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Viktoria Schnaderbeck: Anführerin des Aufschwungs sagt "Adé"

11. Aug. 2022 · Lesedauer 5 min

Als Viktoria Schnaderbeck im Teenageralter beim FC Bayern München anheuerte, war sie vor allem als Cousine von Sebastian Prödl bekannt. Längst ist die Steirerin aber selbst Vorbild und Aushängeschild. Schnaderbeck personifiziert den Höhenflug des österreichischen Frauen-Fußballteams und gestaltete die "Sommermärchen" 2017 und 2022 als Kapitänin maßgeblich mit. Am Mittwoch gab sie mit 31 Jahren und gemeinsam mit Lisa Makas das Ende ihrer Karriere bekannt.

Was mit sieben Jahren auf dem Sportplatz und den Wiesen von Kirchberg/Raab begann, führte Schnaderbeck zu Topclubs in Europa. Mit 16 Jahren wechselte sie mit ihrer langjährigen Weggefährtin Carina Wenninger aus der Steiermark nach München zu den Bayern, ihrem Herzensclub. "Ich war als Kind stolze Sammlerin von Postern, über meinem Bett hingen Lothar Matthäus, Stefan Effenberg und Roy Makaay. Dass ich zum FC Bayern kam, war meine eigene Initiative. Ich wollte den Schritt ins Ausland machen, Bayern war naheliegend, also fragte ich, ob ich zum Probetraining vorbeischauen darf", beschreibt sie auf ihrer Homepage den Schritt ins Ausland.

Zwei Meisterschaften, ein Pokalsieg mit Bayern

Mit den Bayern gewann Schnaderbeck, zunächst Mittelfeldspielerin, später Innenverteidigerin, zwei Meistertitel und den Pokal, ehe sie 2018 nach England wechselte und für Arsenal und zuletzt Tottenham auflief. In München begann aber nicht nur ihr rasanter Aufstieg, sondern auch ihre lange Verletzungsmisere. Bei ihrem Pflichtspieldebüt für die Bayern mit 17 Jahren zog sie sich am 24. März 2008 nach wenigen Minuten einen Kreuzbandriss zu. "Mit 17 droht schon das Karriereende. Eine Sache habe ich da früh gelernt und erkannt: Nichts ist selbstverständlich, nimm jeden Moment mit, den der Fußball dir schenkt. Rückblickend ist mir das sehr gut gelungen", resümierte sie am Mittwoch.

Das Comeback dauerte auch nicht lange, im Spiel von Bayern II riss im März 2009 neuerlich das Kreuzband im rechten Knie. Die Verletzungen setzten sich mit Meniskusriss, hartnäckiger Entzündung der Patellarsehne und Knorpelblessur fort. Mittlerweile steht Schnaderbeck bei acht Knieoperationen. "Es ist so, dass ich es fast gewohnt bin, Probleme mit dem Knie zu haben", sagte sie im Juni in der unmittelbaren EM-Vorbereitung.

Identifikationsfigur trotz Verletzungsproblemen

Denn auch die zwei Highlights ihrer Karriere standen aufgrund davor erlittener Knieverletzungen an der Kippe. Doch Schnaderbeck biss sich jeweils durch, wurde rechtzeitig fit und trug sich so im rot-weiß-roten Trikot in die österreichischen Sport-Geschichtsbücher ein. Als Kapitänin führte die Abwehrspielerin das ÖFB-Frauenteam zur erstmaligen EM-Teilnahme, die 2017 in den Niederlanden bis ins Halbfinale führte. Schnaderbeck war in allen fünf Partien dabei.

Das "Sommermärchen" brachte gute TV-Einschaltquoten, animierte in der Heimat erstmals zu Public Viewing bei einem Frauen-Fußballmatch und brachte dem ÖFB-Frauenteam von Trainer Dominik Thalhammer die Auszeichnung zu Österreichs Mannschaft des Jahres 2017.

EM 2022 als "the last dance"

AFP

Fünf Jahre später, vor dem zweiten großen Turnier, gab es für Schnaderbeck so etwas wie ein Deja-vu. Die Leaderin war verletzt, gewann das Rennen mit der Zeit und war beim nächsten Highlight wieder mittendrin. Schnaderbeck führte ihre Kolleginnen am 6. Juli im "Theatre of Dreams", dem Old Trafford Stadion von Manchester United, vor 68.871 Zuschauern beim Eröffnungsspiel gegen Gastgeber England aufs Feld. "Für mich wurde ein kleiner Traum wahr", sagte sie danach.

Auch die zweite EM brachte mit dem Viertelfinaleinzug einen großen Erfolg. Unvergessen bleiben nicht nur die starken Leistungen, sondern bleibt auch die offen ausgelebte Freude. Nach dem Erfolg gegen Nordirland entwickelten sich die ÖFB-Frauen zu wahren "Feierbiestern" mit Kabinenparty und der Stürmung der Pressekonferenz - mit der Kapitänin mittendrin. "Bei so einem Turnier dabei zu sein, kommt nicht oft vor. Da wollen wir die Momente als Team genießen und die Siege im wahrsten Sinne des Wortes feiern. Das hinterher, das verbindet, das sind die Geschichten, die wir in Jahren wieder erzählen werden", begründete Schnaderbeck die ausgelassene Stimmung.

"Hätte mir kein schöneres Ende vorstellen können"

Ein perfektes Ende einer großen Karriere. "Ich hätte mir keinen schöneren Abschluss vorstellen könne, als bei und mit der Nationalmannschaft, meiner zweiten Familie. In England bei der EURO hat sich ein Kreis geschlossen, auf der höchsten Bühne, den es im europäischen Frauen-Fußball gibt", sagte Schnaderbeck im Rahmen ihres emotionalen Abschieds und betonte im Rückblick: "Ich würde es genauso wieder machen".

Die Mastersabsolventin der Wirtschaftspsychologie, die seit Jahren als Keynote-Speakerin arbeitet, war aber nicht nur auf dem Rasen Vorkämpferin. Im Dezember 2019 outete sich die Steirerin als erste österreichische Teamspielerin, als sie auf Instagram ein Liebes-Foto mit ihrer Partnerin postete. "Danke an meine zukünftige Frau Anna, ohne dich hätte ich zuletzt nicht die Kraft besessen, zurückzukommen und die EM am Platz so miterleben zu dürfen", erklärte Schnaderbeck am Mittwoch. Das erste Ziel nach der Karriere ist nun eine Reise mit ihrer Freundin nach Asien. Danach hat sie "Bock, richtig durchzustarten". Wobei genau, wird sich noch zeigen.

Quelle: Agenturen / mpa