berechnung der Ampelfarbe kommt von der Ages - der österreichischen Agentur für Ernährungssicherheit. Sie hat eine Formel entwickelt, in der Daten der letzten Woche, gerechnet von Mittwoch bis Dienstag, zusammenlaufen. Diese Daten ergeben eine Empfehlung ergibt – das heißt "Scoring". Dabei werden mehrere Faktoren berücksichtigt:

  1. Neu-Infektionen pro 100.000 Einwohner

Die Basis sind die Neu-Infektionen pro 100.000 Einwohner der letzten Woche, gerechnet von Mittwoch bis inklusive Dienstag. Dabei gibt es kaum Verzögerungen vom Labor zur Ages - die Labors müssen die Daten innerhalb von 24 Stunden direkt ins System liefern – es ergeben sich aber sehr wohl Verzögerungen, wenn die Wartezeiten auf die Probenabnahme bis zu vier Tage beträgt, wie man derzeit in Wien immer wieder hört.

Die Schwellenwerte für die Ampel sind hier:

25 Neuinfektionen / 100.000 Einwohner für gelb
50 Neuinfektionen / 100.000 Einwohner für orange
100 Neuinfektionen / 100.000 Einwohner für rot.

In kleinen Bezirken mit wenigen Einwohnern gilt der Grenzwert erst ab 10 absoluten Fällen, sonst könnte ein einzelner Fall schon eine Grenze sprengen.

Demnach wären bereits jetzt mehrere Bezirke orange:

Zeitraum: Mittwoch 2.9. bis Dienstag 8.9.

  • Freistadt mit 76.6 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner
  • Wien (Stadt) mit 73.4
  • Innsbruck-Stadt mit 68.9
  • Kufstein mit 59.3
  • Eisenstadt (Stadt) mit 54.7

Diese Einteilung wird aber durch weiter Faktoren gewichtet – damit verbessert oder verschlechtert sich also der Score. Das sind:

  1. Tests

Hier wird die Zahl der Tests pro 100.000 Einwohner berücksichtigt (viele Tests verbessern den Score), die Positivrate (bei Screening-Tests sollte sie nicht über fünf Prozent liegen) und die Zahl der symptomlos Getesteten (je höher der Anteil umso besser, weil sie vor dem Test und der Absonderung kaum ansteckend waren).

  1. Cluster

Wenn die Infektionswege bekannt sind zugerechnet werden können, verbessert das den Score. Wenn viele Infektionswege nicht nachvollziehbar sind, bedeutet das höhere Gefahr.

  1. Ressourcen im Gesundheitssystem

Je weniger Betten zur Verfügung stehen, desto schlechter der Score. Für diese drei Parameter gibt es ebenfalls Schwellenwerte, die in die Formel einfließen – die konnte ich aber nicht im Hintergrundgespräch am Donnerstag nicht konkret erfahren. Wenn es euch interessiert, bleibe ich da dran.

Ablauf

Die Ages übergibt jeden Mittwoch ihre Zahlen und den errechneten Score an die Mitglieder der Ampel-Kommission. Die Kommission tagt am Donnerstag nachmittag und besteht aus 19 Mitgliedern – zusammengesetzt aus Expert*innen aus Wissenschaft, Ministerien und Bundesländern. Dort werden zusätzliche Informationen besprochen – etwa die regionale Einschätzung der Gesundheitsbehörden, die bei der Einschätzung helfen kann. Jeden Freitag erfahren wir sowohl die Entscheidung der Kommission als auch – wurde mir zugesichert – die Empfehlung, die die Ages aus den Daten errechnet hat.

Vor- und Nachteile

Dieses Ampelmodell hat den Vorteil, dass nicht stur die Zahl der Neuinfektionen als Maßzahl gilt, sondern die tatsächliche Gefahr besser eingeschätzt werden kann. Und den Nachteil, dass die Ampel mit bis zu zwei Wochen Verzögerung nach dem Infektionsgeschehen gestellt wird – und ein politisches Gezerre daraus werden kann. Regionale Wirtschaftsinteressen und politischer Hickhack sollten in der Kommission ja keine Rolle spielen - die ersten Anzeichen, dass das eingehalten wird, sehen nicht rosig aus. Auch die Verschwiegenheitspflicht wurde gestern nicht eingehalten: noch während der Sitzung wurden etwa die Infektionszahlen der Wiener Bezirken an Medien gespielt.

(Hier auch für euch: Leopoldstadt ist mit über 200 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner ein echter Hotspot.)

Wer selbst einen Blick in die Daten werfen will, findest sie im Blog des Mathematikers Erich Neuwirth exzellent aufgearbeitet – ich finde die animierten Karten besonders eindrucksvoll, um das Infektionsgeschehen einordnen zu können.

Wie die Diskussion in der Kommission lief – und was die Ampelschaltungen nun wirklich bedeuten – in eigenen Texten. Falls es bisher Fragen gibt, bitte schicken – wir fragen gerne für euch nach.

Mehr dazu:

Corinna MilbornQuelle: Redaktion