APA - Austria Presse Agentur

Oberösterreichs Spitäler am Limit: Bericht über Leichen am Gang

17. Nov 2021 · Lesedauer 4 min

Die vierte Corona-Welle hat die oberösterreichischen Spitäler fest im Griff. Von Sonntag auf Montag waren laut einer Insiderin in einem Krankenhaus so viele Todesfälle, dass die Prosektur nach einer Nacht am Limit war.

"Die Leichen mussten wegen Überfüllung am Gang abgestellt werden", schildert eine Pflegefachkraft Gespräch mit der APA die aktuellen Zustände. Jeder Corona-Todesfall sei auch für langdienende Pflegerinnen wie sie eine enorme psychische Belastung. "Keiner draußen kann sich vorstellen, was das bedeutet." Nach einem Sterbefall richtet sie die toten Patienten für Angehörige noch her, macht die Haare, wenn Hinterbliebene im würdigen Rahmen Abschied nehmen wollen. Nicht so bei hochinfektiösen Leichen, wie sie dieser Tage oft vorkommen: "Corona-Tote steckst du nackt in einen luftdicht verschlossenen Plastiksack, zippst zu und das war's."

"Mit Covid schwimmen wir total"

Die Arbeitsbelastung in der vierten Welle merkt sie deutlich. Es herrscht - wieder einmal - Ausnahmezustand in den Spitälern ob der Enns. Stationen sind geschlossen, um Belegschaft freizuspielen für die Corona-Abteilung. Andere Belegschaften werden ausgedünnt. Die Stimmung ist erschöpft. "Es brennt und du nimmst keinen Feuerlöscher, sondern Benzin", sagt sie. Schon vor Corona sei man auf ihrer Abteilung mit Mindestpersonalstand besetzt gewesen. "Mit Covid schwimmen wir total."

Christian Dopler, leitender Intensivmediziner in Vöcklabruck, spricht mit PULS 24 Anchor René Ach über die Auslastung der Intensivstation in Oberösterreich.

Triagen, die zwischen Leben und Tod entscheiden können, erlebe sie hautnah mit. Erst vor kurzem sei eine betagte Frau eingeliefert worden, die nur noch 50 Prozent Sauerstoffsättigung aufwies. Normalerweise wäre dies ein Intensivfall, sagt Monika, aber es sei kein Platz frei gewesen. Die Dame war zäh und überlebte. "Da war auch Glück dabei", sagt Monika.

"Du hast derzeit kein Privatleben mehr"

Die Krankenschwester klingt müde. "Du hast derzeit kein Privatleben mehr", sagt sie. Kaum aus dem Dienst läutet das Handy oder eine Nachricht kommt herein mit der Frage, ob man einspringen kann. "Man denkt nicht an Absage." Ihre Kolleginnen und Kollegen sind top, die interne Verbundenheit groß, meint sie. "150 Überstunden haben derzeit alle stehen."

Die Entwicklung macht ihr Angst, denn sogar Ältere würden über Kündigung nachdenken, würden sogar auf die Abfertigung verzichten. Junge Ärzte suchen aktiv nach Ordinationen. Die Stellenausschreibungen der Spitalsbetreiber werden immer mehr. Ihr derzeit größter Wunsch in dieser Welle: "Ich will keinen Bonus, der außerdem noch nicht ausbezahlt wurde. Ich will mein planbares Leben zurück." Einmal aufwachen und nicht am Handy die nächste Anfrage nach Einspringen sehen müssen. Ihre Hoffnungen darauf und die viele ihrer Kollegen im Spital auf diesen Moment beruhen auf Frühjahr.

Triage in Salzburg

In Salzburg wurde aufgrund der Überlastung in den Landeskliniken ein Triage-Team festgelegt, das entscheidet, welche Patienten noch intensivmedizinisch behandelt werden können. Aufgrund der derzeitigen Lage sei zu befürchten, dass die gesetzliche Verpflichtung, "Patienten nur nach den Grundsätzen und anerkannten Methoden der medizinischen Wissenschaft ärztlich zu behandeln, trotz aller gesetzten Maßnahmen nicht mehr durchgängig und vollinhaltlich erfüllt werden kann", schreibt SALK-Geschäftsführer Paul Sungler in der der Zeitung vorliegenden "Überlastungsanzeige".

Keine planbaren OPs im Salzkammergut

Aber auch in Oberösterreich ist die Lage schon angespannt. "Zum jetzigen Zeitpunkt können wir Covid- und andere Patienten auf Normal- und Akutstationen versorgen", sagte Franz Harnoncourt, Geschäftsführer des Kepler-Universitätsklinikums (KUK) im APA-Gespräch am Dienstag. "Aber wir beobachten die Entwicklung in ganz Österreich mit großer Besorgnis." Harnoncourt sprach für das KUK und die Häuser der OÖ. Gesundheitsholding.

Triage gebe es nicht. Wenn die Entwicklung ungebremst so weitergehe, wäre es "inkorrekt, das für die Zukunft auszuschließen", meinte Harnoncourt. Es werde freilich mitbedacht, dass man in den letzten eineinhalb Jahren gelernt habe, dass Covid-Patienten mit bestimmten Parametern gute Heilungschancen hätten, jene mit anderen keine.

Die vierte Welle treffe auf in Dauerbelastung stehendes Personal, "das ist Personal, das seit mehr als eineinhalb Jahren, mit einer kurzen Unterbrechung im Sommer, unter Höchstbelastung steht, das leert die Batterien", betonte Harnoncourt. Er könne sich nicht erinnern, dass eine Erkrankung die Behandlung auf den Intensivstationen so dominiert hätte. Großen therapeutischen Durchbruch gebe es bisher keinen, bewährt hätten sich Behandlungen mit Antikörpern.

Die Situation sei angespannt. In den Salzkammergutkliniken würden gar keine planbaren, nicht lebensnotwendigen Eingriffe mehr stattfinden, im KUK noch in einigen Abteilungen. Normalstationen seien geschlossen, um genug Ressourcen für Covid- und Covid-Intensivpatienten zu haben.

Quelle: Redaktion / koa