APA/APA (dpa)/Rolf Vennenbernd

Corinna Milborn: Pendlerpauschale - Verpasste Chance

21. März 2022 · Lesedauer 4 min

Warum subventioniert die Allgemeinheit mitten in der Klimakrise Autofahrten, wo man auch öffentlich fahren könnte? Diese paradoxe Situation sollte man schon lange auflösen. Die Regierung tut mit grüner Beteiligung nun das Gegenteil.

Das Pendlerpauschale wird wegen der gestiegenen Benzinpreise um mehr als 50 Prozent erhöht. Und zwar nicht nur bei denen, die aufs Auto angewiesen sind und deshalb das "Große Pendlerpauschale" bekommen: Die Erhöhung des Absetzbetrags um mehr als 50 Prozent bekommen auch die, bei denen Öffis zur Verfügung stehen und zumutbar sind. (die Kriterien für das "Kleine Pendlerpauschale" gibt es hier).

Beispiel 1

Ein Pendler wohnt in Langkampfen in Tirol und arbeitet in Innsbruck. 63 Kilometer Entfernung brachten bisher 2.016 Euro Pendlerpauschale, jetzt 3.024 Euro im Jahr. Dieser Betrag reduziert die Steuergrundlage – bringt also mehr, je mehr man verdient. Dazu kommen statt bisher 126 Euro nun 504 Euro "Pendlereuro", der direkt von der Lohnsteuer abgezogen wird. Das Klimaticket Tirol kostet 519,60 Euro (wenn zwei Erwachsene im Haushalt es kaufen, dann nur mehr 363,70). Die Wegzeit ist mit Auto und Öffis etwa gleich. Das Auto mag oft bequemer sein – aber warum soll die Allgemeinheit die Mehrkosten dafür zahlen, wenn es einen Zug gibt, der seit 2021 deutlich billiger ist?

Beispiel 2

Ein Pendler wohnt in Ilz und arbeitet in Graz. Für die 42km Entfernung stehen ihm bisher 1.356 Euro, jetzt 2.034 Euro pro Jahr zu, dazu kommen – statt bisher 84 - 336 Euro "Pendlereuro". Das Klimaticket kostet 588 für die ganze Steiermark. Ja, mit dem Auto fährt man 42 Minuten, mit dem Bus eine Stunde, 18 Minuten. Jeder soll weiterhin Auto fahren dürfen – aber warum finanziert das die Regierung (und das noch so, dass es Besserverdienern mehr nützt), anstatt das Geld in eine bessere Busverbindung zu investieren?

Beispiel 3

Ein ORF-Mitarbeiter wohnt in Wien Aspern und muss 12 Mal im Monat innerhalb von Wien zum ORF-Zentrum am Küniglberg fahren. Ab 11 Mal Arbeitsweg pro Monat bekommt man das volle "Kleine Pendlerpauschale": Bei 23 Kilometern bisher 696 Euro, ab jetzt 1.044 Euro pro Jahr, dazu statt 46 Euro "Pendlereuro" nun 184.Die Jahreskarte der Wiener Linien kostet 365 Euro. Ja, mit dem Auto ist er um 20 Minuten schneller – aber soll die Allgemeinheit diese Bequemlichkeit finanzieren und jetzt noch 50 Prozent drauflegen, weil das Benzin teurer ist als vor einem halben Jahr? (Übrigens – inflationsbereinigt – so teuer wie 2015). Und warum kann dieser Mitarbeiter fast das Dreifache der Jahreskarte von der Steuergrundlage absetzen, während die Kollegin mit 19 Kilometern Arbeitsweg diese selbst zahlt?

Der Verkehr ist das größte Sorgenkind der Klimapolitik. Um die Klimaziele zu erreichen, müssten die Emissionen um 70 Prozent reduziert werden, stattdessen steigen sie. Zwei Drittel der Emissionen gehen auf Pkws zurück. Man wird also ohnehin nicht um eine grundlegende Reform herumkommen, die es attraktiver macht, das Auto stehen zu lassen. Die Energiepreise hätten eine Chance dazu geboten: Man könnte wohl jedem Pendler, dem Öffis zumutbar sind, ein Klimaticket schenken, und es bliebe noch Geld für schnellere Verbindungen übrig. Das wurde verpasst - mit langfristigen Auswirkungen: Erhöhte Pendlerpauschalen machen Gehaltsverhandlungen schwieriger (schließlich steht ja nun mehr auf dem Lohnzettel) und ermuntern zu Investitionen in Autos, die sich jahrelang in monatlichen Raten niederschlagen. Den Pendlern das Geld wieder zu streichen wird also schwierig. Das macht die überfällige Reform nun – mit grüner Regierungsbeteiligung – teurer, schwerer und unpopulärer.

WHY?

P.s.: Tut Ihnen DAS Pauschale auch in den Ohren weh? Das Wort "Pauschale" wurde von österreichischen Beamten erfunden, als die Beamtensprache noch Latein war. Sie nahmen das Wort Pausch/Bausch (wie bei "in Bausch und Bogen") und hängten das lateinische Suffix –ale dran. Und im lateinischen sind Wörter mit –ale immer sächlich: Daher heißt es in Österreich immer noch offiziell DAS Pauschale. Als das Wort später in Deutschland übernommen wurde, konnten die dortigen Beamten wohl nicht mehr so gut Latein und wandelten es in DIE Pauschale um. Was auch nicht falsch ist – schließlich ist es ja nicht einmal ein lateinisches Wort.

Danke an Christian Seiler für die Erklärung!

Corinna MilbornQuelle: Redaktion