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WM 2022: Das sind die fünf Topfavoriten

15. Nov. 2022 · Lesedauer 8 min

Am 20. November wird die 22. Fußball-WM in Katar offiziell eröffnet. PULS 24 wirft einen Blick auf die 32 Mannschaften und stellt die fünf Topfavoriten vor.

Obwohl die WM 2022 zuletzt hauptsächlich wegen der zahlreichen Menschrechtsverletzungen im Gastgeberland Katar im Fokus stand, wird ab 20. November im Golfstaat auch Fußball gespielt. Sportlich gesehen bringt das Großereignis einiges an Brisanz mit sich. Lionel Messi und Cristiano Ronaldo kämpfen um ihre vermeintlich letzte Chance eine Weltmeisterschaft zu gewinnen. Deutschland will sich für das blamable Vorrunden-Aus 2018 rehabilitieren. Frankreich hingegen strebt eine erfolgreiche Titelverteidigung an. 

PULS 24 hat die 32 Kader genauer unter die Lupe genommen und streicht die fünf Topfavoriten hervor. 

Brasilien

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Die Nummer eins der FIFA-Weltrangliste ist für viele Expert:innen DER Topfavorit auf den Weltmeisterschafts-Titel 2022. Der Rekord-Weltmeister wartet sehnsüchtig auf den nächsten großen Coup. Fünfmal konnte man den Pokal bereits erringen, doch seit dem letzten Titel 2002 blieb die "Seleção" einiges schuldig. 2006, 2010 und 2014 schied man im Viertelfinale aus. Bei der Heim-WM 2018 war im Halbfinale nach dem epischen 1:7 gegen Deutschland Schluss.

Doch die aktuelle Spielergeneration in Brasilien ist so gut wie lange nicht mehr. Das beweist allein der Fakt, dass Topstars wie Roberto Firmino (Liverpool) oder Phillipe Coutinho (Aston Villa) den Sprung in den Kader erst gar nicht geschafft haben. Mit Alisson (Liverpool) und Ederson (Man City) hat Nationaltrainer Tite zwei Top-Goalies zur Verfügung. In der Abwehr stechen Reals Eder Militao, PSG-Kapitän Marquinhos und Brasilien-Kapitän Thiago Silva (Chelsea) hervor. Das Mittelfeld ist mit Fabinho (Liverpool), Casemiro (Man United) und dem 24-jährigen Premier League-Shootingstar Bruno Guimares (Newcastle United) ebenfalls top besetzt.

Prunkstück ist jedoch die Offensivabteilung. Neben den Superstars Neymar (PSG) und Vinicius Junior (Real Madrid) stehen auch noch Martinelli (Arsenal), Rodrygo (Real), Antony (Man United), Raphina (FC Barcelona), Gabriel Jesus (Arsenal), Richarlison (Tottenham) und Pedro (Flamengo) zur Verfügung. Bis auf Neymar ist keiner der Stürmer älter als 25. Die Mischung zwischen Jungstars und arrivierten Spielern passt perfekt. 

Durch die Qualifikation für die Endrunde rauschte die brasilianische Nationalmannschaft mit 14 Siegen und drei Unentschieden. Die letzte Pflichtspielniederlage kassierte man im Finale der Copa America 2021 (0:1 gegen Argentinien). Vieles spricht dafür, dass die "Seleção" in Katar ihren sechsten WM-Titel einfährt und damit die Führung in der ewigen Bestenliste ausbaut. 

Frankreich

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Eine der 31 Nationen, die das verhindern möchte, ist der Titelverteidiger, Frankreich. Und der Kader von "Les Bleus" steht dem Brasilianischen um nichts nach. Kapitän und Tormann Hugo Lloris (Tottenham) fungiert als Rückhalt für eine extrem junge und talentierte Hintermannschaft rund um das Bayern-Trio Upamecano, Lucas Hernandez und Pavard, Arsenal-Abwehrchef Saliba, Milan-Dauerläufer Theo Hernandez sowie Kimpembe (PSG), Konate (Liverpool) und Kounde (Barca). 

Im Mittefeld werden die verletzten Paul Pogba (Juve) und N´Golo Kante (Chelsea) schmerzlich vermisst. Die Real-Youngstars Tchouameni und Camavinga müssen wohl in die Bresche springen. Im Sturm ist jedoch - ähnlich wie bei Brasilien - umso mehr Qualität vorhanden. Mbappé (PSG) und Benzema (Real) stechen aus einer hervorragenden Offensivabteilung mit Griezmann (Atletico), Giroud (Milan), Dembele (Barca), Nkunku (Leizig), Coman (Bayern) und dem nachnominierten Gladbach-Stürmer Thuram heraus. 

Für die Franzosen spricht zudem die Erfahrung. Viele Schlüsselspieler waren beim WM-Triumph 2018 bereits an Bord und wissen wie man ein großes Turnier gewinnt. 2016 sammelten die Franzosen mit dem Einzug ins EM-Finale ebenfalls viel Turnier-Erfahrung. Didier Deschamps, der mittlerweile über zehn Jahre im Amt ist, möchte mit seinem Team in Katar einmal mehr Geschichte schreiben.

England

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Wann gelingt den Engländern endlich der große Wurf? Das fragt sich wohl so ziemlich jeder Fan im Mutterland des Fußballs. Die "Three Lions" haben wie Brasilien und Frankreich eine unfassbar starke Spielergeneration am Start und verpassten bei den letzten beiden Großereignissen das angestrebte Ziel nur ganz knapp. Bei der WM 2018 scheiterte das Team von Gareth Southgate im Halbfinale nach Verlängerung an Kroatien. Bei der EM 2021 im heimischen Wembley-Stadion platzten die Träume bekanntlich nach einem dramatischen Elfmeterschießen gegen Italien. 

Sind alle guten Dinge in Katar nun drei? Das Spielermaterial, dass Southgate zur Verfügung hat, würde jedenfalls dafür sprechen. Mit einem Gesamtmarktwert von 1,26 Milliarden Euro haben die "Three Lions" laut transfermarkt.at den teuersten Kader aller 32 Teilnehmer. Angeführt wird jener von Kapitän und Topscorer Harry Kane (Tottenham), der endlich seinen ersten Titel als Fußballer gewinnen möchte. Unterstützen soll ihn dabei unter anderem Youngstar Bukayo Saka (21, Arsenal), der im EM-Finale genauso wie Marcus Rashford (Man United) und sein nichtnominierter Teamkollege Jadon Sancho zur tragischen Figur wurde. Jude Bellingham (19, BVB, einziger Legionär im Kader), Phil Foden (22, Man City), Mason Mount (23, Chelsea), Declan Rice (23, West Ham United) und Co. sind weitere Vertreter von Englands "Goldener Generation". 

Kleines Fragezeichen ist jedoch die Defensive. Harry Maguire (Man United) und Trent Alexander-Arnold (Liverpool) standen nach schwachen Leistungen bei ihren Clubs zuletzt massiv in der Kritik. Zudem fehlen Reece James und Ben Chilwell (beide Chelsea) verletzt. In der Nations League hat sich England nicht gerade in Topform präsentiert. In der Gruppe mit Italien, Deutschland und Ungarn stieg man mit nur drei Punkten aus sechs Spielen sang- und klanglos ab. Der Druck im vielleicht fußballbegeistersten Land der Welt ist immens. Es ist wohl Southgates letzte Chance mit dem Team den großen Coup zu schaffen.

Argentinien

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Fußball-Fans müssen jetzt ganz stark sein: Die Endrunde in Katar wird mit ziemlicher Sicherheit die Letzte sein, bei der man Lionel Messi auf die Füße schauen darf. Der siebenfache Weltfußballer wäre bei der WM 2026 39 Jahre alt. Somit ist Katar wohl auch die letzte große Chance auf einen WM-Titel, die einzige große Trophäe, die "La Pulga" in seiner Bilderbuch-Karriere noch fehlt. 

Messis Beziehung zur Nationalmannschaft ist speziell. Vier Mal scheiterte er mit der "Albiceleste" im Finale eines großen Turniers. In der Copa America verlor Argentinien mit Messi die Endspiele 2007 (0:3 gegen Brasilien), 2015 und 2016 (jeweils im Elfmeterschießen gegen Chile). Dazwischen unterlag man im WM-Finale 2014 Deutschland mit 0:1 nach Verlängerung. Nach der vierten Final-Pleite 2016, bei welcher der jetzige PSG-Star selbst einen Strafstoß vergab, gab er vorübergehend seinen Rücktritt bekannt. Zwei Monate später kehrte Messi jedoch zurück und krönte 2021 schließlich und endlich seine Team-Karriere mit dem Copa America-Sieg. 

Der WM-Pokal steht noch auf der Checkliste, doch abgesehen von Messi, der heuer in Paris mit 26 Scorerpunkten in 18 Spielen wieder an alte Zeiten anschließen konnte, ist der Kader nicht ganz so hochkarätig besetzt, wie jene der Konkurrenz. Die Offensive ist mit Inters Lautaro Martinez, City-Youngstar Julian Alvarez, Atleticos Angel Correa und Altstar Angel Di Maria (Juve) das Prunkstück. Defensiv soll es das Premier League-Trio rund um Goalie Emiliano Martinez (Aston Villa) und die Innenverteidiger Lisandro Martinez (Man United) und der zuletzt verletzte Christian Romero (Tottenham) richten.  

Der angestrebte WM-Titel wird für die Argentinier ein schwieriges Unterfangen, zumal man bereits in der Gruppe mit Mexiko und Polen auf zwei harte Gegner trifft. Für Messi jedoch könnte es bei der WM eine fast göttliche Fügung geben: Aktuell hält er bei 995 Spielen auf Profi-Ebene (Club + Nationalmannschaft). Kommt Argentinien zumindest bis ins Viertelfinale, wird Messi sein 1000. Spiel auf der größten Fußball-Bühne der Welt bestreiten. 

Deutschland 

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"Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen immer die Deutschen." Dieses Zitat von England-Legende Gary Lineker (nach dem WM-Halbfinal-Aus 1990 Englands gegen Deutschland) erreichte Kultstatus. Und ein Kern Wahrheit steckt auch heute nicht in dem Zitat. Zu oft gelang es der deutschen Nationalmannschaft in der jüngeren Vergangenheit über sich hinauszuwachsen und bei einem Turnier besser abzuschneiden, als man davor gedacht hätte. Deutschland ist eine Turniermannschaft und hält aktuell bei vier WM- und drei EM-Titel. 

Seit dem letzten großen Coup (Weltmeister 2014) ist "Die Mannschaft" allerdings einiges schuldig geblieben. Bei der EM 2016 schaffte man es immerhin noch bis ins Halbfinale, ehe bei der WM 2018 erstmals in der Geschichte gleich in der Gruppenphase Schluss war. Bei der EM 2021 scheiterte man ebenfalls früh im Achtelfinale. In der Folge übernahm Bayern-Erfolgscoach Hansi Flick für Langzeittrainer Joachim Löw und entfachte zumindest kurzfristig etwas Euphorie. Die Qualifikationsgruppe gewann man souverän mit neun Siegen aus zehn Spielen. In der Nations League wechselten sich beeindruckende Siege (5:2 gegen Italien) mit rätselhaften Niederlagen (0:1 gegen Ungarn) ab. 

Die Deutschen befinden sich im Umbruch. Vom Stamm der Weltmeister-Mannschaft sind nur mehr Manuel Neuer und Thomas Müller (beide Bayern) übrig. Langjährige Stützen wie Mats Hummels (BVB), Jérôme Boateng (Lyon), Toni Kroos (Real), Mesut Özil (Basaksehir) oder Marco Reus (BVB) haben ihre Team-Karrieren längst beendet, sind verletzt oder wurden nicht berücksichtigt.

Kehl: “Hummels sehr enttäuscht über Nichtnominierung“

Dafür schicken sich neue WM-Helden im schwarz-rot-goldenen Lager an. Jamal Musiala (19, Bayern) kann einer der Shootingstars in Katar werden. Gespannt darf man auch auf das 17-jährige BVB-Talent Youssoufa Moukoko sein, der wegen der Verletzung von Timo Werner (Leipzig) in den Kader rutschte.

Mit Kimmich, Goretzka, Sane, Gnabry (alle Bayern), Gündogan (Man City), Havertz (Chelsea), Rüdiger (Real) und Süle (BVB) kann Flick zudem auf einen großen Kreis an arrivierten Topspielern zurückgreifen. Hinter der Defensive der Deutschen steht ein kleines Fragzeichen, zudem fehlt ein echter Mittelstürmer. Zu den absoluten Topfavoriten zählt man daher nicht, doch es wäre nicht das erste Mal, dass die Deutschen bei einem Großereignis über sich hinauswachsen.

Maximilian PatakQuelle: Redaktion