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Vier Vorurteile über die Vier-Tage-Woche, die nicht stimmen

02. März 2023 · Lesedauer 3 min

Die Forderung der Gewerkschaft nach einer Vier-Tage-Woche sorgt derzeit für Aufregung. Rund um die Arbeitszeitverkürzung gibt es viele Vorurteile. PULS 24 hat die vier gängigsten gesammelt. Die Expertin für neue Arbeitsmodelle Lena Marie Glaser ordnet ein.

1. "Junge Menschen wollen nicht mehr hart arbeiten. Sie stellen zu hohe Ansprüche."

Lena Marie Glaser: Jeder, der mit jungen Menschen spricht, weiß, dass sie nicht faul sind, sondern oft sehr engagiert, dass sie lernen wollen, dass sie Perspektiven haben wollen und als Arbeitskraft gesehen und wertgeschätzt werden wollen. Dort wo sie diese Rahmenbedingungen bekommen, werden sie auch ihre Leistungen erbringen. Diese Vorurteile mögen in Einzelfällen stimmen, aber diese findet man in allen anderen Altersgruppen auch.

Was sich massiv geändert hat ist, wie junge Menschen auftreten. Das höre ich aus allen Betrieben, dass junge Leute, die zu einem Bewerbungsgespräch kommen, sehr selbstbewusst auftreten. Oft kommen diese mit einem ganzen Forderungskatalog, das führt dann zu Überforderung vom Arbeitgeber.

2. "Arbeitszeitreduktion funktioniert nur in digitalen Branchen wie IT oder Agenturen. In Bereichen wie der Polizei, in der Pflege und Krankenhäusern kann das nicht funktionieren."

Glaser: Gerade in solchen Branchen, wo die Überlastung der Menschen in den letzten Jahren gestiegen ist, ist ein Umdenken wichtig. Es mag sein, dass die Unternehmen, die aktuell mit ihren Modellen an die Öffentlichkeit gehen, oft IT-Start-ups sind, aber das heißt nicht, dass man in anderen Bereichen nicht auch weiterdenken muss. Aus meiner Beobachtung heraus gibt es gerade im Bereich der Pflege und der Bildung immer mehr Menschen, die den Job an den Nagel hängen, weil sie nicht mehr können und nicht mehr wollen.

3. "Wird Arbeitszeit reduziert, dann wird der Druck auf die Arbeitnehmer:innen größer."

Glaser: Wichtig bei dieser Umstellung ist es, dass es eben nicht zu dieser Überforderung kommt. Für mich ist die 4-Tage-Woche eine Zeitreduktion und nicht, fünf Tage Arbeit müssen in 4 Tagen gemacht werden. Wichtig ist es, nach Einführung immer wieder bei den Beschäftigen nachzufragen und Feedback einzuholen, wie funktioniert das? Dann immer wieder nachzuschrauben. Es gibt keine perfekte Standardlösung. Es ist ein Prozess. 

4. "Die 4-Tages-Woche ist nur ein Wunsch der Eliten. Für andere ist das gar nicht erst möglich sich zwischen Mindestlohn und Kinderbetreuung damit zu beschäftigen."

Glaser: Auch Arbeiter:innen und Handwerker:innen wünschen sich faire Arbeitsbedingungen und einen Job, der ihnen Freude macht. Sie wünschen sich ebenfalls ein gutes Leben mit Zeit für ihre Familie und private Interessen. Aus meiner Arbeit weiß ich, dass junge Menschen heute in allen Bereichen, viel selbstbewusster auftreten und sich genau aussuchen, für wen sie arbeiten. Das heißt, neue Arbeitskonzepte dürfen definitiv kein Eliten-Projekt ein.

Lena Marie Glaser (38) ist Autorin, Arbeitsforscherin, Beraterin und Gründerin des Zukunftslabors basicallyinnovative.com. Sie war früher als Juristin im Finanzministerium tätig und forscht heute an der Transformation der Arbeitswelt. Sie beschäftigt sich mit Trends in der Arbeitswelt und Bedürfnissen der jungen Generation. Außerdem berät sie Unternehmen und Institutionen, Personal zu gewinnen und zu halten. Ihr aktuelles Buch heißt "Arbeit auf Augenhöhe – Die New Work Revolution" (2022).

Stefanie StockerQuelle: Redaktion / Sto