APA - Austria Presse Agentur

Neo-Zweiter Medwedew fühlt vor Miami keinen Extra-Druck

24. März 2021 · Lesedauer 4 min

Normalerweise wird in Indian Wells das erste Tennis-1000-Turnier des Jahres gespielt. Aber was ist schon normal in Pandemie-Zeiten? Nun ist Miami die erste und einzige US-Station im Frühling, auch das traditionelle Sandplatzturnier in Houston ist gestrichen worden. Und in Miami ist auch sonst einiges anders: Novak Djokovic, der lieber Zeit mit seiner Familie verbringt, Rafael Nadal (Rücken), Dominic Thiem und Roger Federer haben allesamt abgesagt. Auch Serena Williams fehlt.

So wird Miami 2021 das erste Masters-1000-Event seit Paris-Bercy 2004, bei dem weder Djokovic, Nadal noch Federer antreten. Der mit einer Wildcard versehene Andy Murray musste auch noch verletzt passen, Stan Wawrinka ist auch nicht in Florida.

Damit führt Australian-Open-Finalist Daniil Medwedew das Feld an. Der Russe ist seit etwas mehr als einer Woche die erste Nummer zwei im ATP-Ranking seit 2005 (Lleyton Hewitt), die nicht aus den "big four" (also inklusive Murray) stammt. Extradruck beschert ihm diese Position aber nicht, versichert er. "Es gibt mir nur einen Energieboost. Ich möchte einfach versuchen, immer besser zu spielen, um mir selbst zu zeigen, dass ich es verdiene", sagte Medwedew. Nach 20 Siegen en suite, darunter auch 12 Siege über Top-Ten-Spieler, hatte der Russe erst im Finale von Melbourne verloren.

Alexander Zverev, den die knappe US-Open-Final-Niederlage gegen Thiem im Vorjahr "noch hungriger" gemacht hat, Andrej Rublew, Denis Shapovalov sind allesamt im Favoritenkreis, auch wenn nur zwei der Top 6 am Start sind.

Shapovalov hatte schon in Dubai einen anderen Grund genannt, der für Diskussionen sorgt. Ich bin überzeugt, dass es viele Absagen geben wird, weil die Preisgelder zu tief sind." Wobei tief relativ ist. Shapovalov kassierte für seine Halbfinal-Qualifikation im Golfemirat immerhin gut 78.000 Dollar. Noch vor einem Jahr wäre es allerdings fast doppelt so viel gewesen. "Das ist nicht gerade motivierend, um jede Woche zu spielen."

Shapovalov weist auf die gravierenden Einschränkungen hin, denen sich die Spieler unterwerfen müssen. Dazu gehören das isolierte Leben in einer Blase während der Turniere und vor allem die Beschränkung der Begleiter auf ein Minimum, die es beispielsweise Familienvätern wie Federer, Djokovic oder Murray praktisch verunmöglichen, mit ihren Angehörigen zu reisen. In diese Richtung könnte man also die Absage von Djokovic interpretieren, denn das Geld spielt bei ihm wohl nicht so eine Rolle.

Das Preisgeld wurde allerdings vor allem zuungunsten der Topstars abgeflacht. Im Vergleich zur bisher letzten Austragung vor zwei Jahren sank es zwischen 9 Prozent (1. Qualifikationsrunde) und 78 Prozent (Turniersieger). Die Durchschnittsspieler sollten weniger "bluten" müssen, war die Absicht von ATP und Veranstaltern.

Alexander Zverev hatte sich nach seinem Acapulco-Titel wie auch andere über die ATP aufgeregt. "Die sind nur darauf fokussiert, das Finanzielle in Ordnung zu halten", sagte der 23-jährige Deutsche der "Bild"-Zeitung. "Die Meinung der Spieler ist nicht deren Priorität. Das ist schade, denn die ATP sollte für die Spieler da sein. Im Moment ist man offensichtlich mehr für die Turnier-Veranstalter da." Zverev hatte wie zuvor auch Djokovic gefordert, an einem Ort alle Turniere zu spielen, um das Reisen und somit das Risiko einer Corona-Ansteckung zu minimieren. "Das hat die ATP nicht interessiert", meinte der Weltranglisten-Siebente.

Sich die Reise in die USA samt aller Restriktionen und Blasen-Leben für nur ein einziges Turnier anzutun, wäre ein weiterer Grund. Fehlende Zuschauer und damit fehlende Atmosphäre ein anderer. Diese hatte zuletzt auch Wolfgang Thiem für die spielerische Krise seines Sohnes in den "Salzburger Nachrichten" verantwortlich gemacht. "Dominic ist eben der Typ, der die Emotion und Stimmung auf dem Platz braucht und auch abseits davon seine Freiheit, damit er sein Leistungsmaximum abrufen kann", meinte Thiem damals.

Auch die Preisgeldreduktion spiele durchaus eine Rolle, auch wenn sein Sohn selbst mittlerweile Multimillionär ist. "Ist jemand, der für seine Arbeit, egal in welchem Job, plötzlich nur mehr die Hälfte verdient, gleich motiviert wie zuvor? Ich denke nicht."

Das Thema ist komplex und man darf hinter den Sportstars den menschlichen Faktor nicht vergessen. Für manche ist das Reisen sogar fast wieder etwas Neues: wie zum Beispiel für die Weltranglisten-Erste Ashleigh Barty. Die Australierin hat eine fast 50-Stunden-Reise von "down under" nach Florida hinter sich. Barty war hauptsächlich wegen der Coronavirus-Pandemie ein Jahr lang nur in Australien, Miami ist ihr erstes Turnier außerhalb ihrer Heimat seit Februar 2020. "Das wird hart, wieder Tennis zu spielen, nach so einer Reise", sagte die 24-Jährige, der Flugplan war wegen Streichungen zusätzlich durcheinandergeraten. Sie ist Titelverteidigerin.

"Es war ziemlich hart, Australien zu verlassen und ziemlich emotional für mich. Aber wir sind doch aufgeregt, dass wir die Chance haben, die ganze Saison zu spielen", gestand Barty. Ihre größten Konkurrentinnen werden wohl die nun vierfache Major-Siegerin Naomi Osaka sowie die Rumänin Simona Halep sein.

Quelle: Agenturen