Roller Derby: "Bei uns muss sich niemand outen"

11. Juli 2022 · Lesedauer 4 min

Während viele Sportarten von Männern dominiert werden, wird Roller Derby in Österreich nur von Frauen betrieben. Eine Sportart, die Geschlechterrollen und Diskriminierung überholen will - wie gelingt das?

Die Frauen-Fußball-EM wird weniger Aufmerksamkeit erhalten als die der Männer. Die Gehaltsunterschiede zwischen Sportlern und Sportlerinnen sind gravierend hoch. Der Weltschwimmverband schließt Transgender-Personen von Frauenwettkämpfen aus. Beach-Volleyball-Spielerinnen müssen dafür kämpfen, nicht in Bikinihöschen am Feld stehen zu müssen. Und im Fußball gibt es immer noch Aufregung, wenn einmal ein Spieler öffentlich sagt, er sei homosexuell.

Und dann gibt es da eine Sportart, wo das alles keine Rolle mehr zu spielen scheint. Und eigentlich nie gespielt hat. Roller Derby.

Eine Sportart, die zumindest in Österreich von keinem Männer-Verein betrieben wird. Eine Sportart, bei der die Spielerinnen aber von Männern angefeuert werden. Manche davon tun das sogar im Cheerleaderkostüm. Fünf Vereine gibt es mittlerweile in Österreich – in Wien, Graz, Innsbruck, Linz und Salzburg. "Bei uns muss sich niemand outen", ist sich Verena Borecky alias Glutea Maxima – das ist ihr Spielerinnenname bei den Grazer "Dust City Rollers" - sicher. Allen – egal ob cis-, trans- oder intergender – soll ein sicheres Umfeld geboten werden. Sie hält die Debatten für überholt.

Es geht ums Überholen

Ums Überholen geht’s bim Roller-Derby aber auch. Manche bezeichnen die Sportart als "Rugby auf Rollschuhen". Es ist ein Vollkontaktsport, bei dem es hart zugeht, bei dem Fairness aber eine große Rolle spielt. Zwei Teams treten gegeneinander an. Ein Spiel dauert zweimal 30 Minuten. Ein Spiel wird wiederum in Einheiten, "Jams", von je zwei Minuten unterteilt. In einem Jam versucht die Jammerin die Gegner auf einer ovalen Bahn zu überrunden – pro überholter Spielerin gibt es einen Punkt. Die vier Blockerinnen des gegnerischen Teams versuchen, die Jammerin daran zu hindern.

Entstanden ist der Sport, bei dem der Entertainmentfaktor von Beginn an eine wesentliche Rolle einnahm, in den 1930er Jahren in Chicago. Der richtige Durchbruch gelang in den 90ern. Viele Spielerinnen kamen damals aus der Frauen- und Punkbewegung. Nach Europa kam der Sport in den 2000ern. In Wien wurde Österreichs erster Klub 2011 gegründet.

Von Frauen erfunden

"Es ist eben ein Sport, der stolz darauf ist, niedrige Hierarchien und einen freundlichen Umgang – auch zu anderen Teams – zu haben", sagt Glutea Maxima. Andere Sportarten können sich da was abschauen, auch wenn Vergleiche manchmal schwierig seien: Der Sport wurde von Frauen etabliert und erfunden, es gibt in Österreich keine Spielerinnen, die das hauptberuflich machen und Roller Derby ist nach wie vor ein Randsport, in dem sich die Vereine basisdemokratisch organisieren können.

Dennoch: Man versuche bei den "Dust City Rollers" mit genderneutraler Sprache – sei es im Training, auf der Website oder bei Aussendungen – niemanden auszuschließen. Dazu organisiere man Workshops und es gibt eine eigene Arbeitsgemeinschaft mit Ansprechpersonen, wo Wünsche und Probleme angesprochen werden können. Und wenn mal etwas missglückt, dann verschließe man sich Kritik nicht und wolle es beim nächsten Mal eben besser machen, erklärt die Grazer Skaterin. "Nicht nur reden, sondern Gleichberechtigung selbst leben", sei das Motto.

Dass etwa in der "vergleichbaren Sportart" Rugby diskutiert werde, ob Transgender-Personen ausgeschlossen werden sollen, weil es für Gegnerinnen zu unsicher wäre oder weil Testosteron einen Vorteil verschaffe, findet Glutea Maxima "perfide". Für Sicherheit werde durch "Fairplay" und die Regeln gesorgt. Viel wichtiger als diese Diskussion sei es, nicht zu diskriminieren. Dazu tragen übrigens auch die im Roller Derby üblichen Spielerinnennamen bei: "Niemand muss unter dem Klarnamen spielen, der im Pass steht", sagt Glutea Maxima. Die Regenbogenfahne hängt sowieso bei jedem Spiel.

Der Weg für Männer wäre geebnet

Und die Männer? Die wirken derweil nur als Schiedsrichter mit. Es würde ihnen aber "sicher niemand im Weg stehen", wenn sie einen eigenen Verein gründen wollten, versichert die Skaterin. Im Gegenteil: Die Frauen hätten den Weg nun ja schon geebnet und es würde sich sicher wer finden, der die Männer trainieren würde. Eins sei ihnen aber gesagt: So einen Verein zu gründen ist eine "zache Hackn", wie Glutea Maxima aus eigener Erfahrung weiß.

Konstantin AuerQuelle: Redaktion / koa